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Das Märchen vom Kiendler

| 22. Februar 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 140, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajEs war einmal der Sohn des Oberjägers Kiendler aus Wolfsberg im Schwarzautal, der heiratete die Tochter des Müllermeisters Pucher aus Ragnitz. Das war 1696, vielleicht aber auch 1736, so genau weiß man das nicht mehr. So fangen nur Märchen an? Keineswegs, dies ist ein Tatsachenbericht über die südsteirische Kiendler-Unternehmensgruppe und handelt von: Elektroinstallation, Elektrohandel, E-Werk, Getreidemühle und Erzeugung von Kürbiskernöl.

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Die Gemeindestraße ist gesäumt von Plakatsständern. Schlager Frühling: Fantasy, Monika Martin, Ross Antony, Draufgänger und Melissa Naschenweng in St. Peter am Ottersbach; Hannah und Band, Hallenparty in Wagna; Nena, Nichts-Versäumt-Tour 2018, Wagna. Am Hügel ein Schloss mit Wildgehege und dem Hinweisschild Österreichisches Rotes Kreuz, Bildung- und Einsatzzentrum Schloss Laubegg. Die Kurve neben der Kurvenbar hinunter und wir sind in Ragnitz, auf halber Höhe zwischen Wildon und Leibnitz, aber östlich der Mur. Die Straße führt mitten durch ein Betriebsgelände, das mit seinem Mühlgang fast wie ein Dorf im Dorf anmutet. Auch das Kaiserwetter trägt dazu bei, dass die Welt hier noch in Ordnung erscheint.

In einem der vielen Eingangsbereiche hängen unzählige Plakate und Urkunden an den Wänden: Genussbezirk Leibniz, ausgezeichneter Betrieb. Bei Produktion Eintritt nur mit Haarnetz und Mantel! Uhr und Schmuck sichern! Ausgezeichnet durch Gault & Millau. Das Original mit der Banderole. – Alles Wein oder was? »Unser Öl wird normalerweise nicht getrunken«, sagt Firmenchef Paul Kiendler. Dazu wäre es um sein vielfach prämiertes Kürbiskernöl in der Tat zu schade.

Foto: Marija Kanizaj

Alles Geschmackssache
Das bezeugen wohl auch die Kunden des Lebensmittelkonzerns Spar-Steiermark, den Kiendler seit 2001 als Vertriebsschiene nutzt. In der Mühle wird neben Mehl seit mehr als hundert Jahren »grünes Gold« produziert: Das laufend prämierte Kürbiskernöl von Kiendler ist so gut, dass es 2003 von der Zeitschrift »Konsument« sogar als bestes Kernöl Österreichs ausgezeichnet wurde. Rund 50 Prozent davon werden exportiert. Natürlich ist alles Geschmackssache, bei Lebensmitteln sogar im wahren Sinn des Wortes. Davon gleich mehr – von Geschmacksachen, nicht von Lebensmitteln. »Bei Kernöl kommt es auf die Röstung der Kürbiskerne an«, so Paul Kiendler, »und wir rösten langsamer, daher ist unser Öl eher mild.« Und schließlich sei es wie beim Wein, dem einen schmeckt dieser besser, dem anderen jener. Womit wir bei der Kunst wären. Ha, das haben Sie sich wohl so gedacht! Auf dieses Glatteis begebe ich mich – jetzt – nicht. Und ja, da ist sie wieder, die obilgate Fazit- abschweifung im Gedenken an Harry Rowohlt. Über Geschmack könne man nicht streiten, heißt es. Ein zum Sprichwort geronnenes Diktum, über das es sich wohl ebenso gut streiten ließe. Wie eben über Wein. Irgenwann muss eine Önologiegeschichte her, in der vielleicht bewiesen werden kann, dass man unter bestimmten Umständen nicht einmal Wein oder Wasser von Milch unterscheiden kann, mit geschlossener Nase etwa. Diesmal soll aber Journalismus thematisiert sein.

