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Elektrischer Werner

| 22. Dezember 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 139, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajNach zwei Jahrzehnten als Verkäufer entschied sich Werner Raunacher spontan für die Selbstständigkeit und gründete am Franziskanerplatz in Graz »Werner‘s Elektroladen«. Seit mittlerweile achtzehn Jahren ist er als Nahversorger beliebter Anlaufpunkt der Innenstädter. Warum er um 16.40 Uhr schließt und was sein Geheimnis sein könnte, inklusive Abschweifung und Ablenkung.

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Sind es letzten Endes nicht die einfachen Dinge des Alltags, die das Leben ausmachen? Die Glühbirne in der Küchenlampe zum Beispiel kann Quell steten Ärgernisses sein, aber sie kann auch als Inspirationsquelle höchst küchenphilosophischer Überlegungen dienen. Alles eine Frage der Perspektive, somit des Standpunkts, aber auch der Phantasie. Wer sich den Luxus leistet, altmodisch zu sein und möglichst lange auf technische Neuerungen verzichtet, weil sie zu wenig reparabel (Neuwagen), zu teuer (Neuwagen) oder zu unheimlich (IOT/Internet Of Things) erscheinen, zugleich aber Smartphone und Algorithmen nutzt, ist der Herausforderung einer Glühbirne, die sich alle drei bis vier Wochen mit einem leisen Klicken oder einem lauten Knall verabschiedet, immer weniger gewachsen. Wenn auch bloß aus strukturellen Gründen. Das Einschrauben einer neuen Birne gehörte bis vor wenigen Jahren noch zu den erwähnten einfachen Dingen des Alltags. Sogar, wenn man es aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst schaffte, war doch genauso immer irgendjemand da, der aushelfen konnte. Voraussetzung war und ist allerdings, dass man zuvor eine Glühbirne eingekauft hat. Heute ist ihre Herstellung und Einfuhr bekanntlich verboten, was zu Lieferengpässen der heißen Ware, Entzugserscheinungen der altmodischen Glühbirnenjunkies und Preissteigerungen von mehreren hundert Prozent der Restbestände geführt hat. Ha, LEDs! Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Warum fallen einem Kakanier dazu noch drei Dinge ein: Elektroautos, ihre Herstellungskosten und die Entsorgungsproblematik ihrer Akkus, der Verkauf von Marihuanapflanzen mit Blühverbot und das neue Rauchverbot? Genug der Ablenkung, dazu kommen wir später. Wer ein Glühbirnengespräch in einem Großmarkt führen will, kann gleich nach einem Kassettenrekorder fragen – kennamanet, hammanet. Anders bei Werner. Werner Raunacher – kennansnet? Er ist der, bei dem es hammanet nicht gibt. Er ist der, der 1999 am Franziskanerplatz »Werner‘s Elektroladen« aufgesperrt und damit eine Versorgungslücke in der Grazer Innenstadt geschlossen hat.

