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Zur Lage (90)

| 26. April 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 142, Zur Lage

Eine zutiefst subjektive und ausnahmsweise nicht satirische Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat und mit dem, was mir einmal meine Heimat war. Und hoffentlich immer sein wird.

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»Die junge Frau, die mir gerade am Frankfurter Flughafen meinen Kaffee gegeben hat, hat ein Namensschild mit den Flaggen Deutschlands, Englands und Äthiopiens. Ich brauche den Ausdruck ‚Heimat‘ nicht, aber wenn, dann muss er heute für so etwas stehen.«

So lautete ein Tweet, also eine Kurznachricht auf Twitter, vor einer Woche, die mich zu einem raschen »Nein« als Antwort verleitete. Ich habe nach wenigen Minuten diese Anwort wieder gelöscht, zum einem, weil dieses bloße »Nein« mir zu viel an Interpretationsspielraum offengelassen hätte und zum anderen, weil ich den Verfasser kenne und das auch persönlich mit ihm diskutieren kann. Dieser kurze Text hat mich die letzten Tage aber nicht mehr losgelassen. Ich bleibe dabei, ich kann, ja ich muss mit einem »Nein« auf dieses Definition, was »Heimat heute sein muss«, antworten. Heimat muss nichts.

Es steht jedem frei, den »Begriff« Heimat nicht zu »brauchen«, ich gebrauche ihn übrigens auch eher selten, in so einer modischen Begriffswolke meiner Gedanken wäre er wohl recht klein und kaum auszumachen. Aber ich brauche meine Heimat. Wie die Luft zum Leben, die mir eben erst dann wirklich fehlen würde, wenn sie nicht mehr da wäre. Und das wäre fatal. Natürlich ist auch Schönes am gezeichneten Bild der Inter- oder eher Multinationalität (drei Flaggen!) der jungen Frau am Flughafen, ja beinahe Romantisches. Fernweh, ein sehr deutscher Begriff, denke ich, kommt mir da zuerst in den Sinn. Mit »Heimat« hat es aber eben – für mich – recht wenig zu tun. Und auch wenn ich zu wissen glaube, dass der Verfasser gar nicht so viel Hintergrund in sein »muss« hineinlegen wollte, hat es mich sehr getroffen. Weil es um eine der Demarkationslinien im immer größer wie gröber werdenden Bruch unserer Gesellschaft geht. Wer Heimat empfindet, und dabei nicht an zumindest zwei Kontinente denkt, der ist – nicht nur nach diesem Diktum – im besten Fall veraltet, im schlechtesten ein Nazi. Um es ohne Umschweife auf den Punkt zu bringen.

Uns Konservativen Europas, uns alten, uns einfachen Gemütern, wird gerne und oft und oft zu Recht ein großes Maß an Empathie abverlangt. Dabei werden dann aber keine Gefangenen gemacht. Was ist eigentlich mit der Empathie für uns. Oder – um mich hier nicht aufzuspielen – für mich? Ich bin in Graz aufgewachsen. Am rechten (oder linken, wenn Sie auf einer Landkarte schauen würden) Murufer, in den Bezirken Gries und Lend. Die Christa Zöchling vom Profil übrigens auch, fünf, sieben Jahre vor mir in Gries. Beschrieben hat sie den Bezirk, als wäre er auf einem anderen Planeten. Gut, so unterschiedlich sind halt persönliche Erfahrungen. Egal. Graz und Gries, da waren wir gerade. Ich bin dort Volks- und Mittelschule gegangen, Oberstufe schon am anderen Murufer. Volksschule St. Andrä. Wir waren zwei Klassen pro Jahrgang. Und eine weitere Volksschule ähnlicher Dimension war im Nebengebäude. Ein nichtmuttersprachlich deutsches Kind hatte ich in meiner Klasse. In den anderen Klassen war das auch so. Heute, also im Schuljahr 2017/2018 hat sich kein muttersprachlich deutsches Kind in St. Andrä angemeldet. (Eines schon, ein Kind einer serbischen Mutter und ich denke eines polnischen Vaters, die offenbar noch davon ausgehen, dass »Integration« irgendwas Sinnvolles darstellt.) Meine Familie wohnt jetzt am linken Murufer, ich auch. Nur meine Tante ist in der Annenstraße geblieben. Sie hat eine Nachbarin gegenüber, weit über Achtzig, die Mutter eines meiner Volksschulkollegen, die sie von früher kennt. Zur nächsten bekannten Familie sind es zahlreiche Straßen. Sie lebt also in einer komplett anderen Welt, als es die war, in der sie aufgewachsen ist. Eine komplett andere Welt, als es die war, in der ich aufgewachsen bin. Es gibt den Leiner, klar. Aber sonst? Kebapbuden und immer offen habende Gemüsegreisler.

Ich weiss schon, die Welt verändert sich. Immer schon. Und sie wird es immer weiter tun. Mit mir und ohne mich. Und ich nehme das auch zur Kenntnis. Na selbstverständlich. Bin natürlich immer noch gerne Grazer und freue mich auch über jeden im Grunde immer positiven Kontakt mit »neuen Grazern«. Ich könnte Ihnen da was erzählen von einer türkischen Familie in der Griesgasse, die einen Paketdienst betreibt. Nur soviel: unglaublich liebe, herzensgute Herrschaften!

Was ich nicht tue, ist das alles als »nur super« anzusehen. Und hier geht es nicht um Probleme, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen können. Es geht mir etwa nicht um arabischen Antisemitismus, der uns in der Bundesrepublik schon um die Ohren fliegt. Es geht mir einfach darum, dass es nicht nur super ist, wenn in der Gasse, in der ich gespielt habe, kein deutsches Wort mehr durch die Luft flattert. Wenn ich auf den Plätzen meiner Kindheit so wenig Vertrautes nur mehr vorfinde.

Ich liebe Frankreich, bin halber Hesse, Kroate sowieso und in Bayern zuhause. Hamburg und Lübeck sind meine Lieblingsstädte, sogar Regensburg aber sowieso Speyer und Dresden und Rothenburg ob der Tauber. Oder Triest! England ist ein Traum, nur Schottland schöner. Irland! Hach. Die Vereinigten Staaten sind meine heimliche Liebe, vor allem Washington, der Bundesstaat. In Afrika gibt es wunderschöne Orte, von Asien ganz zu schweigen. Auf Rußland stehe ich und Ungarn, Rumänien und der Kosovo – dort könnt ich bleiben!

Ich habe im Grunde, bis auf eine kurze Zeit in New York, immer in Graz gelebt. Meine Tante hat immer in Graz gelebt. Niemand wird mir oder noch viel weniger meiner Tante vorschreiben, wie unsere »Heimat« zu sein hat! Was unsere Heimat »sein muss«. Diese Empathie werden die Fortschrittlichen aufbringen müssen. Dann werden wir auskommen. Wenn uns das nicht gelingt, dann gnade uns Gott.

Zur Lage #90, Fazit 142 (Mai 2018)

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