Anzeige
FazitOnline

Der Fiedler am Klavier

| 28. März 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 141, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajGraz, Eisernes Tor, Hausnummer zwei, allerbeste Geschäftslage. Links die Buchhandlung Moser, rechts Lederwaren Breineder Gibiser. Der hohe Rundbogeneingang des prächtigen, schönbrunngelben vierstöckigen Bürgerhauses, vielmehr Stadtpalais, wird links von Hörgeräte Neuroth und rechts von Optik Neuroth flankiert, was nicht nur fassadentechnisch für eine beruhigende Symmetrie sorgt. Davor ein kleiner Kinderspielplatz, die Mariensäule, der Springbrunnen und keine Tiefgarage. Was für eine Lage.

::: Hier im Printlayout online lesen

Zwischen dritter und vierter Etage prangt seit mehr als hundert Jahren in riesigen Lettern ein Schriftzug, als wäre das Haus extra dafür gebaut worden. Zwei Worte, die nicht als billige, grellbunte Neonreklame daherkommen, sondern in zurückhaltend mattschwarzen Versalien, wie der Titelkopf einer seriösen, hochkonservativen Tageszeitung: Klavierhaus Fiedler.

»Ich ziehe bewusst keinen Anzug an, sondern trage lieber Jeans«, spielt Stephan Fiedler auf die Hemmschwelle an, die die Noblesse des Hauses mit 170-jähriger Unternehmensgeschichte und die Lage der Geschäftsräumlichkeiten im ersten Stock mit sich bringt. – Und so manchen potentiellen Kunden schon abgeschreckt haben mag, im Klavier Salon entspannt zu gustieren. Insbesondere sein Großvater Kommerzialrat Gerhard Fiedler hat noch ein strenges Regiment alter Schule geführt. So blieb er auch bis zu seinem Tod im Jahr 2002 der Chef, sodass Stephans Vater Peter erst mit 52 Jahren das Unternehmen übernahm. Und das nur für zwei Jahre, weil er aufgrund einer langen und schweren Erkrankung bereits 2004 verstarb. Da war Stephan Fiedler gerade einmal 23 Jahre jung. Seine Sturm- und Drangjahre hatte er nach der Modellschule in der Gastroszene (M1, Poco Loco) verbracht, obwohl ihn sein Großvater schon mit fünfzehn gern als Lehrling im Geschäft gesehen hätte.

Vom Lokalchef zum Lehrling
Als Stephan eines Sylvestertages zurückkam, sagte der Großvater aber »zu spät«. »Wir haben ein halbes Jahr verhandelt. So bin ich vom Lokalchef zum Lehrling geworden.« – Um kurz vor dem Tod des Großvaters noch die Gesellenprüfung als Klaviermacher zu schaffen. Wie seine Vorfahren konnte auch er bei der Wiener Klavierfabrik Bösendorfer Erfahrung sammeln, was ihm bei der Unternehmensübernahme nicht zum Nachteil gereichte. Stephan Fiedler repräsentiert bereits die sechste Generation des Unternehmens »Klavier- und Harmonium-Etablissement und Leihanstalt Albert Fiedler & Sohn«, wie der volle Firmenname lautet und kann daher behaupten: »Ich war 2004 der älteste Vertragspartner von Bösendorfer, als Person aber der jüngste.« Und so wurde er vom Lehrling gleich zum Chef, worauf ihn sein Vater aber insofern gut vorbereitete, als er er ihm von Anfang an viel Verantwortung übertragen hatte.

Bösendorfer gehört neben Steinway & Sons (USA) und Fazioli (Italien) zu den großen Drei, deren jeweilige Anhänger das, gelinde gesagt, gern zum Glaubensbekenntnis machen. Also vorsichtig formuliert: Natürlich gibt es noch andere hervorragende Hersteller, aber natürlich ist auch es unbestritten, dass Steinway mit großem Abstand Marktführer ist. Und übrigens vom ausgewanderten Deutschen Heinrich E. Steinweg in New York gegründet wurde, somit auch europäischen Ursprungs ist. Und übrigens vor fünf Jahren an einen Hedgefondsmanager verkauft wurde. Wie auch das urösterreichische Unternehmen Bösendorfer mittlerweile der japanischen Yamaha Corporation gehört. Wahrscheinlich ist das weder gut noch schlecht, sondern zunächst einmal der Lauf der Dinge in einer globalisierten Welt, und wenn sich ein neuer Eigentümer nicht weiter einmischt, außer statt in Wien in Wiener Neustadt zu produzieren, klingt das auch nicht ganz  schlecht. Noch besser ist es natürlich, dass damit wohl der Fortbestand des Unternehmens gewährleistet wurde, womit der vorherige Eigentümer, die Bawag, ihre Probleme hatte.

