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Zur Lage (95)

| 24. Oktober 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 147, Zur Lage

Über die Angehörige einer Minderheit in den Vereinigten Staaten, über ihren seit zwei Jahren schwelenden Konflikt mit dem Widersacher aus dem Weißen Haus und über eine längst überholt geglaubte Ahnenforschung.

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Elizabeth Warren, Senior Senator Elizabeth Ann Warren, ist mein Liebling des Monats, was schreibe ich, des Jahres, wenn nicht des ganzen Jahrzehnts. Sie vertritt als eine von zwei Senatoren den Bundesstaat Massachusetts im Senat der Vereinigten Staaten von Amerika. Zudem ist sie nach eigenen Angaben Tscherokesin und damit Angehörige eines nordamerikanischen Indianervolkes. (Das sind »First Americans«, sollten sie diesen Kommentar erst so in fünf, sieben Jahren lesen, da wird der Begriff »Indianer« wahrscheinlich nur mehr wenig in Gebrauch, jedenfalls aber verboten sein.) Behauptet Elizabeth Warren zumindest. Das mit ihrer Zugehörigkeit zu diesem stolzen Volk.

Erstmals soll sie diese Indianerschaft in ihren Unterlagen für die Harvard Universität angegeben haben, als es darum gegangen ist, ihrer Berufung dorthin nachzukommen und technische Details abzuklären; es soll da Bevorzugungen für Angehörige von Minderheiten geben. Bekanntgeworden ist dieser Umstand dann meines Wissens erst, als sie politisch aktiv wurde und eben 2013 in den US-Senat einzog. Transkontinentale Berühmtheit hat diese in jungen Jahren als Republikanerin eingetragene und mittlerweile zum linken Spektrum der Demokraten zählende Tscherokesenfrau durch eine Bemerkung der Inkarnation aller schlechten amerikanischen Eigenschaften, dem Gottseibeiuns humanistischer Denker und Durchblicker, dem Höllenfürsten des Kapitalismus, genau, dem amtierenden Präsidenten der USA Donald Trump. (Ich hoffe, meine Verachtung ausreichend zum Ausdruck gebracht zu haben, ich muss ja auch an meine Familie denken.)

Dieser Sohn der Verdammnis, Tausendkünstler und Verführer hat Warren im Jahr 2016 noch dazu bei einem Treffen mit einem anderen Stamm, den Navajos, als Pocohontas »verspottet«. Seitdem köchelt dieser kleine Disput zwischen den beiden und dieser Tage ist er durch einen Befreiungsschlag seitens der amerikanischen Ureinwohnerin Elizabeth Warren wieder neu aufgeflammt. Warren hat einen DNA-Test vorgelegt, der ihre Stammeszugehörigkeit ein für alle mal und noch dazu wissenschaftlich eindeutig belegt.

Man muss nämlich wissen, dass Warrens Indianertum prima facie, wie wir sagen, also auf den ersten Blick jetzt nicht eindeutig ersichtlich ist. Wenn ich mich etwa an die Kollegin Rachel Dolezal erinnere, die als Bürgerrechtlerin jahrelang vorgab, Afroamerikanerin zu sein, in Wahrheit aber das Kind zweier weißer (Sie verzeihen diesen hier notwendigen Hinweis) europäischer Einwanderer war, dann hatte die jedenfalls mehr afroamerikanischen Look vorzuweisen. Was für sich interessant erscheint, weil wiederum Jugendbilder von Rachel diese jedenfalls als eindeutig weiße (siehe oben) Voitsbergerin durchgehen lassen würden. Egal, ich schweife ab.
Der DNA-Test Warrens ergab, dass sie zu 100 Prozent indianische Vorfahren hat! Also einen immerhin. Einen von 1024. Senator Elizabeth Warren kann also vollkommen zurecht von sich behaupten, Angehörige einer Minderheit zu sein. Zu einem Eintausendvierundzwanzigstel. Was natürlich insgesamt der Sache der Minderheiten nicht nur zuträglich erscheint. Wurde doch mittlerweile bekannt, dass alle Einwohner der Vereinigten Staaten, die aus Europa stammen, einen durchschnittlich höheren Anteil an indianischem Blut in sich tragen sollen, als die Indianerin Elizabeth Warren. Und damit auch der aus der Ostukraine oder eben dem weststeirischen Hügelland abstammende US-Amerikaner von sich behaupten könnte: »Ick bin ein Indianer.« Ob Warren nun wirklich als Erste aufzeigen sollte, wenns ums Indianische geht, ich weiß nicht. Aber sei’s drum, wer bin ich, das zu beurteilen.

Gefallen hat mir jedenfalls der Standard, bei dem Warren am 18. Oktober »Kopf des Tages« war. Schon der Titel »Elizabeth Warren kontert mit einem DNA-Test Trumps Angriffe« macht klar, um was es wirklich geht. Denn obwohl in diesem Artikel der Irrtum des amerikanischen Wahlvolkes kaum Kritisierung findet, stellt man sich ihm trotzdem deutlich entgegen. Und ohne jede unangebrachte Ironie hält Michael Vosatka in seinem Text zu der ganzen DNA-Sache bloß fest, »Die Senatorin kann also behaupten, dass sie mindestens zu einem 1024stel indianische Wurzeln hat.«

Ganz kurz hab ich mir dann gedacht, wenn etwa ein Mandatar oder wenigstens Mitglied der Partei der Unsagbaren, also der FPÖ, irgendwo einen »DNA-Test vorlegen« würde, um was auch immer zu beweisen, dann bliebe im Standard kein Stein auf dem anderen. Vollkommen zurecht würde man dem Leser vorausdenken und ihn dort hinführen, wo sich DNA-Test und Ahnenpass die Hand reichen. Und, ja ich muss das in dieser Offenheit anmerken!, ich könnte mir auch vorstellen, dass etwa ein FP-Gemeinderat aus St. Poldl am Bach, der sich auf was auch immer mit einem Eintausendvierundzwanzigstel beriefe – nachdem er zum sofortigen Rücktritt aufgefordert wurde –, mit einem eher spöttischen Text rechnen hätte dürfen. (Von den von Empörung und Betroffenheit triefenden Tweets aus der Falterredaktion einmal ganz zu schweigen.) Gut, dass da beim Standard mit dem rechten Augenmaß an die Tatsachen herangegangen und nicht etwa der geneigten Leserschaft die Bürde aufgezwungen wird, alleine und unbegleitet die Gedanken abschweifen zu lassen.

Von Senator Elizabeth Warren jedenfalls werden wir wohl auch weiterhin noch regelmäßig hören. Sie soll Ambitionen haben, als Kandidatin der Demokraten bei der nächsten Präsidentschaftswahl im Jahr 2020 anzutreten. Vielleicht schreibt sie dann 2021 Geschichte, wenn sie als erste Frau und erste Indianerin ins Weiße Haus einzieht. Oder sie überrascht uns alle und tritt als Mann an, mehr männliche Vorfahren hat sie ja auch ohne DNA-Test.

Zur Lage #95, Fazit 147 (November 2018)

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