Abschweifung: New Journalism
Wer minder ausgetretene Wege, unkonventionelle Zugänge, beiläufiges Querdenken mit subjektiven Einsprengseln und allfälligen Irrungen nicht schätzt, sondern sich, stets von roten Fäden geleitet, nicht aus der Fassung bringen lassen möchte, gehört nicht zur vorrangigen Zielgruppe des sogenannten New Journalism. Einer journalistischen Spielart, die die gewohnte Grenzziehung zwischen Literatur und Journalismus verschiebt. Erkennungsmerkmale sind die Art und Weise der Beschäftigung mit einem Thema, ein subjektiver Tonfall, allfällige Ich-Form und Verwendung literarischer Stilmittel, jedoch unter steter wie korrekter Beachtung der Fakten. Und obwohl Geschmack unbestreitbar sei – wie objektiv soll das eigentlich sein? – gibt es nicht nur ein bestes Kernöl, sondern auch eine beste Reportage. »Frank Sinatra Has a Cold« heißt sie, stammt von Gay Talese, einem Vertreter und Mitbegründer des New Journalism, und erschien 1966 im amerikanischen Magazin Esquire. Sinatra ist verkühlt und daher nicht willens, ein Interview zu geben, weshalb sich der Artikel zwar mit dem Sänger befasst, aber ausschließlich über Personen seiner Entourage aus ihrer jeweiligen Sicht. Das Ergebnis ist beispielgebend für New Journalism und spannender als es ein Interview gewesen hätte sein können. Und eine Messlatte für Schreiber wie Leser, wenn die denn wollen. Koketterweise sei noch angefügt: Ein Schelm, wer dabei an Fazitportraits denkt. Unsereiner rangiert selbstverständlich einige Stockwerke tiefer, genießt aber den Ausblick nach so weit oben und hat hiermit endlich Gelegenheit gefunden, ungläubig staunende Anfragen, scheiternd natürlich und unvollkommen, zu beantworten.

20 Millionen Euro Umsatz
Wieder wird der, der soweit gelesen hat, belohnt. Zumindest jener, der das Familenunternehmen Kiendler nicht kennt. Das Kernöl generiert gerade einmal 10 Prozent des Gesamtumsatzes von 20 Millionen Euro, der vor 12 Jahren noch bei 13,5 Millionen lag. Tendenz also stetig steigend. Die Kiendler-Firmengruppe besteht aus vier Unternehmensbereichen. Das sind auf der einen Seite die   Getreidemühle (Biskuitmehl, Ragnitzperle, Weizengrieß) und die Ölpresse zur Erzeugung von steirischem Kürbiskernöl. Die andere Seite hat durchgehend mit Elektrizität zu tun und sorgt für den Löwenanteil der wirtschaftlichen Leistung: E-Werke, Elektrotechnik und Elektrohandel.

Mit der Erzeugung (in sechs Kleinwasserkraftwerken), der Weiterleitung (eigenes Netz) und dem Handel von Strom versorgt Kiendler direkt neunzehn Industriebetriebe und rund 12.000 Kunden mit elektrischer Energie, über einen Verbund noch wesentlich mehr. So kann Paul Kiendler schon seit mehr als zehn Jahren sagen: »Durch die Wasserkraft werden 5,25 Millionen Kilogramm Rohöl pro Jahr eingespart.« Auch im eigenen Betrieb werden Hackschnitzelheizung aus der eigenen Nahwärmeversorgung und Photovoltaik aus dem Sonnenkraftwerk eingesetzt. Sogar für Technikskeptiker ist es interessant, auf der Homepage von Kiendler den frei zugänglichen Diagrammkurven der Stromerzeugungsdaten der Photovoltaikanlage zu folgen: Die Monatsrückschau belegt tatsächlich das eingangs erwähnte Kaiserwetter am 30. Jänner, dem Tag dieses Interviews und zeigt zugleich, dass die Sonne am 1. Februar noch kräftiger gewesen sein muss. Dies möge nicht nur als unkontrollierter Stoßseufzer eines Laien aufgefasst werden, sondern als Beleg dafür, dass zum Beispiel eine Schadensversicherung heute nicht nur weiß, wann ein Gewitter stattgefunden hat, sondern auch wieviel Blitze, wann, wo und wohin eingeschlagen haben; wahrscheinlich geben sie den Blitzen sogar Namen, wie Frizz oder Ariel. Das war jetzt fast New Journalism. Als literarische Reportage, dies sei noch ergänzt, die sich durch Freiheiten wie innere Monologe oder Perspektivenwechsel auszeichnet, ist er auch ein Mittel gegen Langweile, wenn erwünschte Lebendigkeit unter Fakten begraben wird.

