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Eine Frage der Bindung

| 1. Juni 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 143, Fazitportrait

Foto: Marija KanizajDen meisten ist die Buchbinderei Folkhard am Grazer Glockenspielplatz ein Begriff. Seit Generationen lassen Private wie auch öffentliche Stellen hier ihre Bücher und Diplomarbeiten binden. Für bibliophile Geister der Inbegriff an Gediegenheit und Verlässlichkeit, für andere ein Hort analoger Handwerkskunst alter Schule.

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Neulich am Glockenspielplatz. Als Verfasser von Texten, die keiner Zensur unterliegen, außer der schlimmsten, der Selbstzensur, von Texten, die insbesondere nicht gekauft werden können, hat man es auch nicht so leicht. Wenn man, wie es ein scheidender Spitzenkandidat einer pinken Partei ausgedrückt hat, nicht Passagier, sondern Pilot seines Lebens sein will, muss man Entscheidungen treffen. Etwa jene – im Angesicht der Weltenspiels vordergründig unwichtige – welches Unternehmen man diesmal für ein Portrait auswählt. Da ich oft nach den Kriterien gefragt werde, und weil nicht nur der berühmteste Nicht-Literaturnobelpreisträger Philip Roth, sondern auch Tom Wolfe, der Hauptbegründer des New Journalism, kürzlich verstorben ist, einer journalistischen Spielart, die schon Gegenstand einer Fazitabschweifung war, seien hier quasi epigonenhaft drei Auswahlgründe angeführt. Da wären einmal Zeitdruck und Panik. Beides Ausfluss selbstverschuldeten Zeitmissmanagements, also immerhin als Pilot. Um den dritten Grund zuzugeben, bedarf es einigen Mutes, schrammt er doch in den Augen so mancher an der Grenze der Peinlichkeit, ja Lächerlichkeit entlang. Es hat mit Romantik zu tun; nicht Sozialromantik, sondern mit dem versucht unverdorbenen Blick eines Kindes, das Schönheit auch dort noch erkennt, wo es dem Erwachsenen zuweilen nicht mehr möglich ist.

Aus der Zeit gefallen
Wir sind also am Glockenspielplatz. Der Romantiker sieht ein Kaffeehaus, zeitweise ein Glockenspiel, ein Modegeschäft, eine Farbenhandlung, Wirtshäuser und eine Buchbinderei. Was sucht er aus? Das Glockenspiel? Nein, der Romantiker ist ja erwachsen und weiß, das könnte schwierig werden. Obwohl – na, vielleicht ein andermal. Natürlich die alte Buchbinderei Folkhard. Das äußere Erscheinungsbild wie aus der Zeit gefallen, unspektakulär wie eine alte Fotographie in Sepiatönen, aber in der Auslage Bücher oder zumindest Einbände, die wie Bücher aussehen, steife Einbände aus Leinen mit gold- oder silbergeprägten Titelschriften. Beflügelungen der Phantasie, Geistesfutter, Zeitvertreiber, Abenteuer zum An- und Begreifen. Romantiker erkennen das sofort, Kinder spätestens dann, wenn ihnen viel vorgelesen wird. So fällt also die Entscheidung. Zugegeben, ich wollte am Glockenspielplatz jemand anderen portraitieren, aber der wollte ja nicht. Wie gesagt, der freie Journalist hat es auch nicht leicht. Dazu kommt aber noch etwas; das verrate ich Ihnen erst am Schluss.

Dämpfer für Romantiker
Herr Folkhard ist ein netter Mann. Nicht nur, weil ich ihm sage, dass diese acht Seiten im Fazit nichts kosten, wie das eben so ist, bei redaktionellen Beiträgen. Und er sieht nicht nur gut aus, er ist auch fit wie ein Turnschuh. Als ihm während des Gesprächs etwas hinunterfällt, hebt er es schneller auf, als ich den Gedanken vollenden kann, ob ich da unten noch etwas anders erledigen könnte, wenn ich schon einmal dort bin, Schuhe zubinden etwa. Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Erich Folkhard ist siebenundsiebzig, sollte man erwähnen. Es sind wahrscheinlich die Gene, kommen wir überein. Wie so oft, bekommt der Romantiker alsbald einen ersten Dämpfer. Buchbinderei ist natürlich ein Handwerk. Aber keines, das man im Sitzen erledigt. Meister Folkhard betreibt sein Gewerbe zusammen mit Tochter Ursula, Sohn Michael und einer Mitarbeiterin. Hinter dem winzigen Verkaufsraum dehnt sich eine immerhin rund neunzig Quadratmeter große Werkstatt aus, in der es keine Sitzgelegenheit gibt. Buchbinderei findet ganztägig im Stehen statt und ist körperlich anstrengend. Da wird geleimt, gemessen, geschnitten, gepresst, genäht, gehämmert und geprägt. Manchmal auch gebohrt, etwa für Sichtfenster in den Einbänden der Krankenhausmappen, die das Landeskrankenhaus halbjährlich zu jeweils 10.000 Stück ordert, um schon von außen zu erkennen, ob etwas drinnen ist.

