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Der ORF ist tot. Es lebe ein neuer ORF.

| 26. April 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 142

Mit dem Österreichischen Rundfunk verbindet mich eine Hassliebe. Wenig Institutionen gibt es, die ich gleichzeitig so schätze, wie verachte. Wobei das »Schätzen« vor allem aus der großen Vergangenheit dieses Senders rührt, der ja in den Achtzigern durchaus eine Avantgarde des europäischen und damit weltweiten öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellte. Und die Verachtung oder besser der Ärger rührt gar nicht so aus der Linkslastigkeit der gesammelten ORF-Redaktionen (ist halt so), sondern aus der wohl mit Gerhard Zeiler begonnenen, absolut phantasielosen Programmgestaltung der beiden Fernsehsender ORF-1 und ORF-2. ORF-3 stellt ein rühmliche Ausnahme dar, da gälte es aber zu kritisieren, dass dieser Sender um Jahre zu spät gestartet wurde.

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Aktuell ist eine Diskussion um den ehemaligen FPÖ-Parteichef und Alt-Vizekanzler Norbert Steger im Gange, der als ORF-Stiftungsrat als nächster Vorsitzender dieses Gremiums gehandelt wird, und dessen Aussagen zu »unobjektiver Berichterstattung« seitens zahlreicher ORF-Redakteure für großen Bohei und noch größere Betroffenheit in Österreichs Medienstadln gesorgt haben. Steger hat natürlich recht. Die Linkslastigkeit des ORF ist wenig zu ertragen, und etwa die Berichterstattung über die undemokratischen Zustände in Ungarn, wo sich Volk erlaubt hat, den Böskandidaten sogar – mit beeindruckender Mehrheit! – wiederzuwählen, sollte man wirklich hinterfragen dürfen.

Was eine weitere Ambivalenz in meinem Verhältnis zum ORF aufzeigt: Denn ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass bei einer Wahl unter den Mitarbeitern von Ö1 eine offen kommunistisch auftretende Liste aus dem Stand eine gut ausgestattete absolute Mehrheit erringen würde. Und ich halte Ö1 trotzdem für einen der besten Radiosender im deutschsprachigen Raum (wie im Übrigen das gesamte ORF-Radio plusminus einen guten Job erledigt). So sind etwa die Nachrichtenjournale auf Ö1 als Information allererster Güte einzuordnen. Zu bemängeln gäbe es nur, dass für Ö1 am Wochenende keine Neuigkeiten stattfinden, die Beamtenmentalität der Belegschaft und die sicher beachtlichen Dienstverträge verhindern offenbar, dass es auch Samstags und Sonntags ordentliche Nachrichtensendungen gibt. Alle wissenschaftlichen Sendungen auf Ö1 sind von bester Qualität und immer hörens- wie nachhörenswert. (Internet; halt nur sieben Tage lang. Hier ist der Gesetzgeber gefordert!) Und wenn in Diskussionssendungen etwa bei einer üblichen Groteske von Jean Ziegler keiner kopfschüttelnd nachfragt, nehme ich das dem Sender nicht übel. FM4, gut da bin ich die letzten Monate dann doch endgültig zu sehr rausgewachsen um auf dem Laufenden zu sein, macht auch seinen gut(link)en Job.

Das ORF-Fernsehen aber, der große Verbrennungsmoter von Unsummen aus unseren Brieftaschen entnommenen und damit endlos verfügbaren Geldmitteln, das ist eine Katastrophe. Durch die Bank. Und auch hier sei mein innerer Widerspruch erwähnt, natürlich macht der ORF tolle Ski- und Sportübertragungen und zwei, fünf nette Universumssendungen etc. etc. und natürlich ist die Zeit im Bild eine gute Nachrichtensendung; sogar die Zeit im Bild 2; sogar wenn sie von Armin Wolf moderiert wird. Aber sonst? Bilderlradio hat das einmal ein lieber Kollege genannt. Und Abspielstation von – gerne im Zweier- oder Dreierpack – amerikanischen Sitcoms bzw. »Crimeformaten«. Das ist nicht zu ertragen.

Ich befürchte, nein, ich bin davon überzeugt, dem ORF ist so nicht mehr zu helfen. So gesehen irrt Steger dann doch, weil es nicht darum geht, über welche politische Einstellung Redakteure bei diesem auf offener See treibenden Tanker ins Nirgendwo verfügen. Der ORF ist im Grunde bei Zeilers Konzept, einer Kopie der privaten bundesdeutschen Sender der Achtziger, stecken geblieben und hat sich – vergessen Sie den ganzen digitalen Schnickschnack – nicht mehr weiterentwickelt. (ORF.at ist eine wunderbare Seite!) Die Zeit der öffentlich-rechtlichen »Vollsender« ist vorerst vorbei. Die Regierung sollte keine Zeit und kein Geld damit vergeuden, diesen Saurier am Leben zu halten. Sondern alles Gehirnschmalz, aus allen politischen Lagern!, aufwenden, etwas Neues zu gestalten, um endlich wieder den so wichtigen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen. Das wäre was, das schaute ich mir an.

Editorial, Fazit 142 (Mai 2018)

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