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Dominante Religion der Gegenwart

| 26. April 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 142, Kunst und Kultur

Foto: Bibliothek des KonservatismusDer 68er-Glaube. Notizen zu Karlheinz Weißmanns neuem Buch »Kulturbruch ’68«.

::: Text von Michael Bärnthaler
::: Hier im Printlayout online lesen

Es ist faszinierend, wie manchen Jahreszahlen die Kraft zuwächst, ein Bündel an Ideen, Vorstellungen und Stimmungen zu bezeichnen. 1968 ist eine solche Jahreszahl, die auf viel mehr als nur ein Jahr verweist. Wir alle wissen, was gemeint ist; das Schöne an einer solchen zur Chiffre gewordenen Jahreszahl ist ja gerade, dass es völlig ausreicht, sie zu nennen, um die mit ihr verknüpften Vorstellungen wachzurufen. 2018 denken wir zurück an 1968, ein Jahr, das fortwirkt – und jeder hat sofort gewisse Bilder vor Augen … Schöne oder schreckliche oder auch ambivalente Bilder.

Karlheinz Weißmann erzählt nun seine Geschichte von 1968 als »Kulturbruch« in einem Buch, das durchaus auch Einblick gibt in den persönlichen, lebensgeschichtlichen Hintergrund seines Autors, des Historikers Weißmann, der für die Herausbildung der deutschen »Neuen Rechten« bekanntlich eine äußerst wichtige Rolle gespielt hat. Seine Abrechnung mit »den 68ern« kulminiert in der Analyse dessen, was er auch als »die herrschende Zivilreligion« unserer Gegenwart bezeichnet. Dieser 68er-Glaube ist es letztlich, der jenen »Meinungskorridor«, von dem unlängst Uwe Tellkamp in Dresden sprach, begrenzt und befestigt. Ich fasse Weißmanns Ausführungen äußerst knapp wie folgt zusammen: Der engstirnig-konformistische 68er-Glaube, der Meinungstoleranz stets nur heuchelt, reduziert die Menschen, auf deren »Gleichheit« in jeder relevanten Hinsicht er insistiert, auf beliebig form- und »sozialisierbare« Atome, die – von der Elite der Rechtgläubigen – so zu arrangieren sind, dass sämtliche »Randgruppen« (= nicht weiß, männlich usw. usf.), von deren sittlicher Überlegenheit man insgeheim überzeugt ist, dergestalt »inkludiert« werden, dass die Gesellschaft sukzessive ihrem utopischen Endziel, an dem trotz »postmoderner« Verbrämung festgehalten wird, entgegenstreben kann.

Was für ein Bandwurmsatz! Aber er spiegelt das Bandwurmhafte der Ideologie … Von jenem utopischen Endziel her, welches letztlich ein marxistisches ist, muss man den 68er-Glauben begreifen: Die Gesellschaft bzw. die Menschen müssen stets – von der Elite der Rechtgläubigen – in eine Richtung gedrängt, getrieben werden, die sie sonst nicht einschlagen würden. Religiöse und politische Ansichten, die dem entgegenstehen, werden aus dem »Meinungskorridor« systematisch hinausgedrängt. Dem politischen Gegner wird dabei grundsätzlich der gute Wille und letztlich die Daseinsberechtigung als politischer Gegner abgesprochen; jede realistische Anthropologie wird tabuisiert, der Mensch muss »Blank Slate« sein, also in jeder relevanten Hinsicht durch »Sozialisation« geformt … Ja, Politik ist eben – auch – Religion. Und jede Zeit hat ihren Glauben. Heute dominiert – noch? – der alte 68er-Glaube.

Kulturbruch ’68 – Die linke Revolte und ihre Folgen. Von Karlheinz Weißmann, JF-Edition, März 2018, ca. 20 Euro

Alles Kultur, Fazit 142 (Mai 2018) – Fotos: Bibliothek des Konservatismus, Faksimile

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