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Resortlos auf den Malediven

| 4. Juli 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 124, Fazitreise

Foto: Peter Wagner

Die Malediven sind der Inbegriff des Traumurlaubs. Der lässt sich mittlerweile auch individuell erleben. Auf einer der vielen Einheimischeninseln. Ein alkoholfreies Abenteuer in Weiß und Türkis.

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Und dann war Mohamed Nasheem abgetaucht. Zusammen mit seinem gesamten Regierungskabinett. Kein Jahr war der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven im Amt, als er 2009 mit einer Unterwasserregierungssitzung auf die Gefahren des Klimawandels für das Urlaubsparadies im indischen Ozean aufmerksam machen wollte.

Aber Nasheem wollte der Welt nicht nur zeigen, dass seinem Land das Wasser bei fortschreitendem Ansteigen des Meeresspiegels bald bis zu den Füßen stehen wird, er öffnete auch die »richtige Welt« seiner Republik für Touristen. Denn eine seiner ersten Amtshandlungen war es, die sogenannten Einheimischeninseln, die Resorttouristen bisher nur als »Tagesbesuch eines landestypischen Dorfes« kannten, für den Fremdenverkehr zu öffnen. Gästehäuser, kleine Hotels, Restaurants, Tauchschulen und jegliche Art von Ausflug, den man sich auf einem Fleck Sand im Paradiesstaat wünscht, inklusive. Die Malediven als Rucksackabenteuer.

Keine billige Alternative ohne Aber
Auf den Malediven ist das Leben einfach. Fischen, ausländische Schnorchler zum nächsten Riff gondeln, landwirtschaften, vielleicht eine Runde Fußball. Und dazwischen immer wieder beten. So alltagt es sich in einem muslimischen Paradies. Und Thoddoo im Ari-Atoll ist keine Ausnahme. Eineinhalb Stunden dauert die Überfahrt mit dem Schnellboot auf das etwa 70 Kilometer von der stressigen und verbauten Hauptstadtinsel Male gelegene Eiland. 50 Dollar sind dafür zu berappen, die staatliche Fähre schippert dieselbe Strecke für nur vier Dollar, benötigt dafür aber sechs Stunden. Thoddoo, etwa 1.500 Einwohner, ein Handymast, vier kleine Shops, zwei Moscheen, mindestens drei weitere Gebetsräume, ein kleines Krankenhaus, ein Tauchshop und ein Touristenladen, eine Apotheke und drei Restaurants. Der Sand ist hier so weiß wie im Resort, das Meer so türkis, die Kokosnüsse wahrscheinlich frischer. Doch keine billige Luxusalternative ohne Aber: Die Malediven sind ein ausnahmslos muslimisches Land, weshalb Alkohol abseits der Luxusresorts verboten ist und den Besuchern auf Inseln wie Thoddoo ein eigener »Bikini Beach« zur Verfügung steht. Am »Local Beach« darf Mann auch in Shorts in der Sonne braten, aber Frau trägt zumindest Trägerlaibchen. Die Inselbewohnerinnen selbst baden in Burka.

Die IS im Lieblingsland der Flitterer mit
der höchsten Scheidungsrate der Welt
Es gibt Statistiken, die besagen, dass kein Land auf seine Einwohnerzahl gerechnet mehr IS-Kämpfer stellt als das Lieblingsland der Flitterer. Unangenehm wird es als Nichtmuslim aber dennoch nie: Gastfreundlichkeit wird gelebt. Malediver sind entspannte Menschen, Hektik kommt nie auf, was auch dazu führt, dass der bestellte frische Fisch vom Grill schon mal zwei Stunden später am Teller landet. Aber mit einem Lächeln.

Es gibt noch eine interessante Statistik auf den Malediven: Kein Land der Welt hat eine höhere Scheidungsrate. Und auch wenn das schon amüsant ist, weil wahrscheinlich nirgendwo anders weltweit mehr Ehen von Ausländern zelebriert werden als hier, gibt es eine einfache Erklärung. Auch für Ali Shimaz. Er eröffnete 2010 das erste Gästehaus auf Thoddoo und baut gerade drei weitere Doppelzimmer. Auch er lebt in zweiter Ehe. Googles Erklärung: Sex vor der Ehe wird aus religiösen Gründen nicht gern gesehen. Seine: »Wenn ein anderer Mann mehr Geld hat, geht die Frau«, meint er lächelnd. Geld machte Thoddoo übrigens lange Zeit vor allem mit Landwirtschaft.

Die vergleichsweise isolierte Insel, deren nächster Nachbar nicht am Horizont zu sehen ist, liegt zwar auch nur wenige Meter über dem Meeresspiegel, befindet sich damit aber doch ein bisschen höher als der Großteil der anderen Eilande der Republik. Das führt dazu, dass sich die Insel gerne kultivieren lässt. Fast das gesamte Obst und Gemüse, das hier angebaut wird, wird nach Male verkauft. Besonders berühmt sind die riesigen Wassermelonenfelder. Shimaz weiß warum: »Diese Früchte werden während des Ramadan reif und sind dank des hohen Flüssigkeitsgehalts besonders beliebt, wenn man nur nach Sonnenuntergang essen und trinken darf.« Er selbst war früher auch Farmer, pflanzt jetzt aber nur noch ein bisschen Salat. Er habe mit den Touristen genug zu tun. Eine positive Entwicklung, wie er meint. »Es hilft der gesamten Insel, weil wir nicht mehr nur von Fischfang oder der Landwirtschaft leben müssen. Und wenn ich mein Land verkaufe, kann jemand anders Landwirt sein.« Auch wenn jeder Inselbewohner weiß, wie man umgräbt und Samen sät – die meisten fahren nur zur See, grillen Fisch für Touristen oder verkaufen ihnen eines von etwa 120 Produkten in einem kleinen Markt. (Apfelsaft ist auch dabei und kommt aus Österreich.) Denn auch für die Malediven, die im Wohlstandsbarometer der Welt nicht gerade auf westlichem Niveau zu finden sind, setzen auf billigere Arbeitskräfte. »Hello, where are you from?«, fragt mich ein verschwitzter kleiner Scheibtruhenschieber. »Australia?«, versucht er meine Antwort zu deuten. Er selbst ist aus Bangladesch, wie viele seiner Kollegen. Manche kommen auch aus Nepal. Die ersten eineinhalb Jahre würden sie gratis arbeiten, weil ihre Anreise vom Dienstgeber bezahlt wurde. Dann verdienen sie. Hoffentlich, denken wir uns.