Vom Verkäufer zum Unternehmer
Rund 10.000 Artikel machen es für die Kunden schwer, etwas nicht zu finden. Schon die üppig gefüllten Schaufenster zeigen auf unkonventionell ungestylte Weise, dass es ungefähr alles gibt. »Alles, was elektrisch ist«, bringt es Werner Raunacher auf den Punkt. »Und was es nicht gibt, wird von uns bestellt und ist innerhalb von zwei Tagen da.« Das nimmt man dem 55-jährigen auch ab, zumal er davor 21 Jahre bei Elektro Haase im Verkauf beschäftigt war – so, wie auch seine Mitarbeiterin Melanie Braunhuber. Haase war in Graz legendär; gleich ums nächste Eck in der Albrechtgasse gelegen, war es nach Raunachers Erinnerung das erste Geschäft in Österreich, das in den 1930er Jahren Elektrowaschmaschinen verkaufte. Als die Haase-Geschäftsführung im Juli 1999 in Pension ging und das Unternehmen auflöste, war es für den Elektroprofi keineswegs absehbar, dass sein Weg ihn in die Selbstständigkeit führen würde. »Aber es war enttäuschend, was mir anderswo als Gehalt geboten wurde. Auch von den anderen insgesamt sieben Angestellten ist keiner mehr in der Elektrobranche gelandet«, erinnert er sich. Als er dann zufällig vor dem damals schon lange geschlossenen Geschäft am Franziskanerplatz ein Schild mit der Aufschrift »Zu vermieten« sah, schlug er kurzerhand zu und mietete es bereits im August 1999 an. Er hat es nicht bereut und freut sich heute über einen Umsatz von mehr als 200.000 Euro. Das Angebot von Kaffeemaschinen, Lustern, Bügeleisen, Radios und Co allein macht aber noch nicht den Erfolg aus. Innenstadtbewohner, wie auch die zahlreiche Laufkundschaft sind froh, nahversorgt zu werden, da Fachbetriebe dieser Art längst Mangelware geworden sind. Sie schätzen aber insbesondere auch den darüber hinausgehenden Mehrwert, den ihnen Werners Elektroladen bietet. So zum Beispiel den Suchservice: Wie ausgefallen der Kundenwunsch auch sein mag, Werner Raunacher klemmt sich dahinter und treibt nicht zuletzt mit Hilfe des Internets auf, was aufzutreiben ist. Das Beste kommt aber erst – der Mann repariert noch, genauer, er kann reparieren und sorgt damit auch für eine zeitgemäße Nachhaltigkeit. Und wenn es nicht mehr geht, verkauft er gern etwas Neues – naheliegend, im eigentlichen Wortsinn. Die Entscheidung liegt beim Kunden.

Magische Plasmakugel
»Guten Tag«, wieder betritt an diesem Nachmittag ein älterer Herr das Geschäftslokal. Er bringt seinen Rasierapparat mit. »Er geht noch, aber der Trimmer nicht mehr.« Werner Raunacher steckt ihn an, schaltet ein: »Geht eh alles.« Der Herr bedankt sich und geht wieder. Raunacher ist kein Mann langer Worte. Der nächste Kunde wartet schon. Ja, hier werden Batterien noch einzeln verkauft. Wenn das Andreas Vitasek wüsste; aber das ist wirklich eine andere Geschichte.

Apropos andere Geschichte – es wird Zeit für die obligate Fazit-Abschweifung, Stammleser wissen Bescheid (Harry Rowohlt und so). Da steht ein eigenartiges, kugelförmiges Ding bei »Werner‘s«, eine sogenannte »magische Plasmakugel«, die in ihrer Mitte eine Art Stängel hat, aus dem blitzähnliche Strahlen an die Hand geleitet werden, die die Kugel berührt – kennt man irgendwie, man denkt an Nikola Tesla. Oder an gar nichts oder man versinkt in Gedanken. Ist das dann eine Abschweifung oder eine Ablenkung? Die tägliche Geschäftigkeit, die Strukturierung des Alltags, vorsätzlich wie zufällig, stehen unter dem Generalverdacht, nur Ablenkungen zu sein. Ablenkungen wovon? Vom Tod natürlich, von der Tatsache, respektive der Angst, sterben zu müssen. Deshalb nennt sich die Philosophie etwas kokett ja auch »die Kunst, sterben zu lernen«. Doch von diesem Bewußtsein ständig umfangen zu sein, mag doch etwas überernst und – pardon – doof zu sein. Es implizierte nicht nur eine ständige Trauermiene und verhinderte jegliche Art und Form von Begeisterung, sondern reduzierte alltägliche Aufgabenstellungen, Herausforderungen und vor allem Ziele auf ein möglichst leicht erreichbares Mindestmaß. Als gelte sohin das Motto »gelebt wird später« – nach der Arbeit, nach der Schule, nachmittags, nächtens, nachher. Nachher wird bekanntlich alles besser. Dabei könnte es das schon im Hier und Jetzt sein – oder zumindest gut; besser kann es immer noch werden, gut soll es sein: Das Unvollkommene vollkommen werden zu lassen schafft momentane Paradiese. Nichts fehlt. Was für eine schöne Ablenkung.

