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Zum Thema – Mai 2010

| 27. April 2010 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 62

Spieglein, Spieglein an der Wand Wer heute nicht die gewünschte Antwort erhält auf die Frage nach der Schönsten im Land, greift nicht zum vergifteten Apfel für die Rivalin, sondern bemüht Skalpell oder Spritze des Schönheitschirurgen. Das moderne Schneewittchen heißt Claudia Schiffer, Heidi Klum, Angelina Jolie oder wer immer die Hitlisten anführt. Und es ist, wie es scheint, reproduzierbar.

Schicksalsergebenheit wird von Mann und Frau längst nicht mehr akzeptiert. Seit die Stilisierung des Körpers durch Reifrock oder Korsett abgeschafft wurde, geht der Trend zur vorbildorientierten Selbstgestaltung mit anderen Hilfsmitteln. Vom Bodystyling, Bodyshaping durch schweißtreibende Trainings über Diät, vom Absaugen, Injizieren bis hin zur plastischen Chirurgie reicht das Arsenal zur Optimierung der menschlichen Natur.

Längst bleiben diese distinktiven Strategien der Selbstaffirmation nicht mehr nur auf die Verpackungen und Oberflächen des Körpers beschränkt, sondern drängen unter die Haut. Dreh- und Angelpunkt der vielfältigen Selbstmodellierungstechniken ist das Bild des sportlichen Körpers. Nur ausgezogen zeigt er seine Geformtheit tatsächlich und bezeugt die Lebensführung der Person: ihr Gesundheitsbewusstsein, ihre Selbstdisziplin, ihren Willen zum Stil. Wer seinen Körper – visuell – nicht unter Kontrolle hat, scheint selber Schuld und droht als faul, stillos, letztlich überflüssig zu gelten Der Körper wird zur authentischen Visitenkarte einer Zugehörigkeit zum Club der Leistungswilligen und Bessergestellten.

Wie alle einschlägigen Untersuchungen zeigen, sind Sport, Fitness und Wellness überwiegend Mittelschichtspraktiken. Rauchen, schlechte Ernährung, Fettleibigkeit etc. sind statistisch Kennzeichen der unteren sozialen Milieus. Soziale Unterschiede nehmen in den Körpern Gestalt an: Den durchtrainierten und gelifteten Körpern einer ganzheitlich entspannten Leisure-Class stehen die Körper einer ökonomisch wie gesundheitlich sichtlich angeschlagenen Loser-Class gegenüber. Fazit: Sein oder De-Sign lautet die widersprüchliche Frage unseres Zeitgeistes. Lange bevor der Mensch Hand an sich anlegte, träumte er sich künstliche Geschöpfe, etwa in der Gestalt von Golems und Frankensteins. Die schöne Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“ etwa, in die sich der Dichter hoffnungslos verliebte, war und blieb letztlich nur eine bewegliche Puppe.  Aber heute sind die Schranken zwischen künstlich und natürlich, zwischen Mensch und Maschine zunehmend verwischt. Willkommen im Reich von Terminator und RoboCop!

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Zum Thema, Fazit 62 (Mai 2010)

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