Foto: Marija Kanizaj

E-Handel und E-Technik
Gut, dass die Kiendlerfakten auch mit Unterhaltung, genauer Unterhaltungselektronik, sogenannter Braunware wie Fernseher und Handys, sowie Weißware wie Mixer für den Haushalt zu tun haben. Die führt das Unternehmen bereits seit mehr als sechzig Jahren neben der Zentrale in Ragnitz in mittlerweile drei Red-Zac-Filialen in Gralla, St. Stefan im Rosental und Hl. Kreuz am Waasen. Der Elektrohandel ist mit rund 20 Prozent am Gesamtumsatz beteiligt. Während mit 70 Prozent der größte Teil des Umsatzes aus dem Bereich Elektrotechnik kommt. Dort arbeiten auch die meisten der insgesamt 140 Mitarbeiter. Kiendlers Stärke ist schnell erklärt: »Bei uns kommt alles aus einer Hand. Von der Planung über die Schaltschrankfertigung bis zur Elektroinstallation und die Inbetriebnahme.« Dazu kommt noch die Abteilung für Mess- und Prüftechnik. So ist die Mannschaft aus dem kleinen Ort Ragnitz in Finnland, Schweden, Frankreich, der Schweiz, praktisch in ganz Europa unterwegs. Ein großer Auftrag wird gerade für das Lafarge Zementwerk in Retznei abgewickelt, in Rußland ist die Kiendler-Gruppe für Schaltung und Steuerung eines riesigen Pelletswerks von Mayr-Melnhof zuständig. Auf der Referenzliste stehen auch Magna beziehungsweise AVL mit Klimalabors oder das altehrwürdige Hotel Sacher, das von Kiendler in die elektrotechnische Neuzeit versetzt wurde.

Märchenhaft
Das Unternehmen ist historisch gewachsen und blickt auf eine mehr als 300 Jahre lange Tradition zurück. Bereits im Jahr 1696 wurde die Schiffsmühle in Ragnitz das erste Mal urkundlich erwähnt. Um diese Zeit herum heiratete der Sohn des Oberjägers Kiendler aus Wolfsberg im Schwarzautal die Tochter des Müllermeisters Pucher in Ragnitz. Was nach einer Mär klingt, ist tatsächlich eher ein Märchen. Seit damals ist das Unternehmen in geradlinigem Besitz der Familie Kiendler. Paul und Johanna Kiendler haben mit ihren drei Söhnen Paul jun. (30), Markus (28) und Ulrich (25) bereits für die 12. Generation gesorgt. Ihre Vorfahren waren Müller und brachten mit Hilfe von Wasserkraft den Strom Anfang des 20. Jahrhunderts in die Ortschaft und das erste elektrische Licht. Dann musste noch jemand für die Installation sorgen. Das erste, was angesteckt wurde, waren übrigens Kühltruhen. Die musste auch jemand besorgen und damit Handel betreiben. So ergab eines das andere. Märchen? Wahr geworden.

Kiendler GmbH
8413 Ragnitz 5
Telefon +43 3183 8201*0
kiendler.at

Fazitportrait, Fazit 140 (März 2018) – Fotos: Marija Kanizaj

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