Handeln statt dissertieren
Werner Raunacher ist gut aufgelegt an diesem Nachmittag, wahrscheinlich ist er das oft und wahrscheinlich braucht er keine Ablenkung. Dass er als Unternehmer von heute auf morgen seit 18 Jahren etwas macht und schafft, was andere oft mit einem Wirtschaftsstudium nicht hinkriegen, beeindruckt ihn selbst am wenigsten. Er lässt sich nicht so einfach festlegen, auf Hobbys, regelmäßige Freizeitaktivitäten, Familie oder sonst irgendetwas Greifbares. Woher er eigentlich Elektrogeräte reparieren könne? Aus der Berufsschule, sagt er, das könne eigentlich ohnehin jeder, scheint er zu meinen. Unsereins kennt er wohl nicht, auch kein Fehler. – Eine Kundschaft, diesmal doch eine jüngere Frau, fragt nach einem aufsteckbaren Leselicht für Bücher. Hat er natürlich. »Auch für Zeitungen?« »Nein.« Das war leicht. Eine anderere Frau braucht zwei Reibel. Manche wären froh, allein das Wort noch zu kennen. Hat er natürlich auch. Denn dieses Elektrogeschäft führt auch Eisenwaren. Spätestens seit die seinerzeit wohl bekannteste Eisenwarenhandlung, der Ferch, ebenfalls unmittelbar ums Eck, vor mittlerweile Jahrzehnten zugesperrt hat, kann der Grazer Innenstädter nicht einfach drei Nägel, einen Hammer und eine Zange einkaufen gehen – wohin auch, die Baumärkte sind weit außerhalb des Zentrums, wie auch die meisten Elektromärkte. Aber nicht alles, was aufgelegt ist, ist auch ein Elfmeter. »Ich habe eine eigene kleine Eisenwarenhandlung direkt daneben im ehemaligen Lager gehabt, mit einem zweiten Mitarbeiter. Aber es hat nicht funktioniert«, so Raunacher. Heute reicht dafür die kleine Wand im Elektrogeschäft. Anscheinend gibt es keine Bastler und Reparierer mehr, eine Zeiterscheinung? Werner Raunacher macht daraus sicher kein Dissertationthema. Er handelt lieber, reduziert die Eisenwaren, aber auch die Luster: »Die werden schon in allen Möbelhäusern angeboten.« Repariert und saniert sie aber. Bestellt Kaffeefilterautomaten nach, die gehen weg wie die warmen Semmeln. Wecker (trotz der Handys), Türstoppalarm mit Wassersensor, Taschenlampen, Glühbirnen, auch die echten. Vorhangschlösser? »Zu 98 Prozent für die Brücken.« Irgendetwas macht er richtig, irgendwer steht hinter ihm – kurz und gut, es war schwer herauszufinden und es stimmt vielleicht nicht, aber zugleich stimmt es doch. Armin Assinger würde es so formulieren: »Es ist nicht ein Hund.« Es sind zwei Hunde. Aber erst wenn man weiß, welche Hunde, ist diese kryptische Geschichte – vielleicht – nachvollziehbar. Wer diese Hunde nicht kennt – und das werden die meisten sein – bitte nachgooglen (nicht mit Google, sondern mit Startpage.com natürlich!) und auf »Bilder« gehen: Leonberger. Dazu nur soviel: eine Kreuzung aus Bernhardiner und Neufundländer und noch irgendeinem Riesen. Wenn das nicht prägt.

Wie an der Eingangstür zu lesen ist, schließt der Elektroladen um 16 Uhr 40, warum? Werner Raunacher grinst: »Weil dann meine Mitarbeiterin ihren Zug noch erwischt und damit die Leute  was zum Reden haben.« Und auf allfällige Anekdoten angesprochen, erzählt er von der Geschäftseröffnung im Neunzehnneunundneunzigerjahr, als Zuckerl für Kinder und eigene Kekse für Hunde bereitgestellt waren: Die meisten Hundekeks hat der Fotograf von der Wirtschaftskammer gegessen. Schimmert da nicht sein Leonberger Geheimnis wieder durch?

Werner‘s Elektroladen
8010 Graz, Franziskanerplatz 13
Telefon +43 316 811959
werners.xpc.at

Fazitportrait, Fazit 139 (Jänner 2018) – Fotos: Marija Kanizaj

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