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Wir müssen aufhören, Menschen zu entmündigen und zu Opfern zu machen

| 4. Oktober 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 136

Die Präsidentin des Nationalrates, Doris Bures, möchte die Finanzierung der Parlamentsklubs an deren Frauenquote koppeln, soll meinen, je mehr Frauen (als Abgeordnete) eine Partei in ihrem Klub hat, desto mehr bekommt diese Partei an Klubfördermittel. Also Bares für Weibliches. Ein wohl gut gemeinter Vorschlag, der aber leider die Regel, gut gemeint ist das Gegenteil von gut, abermals bestätigt.

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Ich halte ja schon jede Form eines weiblich-männlichen Reißverschlusssystems bei einer Listenerstellung für fragwürdig – aber ich muss ja eine Partei, die sowas macht, nicht wählen. Frauen nun aber per Gesetz zu minderwertigeren Abgeordneten zu machen, die Parteien würden ja dann zum Ausgleich, keine bzw. weniger Männer aufgestellt zu haben, mit einer Abschlagszahlung »entschädigt«, erscheint kurios. Das mag jetzt eine recht zugespitzte Sicht sein, ich bin aber davon überzeugt, dass damit »Frauen« eben gerade nicht – wie »gut gemeint« angenommen wird – gestärkt werden, sondern dass sie wieder eine neue »Opferrolle« verpasst bekommen. Dass Frauen nicht selbst und aus sich heraus in der Lage wären, ein Mandat im österreichischen Parlament zu erringen.

Dem ist aber nicht so. Aus mehr als dreißigjähriger Erfahrung – in allererster Linie aus meiner Mitgliedschaft und Mitarbeit in der Österreichischen Volkspartei, aber auch aus recht guter Kenntnis zumindest der SPÖ und auch der Grünen in der Steiermark – bietet sich ein genau gegensätzliches Bild. Frauen, die sich engagieren möchten, die bei einer politischen Partei auch ein Amt anstreben, werden mit offenen Armen – auf gar keinen Fall aber gönnerhaft! – aufgenommen und, wo es sinnvoll geht, auch unterstützt. Und seit Jahrzehnten als wichtiger und nicht wegzudenkender Impulsgeber wahrgenommen, ohne die – selbstverständlich – keine ordentliche Politik für eben alle Menschen zu gestalten wäre. Was Spitzenfunktionen betrifft, ist es zudem eine Tatsache, dass hier Frauen – immer wieder – auch eindeutig bessere Karten haben können als Männer; das mag man jetzt mögen oder nicht, ist im Grunde aber eine mir nicht ganz unrechte »Realität«, um die eine oder andere wirkliche Geschlechterungerechtigkeit abzustellen bzw. auszugleichen.

Diese Viktimisierung – im speziellen Fall gleich der Hälfte der Bevölkerung – ist offenbar eine Konstante linker Ideologie. Zum einen, so viel Sozialdemokrat bin ich natürlich auch!, gibt es immer wieder ganze Gruppen von Menschen (aus welchen Merkmalen jetzt immer heraus konstituiert), die einer besonderen Form der Unterstützung auch bzw. gerade der Politik bedürfen, zum anderen liegt aber für die Linke die Verlockung zu nahe, diese Gruppen dann nie mehr aus ihrem Opferstatus zu entlassen. Sie würden dann ja nicht mehr als dankbare Wähler zur Verfügung stehen. Und diese Denke halte ich für falsch. Mag man Frauenquoten – und jetzt eben vielleicht auch Fürfrauenentschädigungszahlungen – noch als politische Gegenwartsfolklore abtun, kann dieses Viktimisierungsmodell etwa im Bereich der Zuwanderungspolitik verhängnisvoll enden. Ich erinnere mich, wir hatten im Stadtvorstand der Jungen Volkspartei schon in den Neunzigerjahren ganz selbstverständlich einen Moslem im Vorstand. Und damit im innersten Entscheidungskreis. Oder, um an eine andere Gruppe zu denken, ein aktives Mitglied unserer Gruppe war blind. Dem Einen hab ich wohl ab und an Frohe Weihnachten oder eine andere christlich motivierte Botschaft an den Kopf geworfen, zum Anderen hab ich – ich erinnere mich gut an unser beider Amusement – immer wieder »Auf Wiedersehen« gesagt. Beides führte heute, lesen Sie sich durch die Meldungen in Zeit, Spiegel oder SZ, zumindest zu Aufruhr und Diskriminierungsvorwürfen. In irgendeiner bundesdeutschen Stadt gibt es jetzt im öffentlichen Schwimmbad keine Schweinefleischwürste mehr. Hören wir mit dieser furchtbaren Entmündigung unserer neuen Mitbürger auf. Wer kein Schweinefleisch isst, isst kein Schweinefleisch. Wer sich davor fürchtet oder verletzt werden könnte, ist hier nicht angekommen. In unserem Wahn, ganze Gruppen immer und immer wieder zu Opfern zu stilisieren, drohen wir unsere Gesellschaft zum Kippen zu bringen. Wir waren schon viel weiter in den Achtzigern. Und nur wenn wir jetzt alle miteinander etwas gescheiter handeln, dann können wir alles schaffen.

Editorial, Fazit 136 (Oktober 2017)

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