Mein neuer Freund trägt eine Hose des FC Chelsea. Fürs Fußballspielen hat er aber keine Zeit. Dabei geht es täglich um 17 Uhr rund. Ausnahmslos jede – über genügend Platz verfügende – Einheimischeninsel der Malediven besitzt einen Fußballplatz. Wer die Dämmerung nicht auf Thunfischjagd verbringt, der spielt sich in den Sonnenuntergang. Die britischen Kolonialherren hatten den Sport einst auf die Insel gebracht und obwohl sie schon lange wieder weg sind, wird weiter liebend gern gekickt.

Zwei Palmen, ein Strauch und viel Sand
Zwei Stunden mit der lokalen Fähre Richtung Westen ist das nicht anders. Um zwei Dollar pro Person ärmer, begrüßt Ukulhas seine Besucher mit der Aussicht auf die wenige hundert Meter entfernte Insel Fushi, die in etwa so aussieht, wie man sich eine einsame Insel als kleines Kind vorstellt: zwei Palmen, ein Strauch und viel Sand. Ukulhas selbst hat neben einem Fußballplatz in direkter Nachbarschaft des landestypischen Dieselgeneratorkraftwerks, das die Inseln mit Strom versorgt und den ganzen Tag surrt, auch einen Spielplatz für Kinder zu bieten. Das Leben auf der Insel ist schon länger geprägt von Tourismus als auf Thoddoo. Nihad Mohamed hat bereits 2009 eine Unterkunft auf der Insel erbaut. Früher fuhr er naturgemäß zur See. Wem er seinen neuen Job zu verdanken hat, weiß er ganz genau. Als er uns mit seinem Elektro-Golfauto vom Fährhafen ein paar Straßen weiter zu seinem Gästehaus chauffiert, beginnt er regelrecht zu strahlen, als er von ihm erzählt: »Nasheem ist ein sehr beliebter Mann. 99 Prozent der Menschen auf dieser Insel haben ihn gewählt.«

Fast an jeder Straßenecke ist das Konterfei des Präsidenten noch immer auf die Straßenmauern gemalt. Dazu muss man wissen, dass Ukulhas umgeben ist von Resortinseln. »Jahrzehnte haben wir gesehen, wie die Touristen mit Wasserflugzeugen und Schnellbooten zu den Resorts gebracht wurden«, erzählt Mohamed. »Wir können dort arbeiten, aber bezahlt werden wir nicht besonders gut. Nun bekommen wir endlich auch einen größeren Teil des Kuchens.«

Der Expräsident als Asylwerber
Just zwei Tage bevor Nihad Mohamed das Loblied auf seinen Expräsidenten anstimmt, ist dieser wieder einmal abgetaucht. Nachdem er im Jahr 2012 zurückgetreten – wenngleich es mehr oder weniger ein Putsch war – und in der Folge ob sehr zweifelhafter Anschuldigungen inhaftiert worden war, reiste er offiziell zur Behandlung von Rückenproblemen nach England. Und suchte dort um politisches Asyl an. An unseren letzten Tagen in der »richtigen Welt« des Inselstaats im indischen Ozean geistern daher wieder Geschichten über die Kehrseite des Paradieses durch die europäischen Medien. Wir denken zurück an die letzten Tage und sehen unseren Gastgeber zusammen mit ein paar Freunden hinter unserer Strandliege. Sie genießen den Schatten einer Palme. Neben uns spazieren Burschen mit Fußballschuhen in der Hand von allen Seiten zum obligatorischen 17-Uhr-Fußballspiel. Von Aufruhr und Stress keine Spur. Wir werden das Gefühl nicht los, dass sich auf diesen über 200 von Einheimischen bewohnten Inseln nie so recht ein Ausnahmezustand entwickeln kann. Trotz der offensichtlichen demokratiepolitischen Versäumnisse. Deshalb spielen wir erst einmal Expräsident. Und tauchen ab. Ins türkisblaue Wasser.

Weitere Informationen
Die Malediven erstrecken sich über eine Fläche von knapp 90.000 Quadratkilometer und liegen im Indischen Ozean südlich von Sri Lanka. In der Hauptstadt Male leben mehr als ein Drittel der knapp 400.000 Einwohner. Die Republik besteht aus 1.192 Inseln und ist auf 26 Atolle aufgeteilt. Der Tourismus startete in den Neunzehnsiebzigerjahren.

malediven.net
guesthouses-in-maldives.net
lonelyplanet.de

Fazitreise, Fazit 124 (Juli 2016)

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