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Königliches Vergnügen

| 25. März 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 121, Fazitreise

Foto: Katharina ZimmermannMarokko ist für viele gleichzusetzen mit der Sehnsucht nach einer fremden Welt, nach Farben, Formen, Gerüchen und Geschmäckern, die man in dieser Art nirgendwo bekommt. Marrakesch, als Tor zu Afrika, eröffnet einen Einblick in diese so fremdartige Welt, die einen mit Haut und Haaren schluckt. In den Gassen von Fez verläuft man sich und fühlt sich schnell tausend Jahre zurückversetzt. Ob man will oder nicht.

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Endlich durchatmen. Nur in Badehose bekleidet liegt man im Hamam (Dampfbad) der »Les Bains du Marrakech«, bald erkennt man das Gewölbe nicht mehr, denn der Dampf verdichtet sich. Er legt sich zwischen die innere Unruhe und das Gewusel, das in den Straßen von Marrakesch herrscht. Vor einer halben Stunde wäre man noch fast von einem der wilden Mopedfahrer angerempelt worden, der Taxifahrer auf der Fahrt zur Wellnessoase ließ beim Handeln auch in der dritten verwendeten Sprache nicht locker und auf dem Weg vom Riad zum Taxistand wurde man gefühlte dreihundert Mal angesprochen, ob man nicht Gewürze, Stoffe oder Lederjacken kaufen möchte. Nun ist da nicht viel. Die optischen Reize werden langsam weniger, verblassen in der Ruhe des Hamams. Logisch, dass die Einheimischen sich diese Behandlung regelmäßig verschreiben, es ist der ersehnte Ausgleich zu den Straßen der Altstadt, die hier »Medina« genannt wird. Und nun betreten auch schon die Hamam-Damen den Raum und leiten die Wiedergeburt ein: Wie eine Schlange wird man aus der Haut geschält. Ein neues Kapitel in der eigenen Ausgabe von »Tausendundeine Nacht« kann beginnen.

Von Marrakesch eingesaugt
Und kaum hat man eingeölt und frisch durchmassiert das Badehaus verlassen, ist man zurück in der arabischen Realität. Licht und Schatten wechseln sich in den Gassen ab, überall wimmelt es, unverständliche Sprachfetzen fliegen durch die Luft und alles scheint sich zu bewegen und immer wieder neu zu entstehen. Die Gerüche von den vielen Imbissständen holen einen immer wieder ein. Sie sind so fremd wie aufregend. Wie als wäre man in einen überdimensionalen Bienenstock verpflanzt worden, in dem man weder die eigene Funktion kennt noch erahnen kann, was eigentlich alle anderen vorhaben. Hält man eine Kamera in der Hand, so gönnt man dieser kaum eine Pause. Der Motive gibt es zu viele. Allesamt meisterhaft in ihrer Fremdartigkeit und Unvollkommenheit. Interessant und vollgesogen mit Geschichten, die man nur erahnen kann. Denn man ist Gast in diesem fremden Land, das einem ganz schnell aufzeigt, dass man sich hier keinesfalls in Europa befindet und jegliche westlichen Attitüden am besten sofort ablegen sollte. Und abends – mit von Tajines (nordafrikanisches Schmorgericht) vollem Bauch – da schläft man dann wie ein Stein. Denn nur so ist es möglich, diese Eindrücke aufzuarbeiten.

Auf den Spuren der Könige
Vier sogenannte Königsstädte gibt es in Marokko. Fez, Marrakesch, Meknes und Rabat heißen sie. Der Name ist beziehungsweise war Programm, denn über die Jahrhunderte haben die Könige jeweils in anderen Städten gelebt und diese zu blühenden Metropolen gemacht. Den Glanz kann man auch heute noch sehen, selbst wenn mittlerweile seit 1912 Rabat die Hauptstadt und so der Wohnsitz von König Mohammed VI. ist. Man kann sich während einer Marokkoreise schon alle ansehen, allerdings sollte man sich dafür viel Zeit nehmen und davon ausgehen, dass irgendwann das Fass der Reizüberflutung einfach voll ist. Um da wieder runterzukommen, hilft nur das Meer oder die Wüste. Zum Glück gibt es in Marokko mit dem wilden Atlantik und der sengenden Sahara von beidem genug. Zum Einstieg eignet sich Marrakesch besonders gut, da es einerseits mit einem Direktflug ab Wien erreichbar ist. Außerdem kann man hier mal in die Welt der Riads (Atriumhäuser), Souks (Händlerviertel), Gärten und Hamams eintauchen. Als Einstiegspunkt und Fixstern eines jeden Marrakeschurlaubs dient der große Platz »Djemaa el Fna«, an dem Gaukler und Geschichtenerzähler genauso ihr Unwesen treiben wie Massen an Touristen und viele, viele kulinarische Verkaufsstände. Von diesem vibrierenden Ort lässt es sich leicht in die Souks eintauchen. Hier gilt es, sich treiben zu lassen und sich nicht von den Kommentaren und Verhandlungsversuchen der Standler verunsichern zu lassen. Oft hat man – vor allem als Frau – das Gefühl, niemandem in die Augen schauen zu können, ohne nicht schon irgendein Tuch oder eine Ledertasche gekauft zu haben. Hier helfen Brillen mit dunklen Gläsern ungemein gut. Abwechslung zu diesem Treiben findet man einerseits im eigenen Riad, einem traditionellen Mini-Stadtpalast mit Innenhof und Brunnen oder indem man sich in einem der Wellness- oder Poolbereiche der großen Hotels einmietet. Anbieten würden sich das »La Mamounia« oder das »Les Jardins de la Medina«. Dabei fühlt man sich zwar ein bisschen so, als würde man schummeln, weil man sich der realen Welt auf den Straßen der Stadt entzieht, allerdings tut es dem europäischen Geist hin und wieder gut, von der Reizüberflutung Abstand zu nehmen.