Pianos für Schulen
Im letzten und vorletzten Jahrhundert lautete die Frage ja nicht, ob man ein Klavier habe, sondern wo es denn stehe. Verglichen mit diesen Zeiten hat sich der Markt gewaltig verändert, das weiß auch Stephan Fiedler und er tut etwas dagegen. So hat er schon 2006 die karitative Konzertreihe »Piano Forte« für hochbegabte Schüler und Schülerinnen gegründet und betreut mit Stadtrat Kurt Hohensinner und dem Landesschulrat das Schulprojekt »Mit dem Piano durch die Pause«, das sich besonderer Beliebtheit erfreut. Dabei stellt das Grazer Klavierhaus Fiedler steirischen Gymnasien jeweils für zwei Monate kostenlos ein Piano zur Verfügung. Das steht nicht etwa im Musiksaal, sondern in einem Gang oder Pausenraum. Dahinter steckt die Idee, dass Schüler in den Pausen darauf spielen können und so nicht nur dem Instrument näher kommen, sondern auch etwas Ruhe und Entspannung finden. Das Echo ist sehr erfreulich: »Vom 48 Gymnasien haben wie 45 Anmeldungen, die anderen drei haben schlicht keinen Platz«, so Fiedler. Und weiter: »Zur Zeit sind 14 Instrumente in den Schulen, nach Ostern kommen weitere 14 dazu.« Weil es so gut funktioniert, soll das Projekt auf Volks- und Neue Mittelschulen ausgeweitet werden. »Und eventuell sogar flächendeckend für Deutschland«, gerät er ins Schwärmen. Außerdem kann jede Schule ein Video über die Aktion gestalten, das auf der Facebook-Seite des Klavierhauses gepostet wird. Der Schule mit den meisten »Likes« will Fiedler für ihr Sommerfest einen fabriksneuen Bösendorfer-Konzertflügel im Wert von über 100.000 Euro zur Verfügung stellen.

Mieten oder kaufen
Womit wir beim Preis wären – ja, ein Bösendorfer-Flügel liegt heute zwischen schlanken 70.000 bis 150.000 Euro. Auch das kann man noch »updaten«, schließlich hat die Digitalisierung auch vor der Klavierbranche nicht haltgemacht. So hat ein Anytime-Piano (Kopfhörerklavier, ab 5.000 Euro) echte Saiten und eine Seele, aber auch eine elektronische Komponente verbaut, die es ermöglicht, für andere lautlos Klavier zu üben. Naturgemäß hält der Klavierhändler von reinen Digitalpianos gar nichts: »Die sind seelenlos im Klang.« Von den rund 150 pro Jahr verkauften Instrumenten sind der Großteil Pianos, vorwiegend der Marke Kawai aus Japan.

Der Neupreis für ein Piano beginnt bei 3.200 Euro, gebraucht bei 2.000 Euro. Beliebt ist auch die Mietvariante, die bei durchschnittlich 40 bis 200 Euro pro Monat liegt, die Faustregel dabei lautet zwei Prozent des Listenpreises. Fiedler: »Ich bin der Meinung, dass nicht die Eltern, sondern die Kinder sich das Klavier aussuchen sollen.« Vorausgesetzt, es ist auch für sie bestimmt. Wichtig ist Stephan Fiedler der persönliche Kontakt. Auch um die eingangs erwähnte Hemmschwelle abzubauen, veranstaltet der Klavierhändler gern Führungen und hat dafür sein umfangreiches Wissen in ein schmales wie kluges und verständliches Heft gepackt. »Entdeckungsreise ins Klavier. Geschichte und Konstruktion« heißt es und ist so gut, dass es sogar als Lehrbehelf in Schulen verwendet wird. Außerdem ist er Autor des Kinderbuches »Der geheimnisvolle Erfinder des Klaviers«, das ein Ergebnis seiner Führungen für Dreijährige (!) und mindestens ebenso empfehlenswert ist. Das sieht auch der Leykamverlag so, der dafür gerade den chinesischen Markt sondiert.

