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Zur Lage (88)

| 22. Februar 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 140, Zur Lage

Ausschließlich über eine Nichtregierungsorganisation, die es in letzter Konsequenz wohl besser nie gegeben hätte. Und damit über eine Gesellschaft, die glaubt unter dem Siegel des Guten alles machen zu können.

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Ich habe jetzt eine neue Lieblingsnichtregierungsorganisation. Oxfam. Oxfam wurde laut Wikipedia 1942 als »Oxford Committee for Famine Relief« (Oxforder Komitee zur Linderung von Hungersnot) in Großbritannien als Reaktion auf das Leid der Zivilbevölkerung im von Deutschland besetzten Griechenland gegründet. (Diesen Satz habe ich von mir selbst abgeschrieben. Nur für die Plagiatsjäger unter uns sei das angemerkt.)

Weiters kann man in der Wikipedia über Oxfam lesen: »Oxfam arbeitet laut eigener Aussage weltweit dafür, dass sich Menschen in armen Ländern nachhaltige und sichere Existenzgrundlagen schaffen können … sowie Unterstützung bei Krisen und Katastrophen erhalten. Ein weiteres wichtiges Ziel ist Geschlechtergerechtigkeit.« Das ist durch und durch super. Das ist so überaus edel, dass ich mich jetzt da beim Schreiben fast ein bisschen schlecht fühle. Weil ich nie ein so guter Mensch, nicht einmal theoretisch nicht, sein werde können, dass mir sowas Tolles, wie dieses Oxfam-Werch überhaupt auch nur einfallen könnt.

Und, meine Schuld, meine große Schuld!, da ich wenigstens einen kleinen Beitrag leisten möchte, sozusagen auf den Spuren dieser edlen und gerechten und moralisch so hochstehenden Organisation wandelnd – auch wenn diese Schuhe viel zu groß für mich sind! –, will ich diese Lage nutzen, um noch mehr über die edle und gerechte und moralisch so hochstehende Arbeit dieser Gruppe zu berichten.

Abermals zitiere ich Wikipedia: »Oxfam arbeitet partnerschaftlich mit Menschen in armen Ländern zusammen. Mit nachhaltigen Entwicklungsprojekten und durch Nothilfe in Krisen leistet die Organisation Unterstützung vor Ort. Aktionen und Kampagnen haben das Ziel, die Bedingungen zu ändern, durch die Armut entsteht.«

Das »partnerschaftlich« in diesem Absatz hat mich durchaus gerührt, da sind wirklich Menschen am Werk, die nicht nur alles besser wissen, nein, die auch alles besser machen. Und noch dazu partnerschaftlich.

Die Entwicklungszusammenarbeit stellt auch eine Säule der segensreichen Arbeit von Oxfam dar. Apropos Entwicklungszusammenarbeit, wir bösen weißen Menschen des Westens haben ja übrigens jahre- und jahrzehntelang Milliarden und Abermilliarden an »Entwicklungshilfe« uns angemaßt, an »weniger entwickelte Länder« zu überweisen! Es ist Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam zu verdanken, dass diese rhetorische Diskriminierung nun schon länger ein Ende gefunden hat. Keine Angst, die Milliarden flossen weiter. Und zum Thema Entwicklungszusammenarbeit bei Oxfam lesen wir noch einmal bei Wikipedia nach: »Die Organisation kooperiert grundsätzlich mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, die aufgrund ihrer guten Kenntnis der Situation nachhaltige Projekte in den Bereichen Existenzsicherung, Bildung, Gesundheit und Frauenrechte entwickeln.«

Ich darf da einige mir wesentlich erscheinende Punkte herausnehmen und – aufgrund ihrer Bedeutung für die Welt und aller Menschen in Relation zur Ewigkeit – hyperpointieren: Existenzsicherung, Bildung, Gesundheit und Frauenrechte! Wir sehen auch an dieser Schwerpunktsetzung, dass Oxfam in die Vollen geht und nicht auf halber Strecke einen bloß gepachteten Humanismus fahren lassen würde. Die kümmern sich um das Wesentliche und um alles darüber hinaus.
Ich habe ja Oxfam oft kritisiert. Für ihre – ebenfalls eine Säule ihrer wichtigen Arbeit – jährlichen »Berichte der Vermögensungleichheit«. Sie erinnern sich, dass ist diese eben jährliche Erinnerung an die »Tatsache«, dass drei oder dreizehn alte weiße Männer in den USA, zwei oder vier in Russland und eineinhalb oder zweieindrittel in China zusammen so viel Geld haben, wie der gesamte Rest der Menschheit auf dem Planeten Erde und darüberhinaus nie nicht haben werden. Im ganzen Leben nicht und auch danach. (Ich hab mir da jetzt erlaubt, deren Zahlen nicht ganz genau nachzurecherchieren, da diese ja regelmäßig einige Monate nach jedem Bericht zerpflückt werden und Oxfam offenbar in diesen unwesentlichen und für die Gerechtigkeit keine Rolle spielenden Details auch nicht so ganz genau ist.)

Diese kleingeistige, ganz sicher irgendwie auch als – ich muss ehrlich vor mir sein! – rechts zu verortende Kritik, die drückt mir jetzt aufs Gemüt. Angesichts der vielen, unvorstellbar vielen guten Taten, die diese guten Menschen von Oxfam weltweit, etwa in Haiti oder dem Tschad den hilfsbedürftigen jungen Menschen und vor allem Menschinnen vor Ort haben angedeihen lassen, … wäre es mir deutlich lieber, ich hätte mich nie mit dieser Organisation auseinandergesetzt. Mit dieser durch und durch miesen Organisation.

Oxfam-Mitarbeitern wird (mittlerweile weltweit, auch in England selbst) vorgeworfen, sie hätten die Notlage der Menschen ausgenutzt und Hilfslieferungen bzw. Mittel der Organisation (aus Spenden und vor allem aus öffentlichen Geldern) zur Bezahlung von Prostituierten verwendet. Es sollen Sexorgien auch mit minderjährigen Schutzbedürftigen veranstaltet worden sein. Zudem ist der Vorsitzende von Oxfam International, Fuentes Knight, dieser Tage in Guatemala festgenommen worden; er steht unter dringendem Korruptionsverdacht.

Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Dies nicht als bloße Floskel, sondern als dringende, letzte Hoffnung! Denn wenn ich auch den Grundgedanken dieser Organisation oder die sicher vielen ehrlich motivierten Freiwilligen dort nicht verurteilen möchte, als alter weißer Mann fehlt mir die Vorstellungskraft, jemand könnte in ein Land fahren, das gerade von einer Katastrophe erschüttert wurde, und sich dort an deren Kindern vergehen.

Zur Lage #88, Fazit 140 (März 2018)

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