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Die Linke muss damit aufhören, sich moralisch erhabener darzustellen

| 26. Juli 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 145

Es war im Sommer 2015, als ich gegen Halbacht im Begriff war, die Wohnung zu verlassen. Meine Tochter, damals kein ganzes Jahr alt, schlief noch in ihrem Gitterbettchen. Ich habe mich über sie gebeugt, ihr einen Kuss hinutergeschickt und sie einige lange Augenblicke nur still bewundert. Dann bin ich ins Büro.

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Irgendwann am Vormittag habe ich im Internet das Bild der Leiche eines jungen Buben, zwei, vielleicht vier Jahre alt, die an einem türkischen Sandstrand wie weggeschmissen gelegen ist, gesehen. Dieses mittlerweile zu einer Ikone des Leids von Menschen auf der Flucht gewordene Bild zum ersten Mal gesehen. Und ich werde dieses Bild mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Es fällt mir nicht leicht, Ihnen davon zu erzählen, dieses kleine tote Kind ist da direkt am Wasser beinahe in der gleichen Position gelegen, wie meine Tochter in ihrem Bett geschlafen hat. Alleine an meinem Schreibtisch hat mich in diesem Moment das Leid dieses Kindes, dieses kleinen toten Menschen, das Leid seiner Eltern, Geschwister und Verwandten übermannt. Ich habe weinen müssen, weil ich von dieser brutalen Ohnmacht, diesem Buben nie mehr helfen zu können, erdrückt worden bin. Es ist furchbar, dass dieses Kind gestorben ist. Und es ist furchtbar, dass in den Minuten, die ich an diesem Text schreibe, Kinder irgendwo auf dieser Welt verhungern, verunglücken, durch Kriege getötet werden oder eben ertrinken.

In der vorvergangenen Ausgabe der Wochenzeitung »Die Zeit« ist ein Pro und Contra bezüglich privater Seenotrettungen im Mittelmeer erschienen, in dem Mariam Lau meines Erachtens ausnehmend feinfühlig versucht hat, die auch existierenden Schattenseiten solch privater Aktivitäten anzusprechen. Sie verwendete die treffende Formulierung, es handle sich um ein »Problem aus der Hölle« und skizzierte sehr differenziert, dass Gutes zu wollen in der brutalen Realität abseits gemütlicher Kaffeehausdiskussionen nicht immer nur Gutes bewirkt. (Sie können die Aufregung, die diese Gegenüberstellung zweier Ansichten bewirkt hat, im Netz nachlesen.) Vorige Woche nun hat die Chefredaktion der Zeit einen die Ausgabe einleitenden Text veröffentlicht, in dem sie sich vom Inhalt der Lau’schen Überlegungen distanzierte. Und in anmaßender Art und Weise sich bemüssigt fühlte klarzustellen, dass auch Mariam Lau nicht »Menschen ertrinken lassen« will, »um andere abzuschrecken«. Solche Art inhumaner Logik lehnten sie ab.

Welch kranker Geist wohnt dieser Denke inne? Jetzt ist Lau nicht annähernd politisch rechts zu verordnen, vielleicht ist sie Mitte-Links und damit natürlich weit rechter, als der durchschnittliche Journalist unseres Kontinents, ok. Aber wo sind wir da hingeraten, dass in aller Aufklärung Namen eine sich moralisch erhabener fühlende Gruppe anderen Menschen unterstellt, sie wollten bewusst Menschen sterben lassen? Ist hier wirklich jeder Kompass rationaler Vernunft verloren gegangen?

Ich bin nicht links. Ich bin auch nicht in der Mitte, weil in der Mitte viel zu oft der faule Kompromiss zuhause ist, und der ist Feind jeder sinnvollen demokratischen Konsensorientierung. Und selbst ich Unlinker möchte nicht, dass Menschen leiden müssen, sterben müssen, darben müssen. Möchte also auch eine bessere, eine schönere Welt. Mein Weg dazu ist ein halt bloss kein linker. (Nur in Klammer füge ich heute an, dass es der Kapitalismus ist, der als einzige Verwaltungsform belastbare Zahlen anbieten kann, dass die Welt in den letzten Jahrzehnten eine bessere geworden ist.) Vor allem weiß ich für mich, dass ich das Leid der Welt nicht lindern kann, indem ich mich ihm aussetze. Ich müsste mich am ersten Abend eines solchen Tages entleiben, alleine aus lauter Verzweiflung. Natürlich will ich nicht, dass im Mittelmeer Menschen, Frauen, Männer und Kinder, ertrinken. Aber ich muss die Diskussion darüber, ob etwa das australische Modell, wo – wenn die mir vorliegenden Informationen stimmen – nun seit Monaten niemand mehr im Meer ersaufen muss, zumindest zulassen.

Es muss geholfen werden! Es ist menschlicher Reflex, egal ob man links oder rechts ist, zu helfen. Und helfen heisst auch, dass alle Möglichkeiten durchgedacht werden müssen. Ohne dabei in vermeintlich moralischer Überlegenheit, anderen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Eine solche Art inhumaner Logik lehne ich ab.

Editorial, Fazit 145 (August 2018)

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