Musische Kindheit
Mit seinen fünf Mitarbeitern betreut der 37-jährige verheiratete Vater zweier Kinder 5.000 Kunden in Kärnten, der Steiermark und im Burgenland sowie 400 Klaviere in 30 Institutionen, wie Grazer Oper, Schauspielhaus, Konservatorium und Kunstuni oder das Konservatorium in Klagenfurt und einigen Musikschulen. Als Sproß musischer Eltern – Mutter Elisabeth Fiedler ist Leiterin der Abteilung Außenkunst im Universalmuseum Joanneum – kam der heutige Klavierhauschef sehr früh mit Kunst und Künstlern in Berührung. Im Klaviersalon selbst zeugen nur wenig Artefakte davon; so eine Büste des Großvaters von Gustinus Ambrosi mit zugehörigen Begleitbrief und eine mehrteilige Druckgrafik-Serie von Günter Brus. Die freigelegten Deckenfresken verleihen dem insgesamt 260 Quadratmeter umfassenden Klaviersalon mit Parkettböden, Doppelflügeltüren und einem wunderbaren gemauerten Balkon mit Balustraden und Blick auf das Platzambiente des Eisernen Tors zusätzlichen Charme.

Als Stephan Fiedler am Klavier jenes Bach-Stück vorspielt, das ihm eine 83-jährige Anfängerin ihrerseits ein Jahr, nachdem sie ihm ein Klavier abgekauft hatte, vorspielte (Zitat Fiedler: »Klavierspielen ist leicht zu erlernen.«), erklärt er nebenbei die enharmonische Verwechslung. Musikaffine Fazitleser wissen schon, das hat zum Beispiel etwas mit der schwarzen Taste zwischen C und D zu tun, ist es ein Cis, ist es ein Des? Der Gedanke macht sich schleichend breit, dass es vielleicht schon einfach sein mag, die 88 Tasten zu erlernen (selbst abgezählt, nicht gegoogelt), aber ohne die Fähigkeit Noten lesen zu können . . . ? Ach, der Herr Fiedler haben ab dem sechsten Lebensjahr neun Jahre lang Klavier gelernt? Dann die Pubertät, wir wissen Bescheid. Aber mit 21 »wieder gerne angefangen«? Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Die Liste meiner erfolglosen Musiklehrer ist lang. Bei Bach fliegen die Gedanken, offenbar auch, – oder gerade wenn, – man selbst spielt (»Zehn Minuten üben an zwei Tagen pro Woche genügt«, hat er auch noch gesagt.) und der Mann am Klavier fliegt in seine Kindheit, als immer wieder Künstler bei seinen Eltern verkehrt oder sogar gewohnt haben.

So auch der vor etwa zehn Jahren früh verstorbene deutsche Maler, Bildhauer, Gesamtkünstler Martin Kippenberger. Von ihm stammt die Reihe »Weiße Bilder«, die – noch dazu plan – auf, besser in weißen Ausstellungswänden appliziert sind und auf die in Kinderschrift und ebenfalls in weiß, daher schwer lesbar, Benotungen ihrerselbst geschrieben sind. Sie lauten durchgehend »sehr gut« und niemand weiß das besser als Stephan Fiedler – er hat es als Kind im Auftrag Kippenbergers geschrieben. Mehr mit Klavier zu tun hat die Geschichte, dass Robbie Williams auf einem Fiedler-Klavier anläßlich eines Fests bei Gaston Glock in Kärnten gespielt hat. Aber am besten erklärt eine Geschichte des Pianisten Andrei Gawrilow die Magie um den warmen Wiener Klang eines Bösendorfer-Flügels. Anläßlich eines Auftritts im Stefaniensaal bot Fiedler ihn an, sich in seinem Klaviersalon einzuspielen, was dieser dankend annahm. Als Fiedler nach einer Weile nachschaute, hatte sich der Pianist seiner Kleidung bis auf die Unterwäsche entledigt und spielte barfuß am Flügel mit der zauberhaften Begründung: »Ich wollte dem Instrument näher sein.« Hören Sie sich das selbst an.

Klavierhaus Fiedler & Sohn
8010 Graz, Am Eisernen Tor 2
Telefon +43 316 830552
klavierhaus-fiedler.at
fb.com/klavierhaus.fiedler

Fazitportrait, Fazit 141 (April 2018) – Foto: Marija Kanizaj

Share |
 
Anzeige
 

Kommentare

Antworten