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Der magische »1. Juli« und unser Leben in Extremen

Peter Bermann | 27. Juli 2010 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 64, Schlusspunkt

Ist es nicht eigenartig, dass heutzutage vieles nur noch in extremen Auswuchtungen daherkommt? Entweder die Leute sind – das sei vor dem magischen Datum „1. Juli“ festgehalten – radikale Nichtraucher und wünschen jedem, der sich eine Zigarette anzündet, die nikotingelbe Hand möge ihm abfallen wie die Glut von der Kippe; oder sie verstehen sich als unverbesserliche Qualmer, die sich in Raucherklubs zusammenrotten und niemanden hereinlassen, der noch wesentlich mehr als die Hälfte seiner Lungenbläschen mit sich führt. Der freundliche Gelegenheitsraucher hat sich wohl in Luft aufgelöst. Es gibt übrigens auch kaum noch Menschen mit Geheimratsecken, so als hätte irgendwann jemand die Männer vor die Wahl gestellt, entweder eine volle Mähne vorweisen zu können oder das bereits schüttere Haupthaar bis auf die nackte Kopfhaut herunterzurasieren. Irgendwie scheinen sogar die sympathischen Vollschlanken mittlerweile keine Chance mehr zu haben, weil sie sich partout nicht entscheiden können, was sie eigentlich sein wollen: superfett oder mikadodünn.

Für Zeitgenossen, die andere gerne mit Beleidigungen und Schmähungen überziehen, sind dünn und vor allem fett natürlich die einzig brauchbaren Kategorien. Die Verwünschung eines Halbfetten als „vollschlankes Schwein“ mag nicht recht zünden, das mit sattem Zungenschlag endende Wort „fett“ lässt dagegen ein solches Maß an Niedertracht mitschwingen, dass bei dem essfreudigen Adressaten die Tränen aus den runden Äuglein fließen. Besonders Teenager, hier wiederum vorzugsweise Mädchen, schätzen die vernichtende Kraft des Wörtchens „fett“ so sehr, dass sie es gerade in den Rang einer Todsünde erheben.
Das kann einen wirklich aufbringen, und die Frage sei erlaubt, ob denn „fett“ wirklich das Schlimmste ist, was ein Mensch sein kann? Ob also nicht vielmehr die Untugenden Neid, Rachsucht, Oberflächlichkeit, Boshaftigkeit und die schon seit Jahrhunderten in der Sündenliste weit oben rangierende Eitelkeit als ungleich schlimmer einzustufen sind? Das ist natürlich eine sehr moralische Frage, die  nicht einmal den Raucher ums Eck zur Zeit brennend interessiert. Hut ab dafür – aber Hut auch gleich wieder auf: Die schlotenden Teenies von heute wissen doch gar nicht mehr, dass ihre Eitelkeit sie direkt ins Fegefeuer und nicht, wie sie meinen, zu Pimkie und Zara führt.

Kürzlich traf sich in einem englischen Pub – so erzählte mir eine Anhängerin typisch britischen Humors – eine Runde um ein äußerst fülliges Geburtstagskind. Als das Lied „Happy Birthday“ an die Stelle kam, wo der Name der Jubilarin hätte fallen müssen, schwiegen die Sänger aus Unkenntnis. Der Wirt aber stimmte in die Melodie ein und half mit dem gesungenen Provisorium „fat bitch“ aus, was zweierlei bewirkte: Tränen bei der geehrten und die Erkenntnis der Runde, dass „fett“ manchmal auch einfach nur ein hilfreiches Identifikationsmerkmal sein kann. Es wir heute gern behauptet, wir lebten in einer freien Gesellschaft. Das ist nicht ganz falsch. Ein Bürger darf heute in der Öffentlichkeit Dinge zeigen, die er früher besser für sich behalten hat. Dazu gehört seine eigene Meinung ebenso wie der Stringtanga, der ihm hinten aus der Hose blitzt. Es gibt aber auch eine Menge Sachen, die man früher offen zeigen durfte, heute dagegen verstecken muss. Dazu gehört – vor dem 1. Juli sei’s nochmals gesagt – die Zigarette, schon sehr viel länger allerdings gehört dazu die schlechte Laune. Man findet im öffentlichen Raum wenigstens ab und an noch eine winzige Ecke, in der der Raucher qualmen darf. Einen Ort etwa, an dem man ungestört schlecht gelaunt sein kann, sucht man vergebens.

Es existieren keine Abteile für Grundgrantler oder Miesepeter, es werden auch keine Zimmer für Stinkstiefel freigehalten. Der Raucher hat immerhin die Tabakindustrie, die ihm zur Seite steht. Für den Schlechtgelaunten setzt sich keine Lobby ein, im Gegenteil. Er wird von der Unterhaltungsindustrie bekämpft. So hat die Firma Sony kürzlich einen Fotoapparat entwickelt, der auf Wunsch nur lachende Gesichter aufnimmt. Bei allen anderen löst er sich nicht aus. Ging es beim Fotografieren früher nur darum, dass überhaupt einer auf dem Bild war, darf er nun nicht einmal mieselsüchtig drauf sein. Aus dem „Bitte recht freundlich“ ist ein Befehl geworden. Wer nicht gehorcht, schafft es nicht ins Album.

Natürlich kann man nun sagen, das sei hier wieder ein übellauniger Versuch, die Segnungen der modernen Technik zu diffamieren. Keiner hat was gegen gute Laune. Es wäre nur schön, wenn man sie weiterhin freiwillig haben dürfte, und nicht, wenn es einem der eigene Fotoapparat empfiehlt. Denn das ist ja wie immer nur ein Anfang. Später wird es vielleicht Handys geben, die aus der Leitung gehen, sobald einer schreit. Es wird Wecker geben, die für Morgenmuffel nicht klingeln, Gitarren, die sich weigern, traurige Musik zu spielen, Computer, die keine melancholischen Mails mehr versenden. Die Dinge gehören uns noch, aber jetzt müssen wir auf sie hören. Wahrscheinlich erfindet jemand irgendwann sogar eine Zeitschrift, die keine schlechtgelaunten Artikel mehr druckt. Das wäre das Ende.

Schlusspunkt, Fazit 64 (Juli 2010)

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