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Zur Lage (71)

| 28. April 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 122, Zur Lage

Über das Ende der Satire, kaum etwas über die Wahl zum nächsten Bundespräsidenten. Einige Betrachtungen über Papiere aus Panama. Sowie über die Moral der Deutschen Bank.

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Das wird nicht einfach. Ich kann mich ja selber kaum mehr lesen, wenn ich Ihnen jetzt zum wiederholten Male schreibe, wie schwer ich mir tu, einen halblustigen Text zu verfassen, der mir am Montag nach der Drucklegung wenigstens ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubert. Nur, rings um mich, so viel Ödnis, etwa die im Fernsehen. In den Sechzigern, wir erinnern uns, da waren es noch Künstler, sie haben es zumindest verstanden, so zu tun, als ob sie Künstler gewesen wären – die Kunst ist ja frei! –, die da auf die Katheder der Universitäten ihren ureigenen Kot haben fallen lassen. Aber heute? Heute lassen die Gurus des Dilettantismus den ihren am Bildschirm aus dem Mund fallen, verkleiden ihn als Gedicht, das man nicht vortragen darf und werden von der Kleingeisteswelt als Satiregenies und Großintellektuelle gefeiert. Was soll ich da noch beitragen?

Oder über den Bundespräsidentschaftswahlkampf was zu erwähnen, erscheint unter dem Aspekt, dass wenn Sie das lesen, der erste Wahlgang entschieden sein wird, recht mau. Zudem brauchen Sie sich ja nur »Being President« (die Wahlberichterstattung des ORF wird dort so bezeichnet) anschauen und können so dabei sein, wie sich da die Kandidaten freiwillig und ohne Not zum Affen machen lassen. Über den Ex-Landesrat Herbert Paierl oder auch andere sehr wichtige Steckenpferdkommentatoren des allgemeinen Geschehens könnte ich jetzt gemeinsam mit Ihnen noch ein bisschen nachdenken, aber das zahlt sich nicht aus, das würde nie für einen Einzug in ein Witzfinale reichen.

Wenigstens die grüne Schurkenstaatlerin Eva Glawischnig – sie sagt »Schurkenstaat«, mir würde diese humoristische Glanzleistung ja nicht einfallen! – hat mit einer Parlamentssitzung dazu beigetragen, dass wir hier doch noch ein Thema haben: Panama! Das ist was. »Mossack Fonseca«, diese Anwaltskanzlei an diesem unterentwickelten und den segensreichen Errungenschaften der westlichen Welt wenig zugetanen Finanzplatz. Versuchen wir das Ganze ein bisschen ernsthaft zu betrachten. Da mir das hier nicht möglich ist, erinnere ich dazu an die von der Tageszeitung »Wirtschaftsblatt« dankenswerterweise ins Netz gestellte Fotostrecke »Diese Prominenten tauchen in den Panama-Papieren auf«, die die ganze Affäre anschaulich zusammenfasst. Das Wirtschaftsblatt hat übrigens – mit vielen anderen deutschmedialen Pappendeckeln – von »Panama-Papers« geschrieben, was einen Bindestrich zuviel und eine Übersetzung zuwenig darstellt. Aber so ist unsere Zeit.

In dieser Fotostrecke sind dann viele für uns hier unbedeutende Menschen zu sehen, die alle irgendeine Firma in Panama haben sollen. Und – das halte ich für eine journalistische Glanzleistung vollumfassender Berichterstattung – der russische Präsident Putin, der spanische König, die (Achtung! Triggerwarnung! Es folgt der Name einer rechtspopulistischen Politikerin!) FN-Chefin Marine Le Pen, der britische Premier David Cameron sowie der ehemalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Die kommen zwar alle nicht (!) in den Panama-Papieren vor, wohl aber Bekannte und Verwandte von ihnen. Ob da das unabhängige Presseratskollektiv schon ein Rastergesetz verordnet hat, bis in welches Glied die Verwandschaft für eine Verurteilung, pardon, Abbildung reichen muss, ist mir nicht bekannt. Und, genau, der saudische König Salman bin Abdulaziz kommt auch vor. Hat offenbar etwas Geld in Panama angelegt, für das er sich daheim nichts an Steuern einbehalten will.

Apropos Saudiarabien. Wann immer mir in diesen Tagen das schöne Saudiarabien einfällt, muss ich an die »Deutsche Bank« denken. Dieses Unternehmen hat nämlich gerade den Ausbau seines Büros in Nordkarolina, es sollte ein neues Technologiezentrum mit 900 Arbeitsplätzen geschaffen werden, gestoppt. Grund ist offenbar ein Gesetz in diesem US-Bundesstaat, das besagt, ein Herr müsse auf eine Herrentoilette gehen und eine Dame auf eine solche für Damen. Ja, das ist für sich schon schlimm genug, es kommt aber noch dreister, denn Transgenderpersonen müssen auf die Toilette ihres Geburtsgeschlechts gehen. Ich kenn mich da nicht so aus, aber ich möchte mir vorstellen, wenn jemand als Mann geboren ist und sich zu einer Frau etwa umwandeln hat lassen, dann sollte er ja eine Frau sein. Und damit auf die Damentoilette gehen können. Selbst in Nordkarolina wird es ja keine Geburtsurkundenkontrolle für einen Häuslbesuch geben. Und falls halt jemand weder Mann noch Frau ist, und einem der 58, 68 weiteren Facebookgeschlechter angehört, naja, da hab ich als Pragmatiker durchaus Verständnis für die dortige Regierung. 58, 68 zusätzliche Toiletten in jedem (zumindest öffentlichen) Gebäude einzubauen, das dauert seine Zeit, das kostet ein bisschen was. Die Deutsche Bank ist mir moralischem Laien da aber eindeutig überlegen, die sagt konsequent »Njet. Nicht mit uns! Diskriminieren ist nicht unser Ding.«

Also kein neues Zentrum. In Panama-Stadt hat die Deutsche Bank keine Niederlassung. Dafür zwei in Riad, Saudiarabien. Offensichtlich darf man in Riad auf das Häusl gehen, auf das man gehen will. Wenn man ein Mann ist. Weil Frauen dürfen ja nicht autofahren oder irgendwo hin, ohne, dass es ihnen ein Mann erlaubt. Und die 58, 68 anderen Geschlechter sollen in Riad relativ überschaubare Lobbyorganisationen   und Interessensvereinigungen haben. In Sachen Kloethik ist Riad also augenscheinlich – zumindest für die Deutsche Bank – besser aufgestellt, als die Bibelgürtelbauern da in Nordamerika. Außerdem, wir erinnern uns kurz an die wunderbare Ex-Justizministerin, können wir sowieso beruhigt sein: Ausgepeitscht wird in Saudiarabien ja nicht an jedem Freitag!

Zur Lage #71, Fazit 122 (Mai 2016)

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