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Heimat ohne Heimat

| 1. Juni 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 143, Gastkommentar

Foto: ArchivDer Begriff »Heimat« geriet durch das Aufkommen der Achtundsechziger (alles Liebe zum Fünfziger!) – Stichwort Anti-Heimatliteratur – zusehends zu einem Nicht-Wort, zumindest für fortschrittliche, liberale Geister. Die FPÖ hat aus dieser Tabuisierung Kapital geschlagen und den Begriff in Österreich besetzt. Selbstverständlich war das jedem bewusst, aber viele vertraten die Meinung, dass sie mit diesem antiquierten, »kontaminierten« Begriff ohnehin nichts zu tun haben möchten.

::: Text von Thorsten Seifter [Hier im Printlayout lesen.]

Man überließ ihn auch der FPÖ im Wissen, die studierten, hippen Schichten in den Städten stramm auf »Weltoffenheit« gebürstet zu haben. Die Proleten, also die Dummen, sollen sich ruhig an ihrer national gedachten Heimat erfreuen, die im Zeitalter der Globalisierung sowieso weggefegt wird. Ein totes, braunes Pferd, worauf niemand Vernünftiges sein (politisches) Geld setzt.

Und doch, der Bundespräsidentschaftswahlkampf im Jahr 2016 signalisierte eine diskursive Trendwende. Der Grüne Van der Bellen posierte auf seinen »Heimat«-Plakaten vor wunderschönen Panoramen. Etwas, das dem 68er seinerzeit locker als »affirmativer Scheiß« um die Ohren geflogen wäre. Im jüngsten Salzburger Landtagswahlkampf hat sich die dortige Grünen-Chefin Astrid Rössler sogar auf einem Plakat mit Kindern in Lederhosen und Dirndln ablichten lassen. »Heimat beschützen« stand darauf. Auf Rösslers Sujet fanden sich ausschließlich einheimische Kinder wieder, noch dazu alle streng »cis-gender«, die Buben trugen Lederhosen, die Mädchen Dirndl. Also, weniger »Buntheit« und »Vielfalt« ginge selbst bei der verhassten FPÖ nicht. Freilich beeilte sich Rössler, klarzustellen, für sie sei Heimat »ein Zuhause, das weltoffen ist und zugleich Halt gibt. Ein Zuhause, in dem wir uns über das Gemeinsame und nicht über das Trennende finden«. Wäre es dann nicht folgerichtig, neben Einheimischen auch Menschen nicht europider Physiognomie in traditionell alpenländischer Kleidung abzubilden?

Das ist das Problem, wenn man als weltoffen und verwurzelt, gemeinsam und nicht trennend gesehen werden möchte. Man kann es nie allen recht machen, eine Seite würde immer abgeschreckt. Trotzdem steigen seit wenigen Jahren die Versuche, diesen Spagat möglichst galant zu vollführen. Christian Klepej unternahm diesen Versuch ebenfalls, sehr darauf bedacht, das eine (»Weltoffenheit«) nicht gegen das andere (»Halt«) auszuspielen (es geht schließlich um das Gemeinsame, nicht das Trennende). Apropos: Die Warnung vor dem importierten Antisemitismus darf nicht fehlen, mahnende Worte an den ebenso stark ausgeprägten Hass gegen Einheimische können dagegen unterbleiben.

Klepej wägt ab, betrachtet die eine Seite (die »herzensgute« türkische Familie) und die andere (»kein deutsches Wort mehr« im Kindheitsviertel) und spürt, dass die Adduktoren strapaziert werden. Doch was soll daraus folgen? Darauf gibt er keine Antwort. Auch Rössler oder VdB haben keine Antwort parat. Alle aber haben (nunmehr) erkannt, dass die Frage der Identität jene unserer Zeit, vor allem aber die Frage meiner Generation ist, die wiederum untrennbar mit der Zuwanderungsthematik verwoben ist.

Ohne zu bestimmen, wer Teil der Heimat ist und wer nicht, drückt man sich um eine notwendige Entscheidung. So ist Heimat vollkommen beliebig, nichts als ein ahistorisches Gelände ohne Ecken und Kanten. Damit zieht man sich in letzter Konsequenz auf einen kosmopolitischen (globalistischen) Humanitarismus zurück, ein Menschheitsphantasma: Heimat: Erde; Nation: Mensch. Die Bezüge sind maximal global und abstrakt, transient und konturlos. Die Heimat, die ich meine, ist das genaue Gegenteil davon: sie stiehlt sich nicht aus der Geschichte, ist real, konkret, exklusiv und opulent.

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Dieser Text ist eine Reaktion auf den Kommentar »Zur Lage« (#90)
aus der letzten Ausgabe (Fazit #142).

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Thorsten Seifter (29), hat Sprachwissenschaft in Graz studiert (MA). (Ko-)Autor linguistischer Publikationen. Aktuell ist er im 6. Semester des Fachhochschulstudiums Logopädie in Graz.

Gastkommentar, Fazit 143 (Juni 2018), Foto: Archiv

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