ÖH-Auftrag Diplomarbeiten
Im Mai haben die Arbeiten der an den Universitäten und Fachhochschulen Studierenden Saison. »Seit zwei Monaten haben wir die Österreichische Hochschülerschaft als Kunden«, erklärt Folkhard die ungewohnte Geschäftigkeit. Pro Tag werden zwischen 40 und 80 Arbeiten zum Binden ins Haus gekarrt. Als da wären: Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen, Fachbereichsarbeiten, Projektarbeiten, Hausarbeiten, Habilitationen oder Diplomrollen. Natürlich kommen Studierende nach wie vor auch direkt in den Laden, gehören diese Arbeiten doch seit jeher zum Kerngeschäft dieser Handbuchbinderei. In der Regel werden die ausgedruckten Unterlagen von der Kundschaft beigestellt, es genügt aber auch ein USB-Stick mit einer PDF-Datei, denn bei Folkhard wird auch ausgedruckt. Zur Freude jener, die es eilig haben, bekommt man die Diplom- oder sonstige Arbeit innerhalb von 24 Stunden fertig gebunden zurück. Wie groß der Aufwand des Buchbinders für eine Arbeit tatsächlich ist, wird gern unterschätzt. Zwar sind alle DIN A4-Seiten gleich groß, da die Seitenanzahl aber differiert, muss der Buchrücken verschieden dick gefertigt werden. Der Einband wird selbstverständlich zur Gänze im Haus produziert, der Pappendeckel ist üblicherweise mit Leinen oder Kunstleder überzogen, auf Wunsch auch mit Leder, aber auch andere Materialien sind möglich. Die Beschriftung ist geprägt, die unterlegte Folie muss mit einer eigenen Maschine heiß aufgetragen werden.

Bleisatz ist begrenzt
Das Besondere ist das im Computerzeitalter archaisch anmutende Prozedere mit den Lettern für die Prägung. Die sind tatsächlich aus Blei und unendlich oder zumindest unglaublich viele. Schließlich werden nicht nur verschiedene Schrifttypen nachgefragt, sondern auch verschiedene Schriftgrößen, was bedeutet, dass von Typen wie Größen alle Buchstaben in mehrfacher Ausfertigung vorhanden sein müssen. Das hat natürlich seine Grenzen und kann mit der Schriftauswahl des Computers nicht mithalten. Jeder einzelne Buchstabe muss wie in einer alten Druckerei ex-tra gesetzt werden, was auch bedeutet, dass man in der Lage sein muss, spiegelverkehrt lesen zu können. Ein Fehler, und der ganze Einband muss neu gemacht werden. Das Vorsatz- (Umschlaginnenseite) und das Nachsatzblatt (das gleiche hinten, quasi die vorletzte Seite) werden in der Folge mit dem Einband verleimt, in der Fachsprache heißt das, der Buchblock wird eingehängt. Sein Rücken muss schon zuvor verleimt und mit einem Gazestreifen versehen sein. Lumbecken nennt der Buchbinder diesen Vorgang, benannt nach seinem Erfinder Emil Lumbeck. Dazu müssen die einzelnen aufeinanderliegenden Seiten zunächst beschnitten und dann etwas aufgefächert werden, damit der Leim ordentlich hält. Alles in reiner Handarbeit versteht sich. Für eine hochwertige Fadenbindung eignen sich Einzelseiten natürlich nicht. Die kann nur in sogenannten Lagen durchgeführt werden. Die Klebebindung ist keine schlechte Sache. Man denke an Schuhe. Die waren seinerzeit stets rahmengenäht, aber überspitzt gesagt nur deshalb, weil es noch keine guten Kleber gab. – Nichts gegen rahmengenähte Schuhe und schon gar nichts gegen Fadenheftung für Bücher, im Gegenteil, aber Arbeitszeit ist bekanntlich teuer.

Kleine Fazitabschweifung
Folkhard macht natürlich viel mehr, als bloß Diplomarbeiten zu binden. »Rund zehn Prozent unserer Kunden sind privat«, so der Meister. »Viele lassen etwa ihre beschädigten Lieblingsbücher neu binden oder Sammelhefte zu Büchern binden.« Dann ist es kein Problem, wenn die Wartezeit 14 Tage bis einen Monat beträgt. Oder Rollen, Kartons, Sonderanfertigungen wie eine Besteckkassette mit Rehleder für Silberbesteck, aber auch Prägungen auf Gürtel oder Ledertaschen – was übrigens ziemlich günstig ist und etwa Geschenken den letzten Schliff gibt. Erich Folkhard hat noch den Beruf des Rastrierers gelernt, der zum Beispiel Notenlinien zog oder Einteilungen in Geschäftsbüchern machte und übernahm 1969 von seinem Lehrherrn A. Kniplitsch das seit 1946 bestehende Geschäftslokal im Carolinenhaus am Glockenspielplatz in Miete. Außerdem war er mehr als 30 Jahre lang Berufsschullehrer und unterrichtete nicht nur in seinem Fach, sondern auch Turnen. Dass er den Zeugwart, Schiwart und Schilehrer auch in der Tasche respektive in den Beinen hat, hat er auch erst verraten, nachdem er sich so schnell gebückt und wieder aufgerichtet hat. Und dass er viertausend Kilometer im Jahr mit dem Rennrad unterwegs ist. Gene, soso. Man erfährt doch viel, wenn man sich zu fragen getraut, leider kann nicht alles publiziert werden. Dazu passt, dass ich Ihnen zur Entscheidungsfindung für das Fazitportrait anfangs noch ein ziemlich persönliches Kriterium verraten wollte. Was bereuen wir, wenn unser Leben zu Ende geht? Das fragt eine Palliativpflegerin, die viele Menschen am Sterbebett bis zum Tod begleitet hat, vor einigen Jahren in ihrem Buch »5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen«. Nehmen Sie den Link (bit.ly/5-dinge) oder das Buch als mutige Fazitabschweifung.

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Fazitportrait, Fazit 143 (Juni 2018) – Foto: Marija Kanizaj

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