Bauchgefühl
Auf den kulinarischen Spuren der Nomaden, Einwanderer und Eroberer bewegt sich der Urlaubsgaumen in Marokko. Viele Einflüsse sind am marokkanischen Schmelztiegel zu einer Küche geformt worden. Und mittlerweile kann man gar nicht mehr so genau sagen, ob der Einfluss jetzt von den Berbern, den Andalusiern, den Juden oder den Osmanen kommt. Fest steht: Was in den Tajines und in den Schälchen serviert wird, schmeckt unvergleichlich gut. Die Tajine, mit ihrem komisch trichterförmigen Hut sorgt am ehesten für Wiedererkennungswert. Besonders fruchtig-herzhafte Kombinationen haben es den Marokkanern angetan: Rindfleisch mit Zwetschken, Hühnchen mit Zitrone oder Lamm mit Quitte. Alles sollte man ausprobieren, sich überall durchkosten, denn geschmort ist einfach alles besser. Auch Couscous gibt es quasi überall zu bestellen. Glaubt man aber den Einheimischen, gibt es das beste Essen zuhause. Wer als Marokkaner auswärts essen geht, der gönnt sich entweder ein gutes Fleisch oder eben – man glaubt es kaum – Pizza. Die Riads haben teilweise auch ausgezeichnetes Essen, das man auch kurzfristig am Vormittag für den Abend bestellen kann. Ein Dauerbrenner ist das eigentliche Fastengericht aus Linsen und Kirchererbsen – die »Harira«. Fürs Feintuning sind Gewürze wie Kreuzkümmel, frischer Koriander, Petersilie, Safran, Zimt und Ingwer tonangebend.

Souk Superlative
Wer nach Marrakesch noch nicht genug Medina hat, der fährt am besten ins sechs Stunden nördliche Fez. Die Altstadt misst 400 Fußballfelder, ist also 280 Hektar groß. Darin kann man sich nicht nur verirren, sondern sogar verlieren. Der gebuchte Fremdenführer bringt Ordnung ins Chaos: Die Medina zählt 20 Quartiere, jedes davon hat seine eigene Moschee, Koranschule, Bäckerei und den obligaten Markt. Darunter ist auch die »Kairaouine Moschee«, das zweitgrößte Gotteshaus des Landes. Sie ist zwar gewaltig, allerdings kann man sie im allgemein überfordernden Trubel trotzdem leichter übersehen. Als Nichtgläubiger darf man sie zwar nicht betreten, gegen einen kleinen Blick in eines der 14 Tore hat aber niemand etwas einzuwenden. Der am meisten fotografierte Ort in Fez liegt in Chuwwara und ist der Platz, an dem Leder gegerbt wird. Dort passiert das noch wie vor 1.000 Jahren mit Taubenkot. Von der Terrasse kann man den Handwerkern beim Gerben zusehen. Aber Achtung: An den Geruch gewöhnt sich so bald niemand. Zurück im Souk, türmen sich Bananen, Feigen und Datteln zu farbenfrohen und weitaus besser riechenden Türmen. Die Mandarinen schmecken frisch und unvergleichlich. In der Luft liegt wieder diese orientalisch-fremdartige Melange aus exotischen Gewürzen und Abenteuer, die Luft vibriert und die Stimmen der Händler sprechen ein Kauderwelsch aus Berber, Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Wenn man so durch die schmalen Gassen der ehemaligen Heimat des marokkanischen Königs streift, fühlt man sich um hunderte Jahre zurückversetzt. Als hätte man eine Zeitreise gemacht. Man passiert Felle transportierende Lastesel, aufgereckt gackernde Hühner und den Kopf eines toten Kamels, der vor einem Dromedarfleischer hängt. Nur die Roller und Handys versetzen einen wieder zurück in die moderne Welt, die mittlerweile auch hier, mitten in der Altstadt von Fez, Einzug gehalten hat.

Weitere Informationen
Das Königreich Marokko (unabhängig von Frankreich seit 1956) ist eine konstitutionelle Monarchie. Es hat rund 34 Millionen Einwohner bei etwa 450000 Quadratkilometer. Hauptstadt ist Rabat und Währung der Marokkanische Dirham – 1 Euro entspricht etwa 11 Dirham. Das Bruttoinlandsprodukt betrug 2014 3.392 Dollar pro Einwohner.

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Fazitreise, Fazit 121 (April 2016), Foto: Katharina Zimmermann

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