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Die Geschichten der Anderen

| 28. November 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Essay, Fazit 148

Foto: Benni KilbEin Essay von Souad Mekhennet. Die Journalistin Souad Mekhennet ist  Preisträgerin des Ludwig-Börne-Preises 2018.  In ihrer Dankesrede weist sie auf die Bedeu­tung der »Geschichten der Anderen« hin, um ein Zusammenleben in Freiheit zu ermöglichen.

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Souad Mekhennet, geboren 1978 in Frankfurt am Main, ist Journalistin und Sachbuchautorin. Mekhennet ist die Tochter türkisch-marokkanischer Eltern und wuchs als drittes von vier Kindern im Frankfurter Stadtteil Nordend auf. Sie schreibt unter anderem für die New York Times, die Frankfurter Allgemeine, die Zeit und für den ARD. Derzeit ist sie bei der Washington Post angestellt. Im Mai dieses Jahres erhielt sie den Ludwig-Börne-Preis.

Die Wunden der Freiheit sind in Europa allgegenwärtig: im Musikklub Bataclan, in der Redaktion von »Charlie Hebdo«, auf dem Strandboulevard von Nizza und dem Berliner Breitscheidplatz, in den U-Bahn-Tunneln von Brüssel, London und Madrid, in Bautzen, Hoyerswerda und Mölln, auf der norwegischen Insel Utöya, im Olympia-Einkaufszentrum in München und an vielen anderen Orten. Menschen wurden getötet, weil sie anders waren als die, die über sie richteten. Europa hat sich an diesen Orten verändert. Nicht nur, weil unzähligen Menschen unbeschreibliches Leid zugefügt worden ist. Sondern auch, weil neben den sichtbaren Verwundungen entsetzliche Vernarbungen entstanden sind. Ich spreche von Wunden der Freiheit, die sich in der Tiefe entzünden; von Wunden, die den Eiter des Misstrauens, des Hasses und der Zerstörung absondern, der sich in das Projekt Europa ätzt. Die blinde Wut der Verletzten begegnet mir bei meinen journalistischen Recherchen genauso wie das Gefühl der Ohnmacht der Überlebenden: Eltern, die sich fragen, warum ausgerechnet ihre Kinder getötet wurden. Mütter und Väter, für die eine Welt zusammenbricht, weil ihre Tochter oder ihr Sohn zum Mörder wurde. Die Wunden der Freiheit sind stumme Zeugen eines Wundbrands, der in Europa den Extremisten einen Nährboden bietet. Der politische Ton wird rauer, und Worte der Versöhnung müssen vielerorts nationalistischem Machtkalkül weichen. Und doch: Es gibt sie, die Stimmen derer, die sich nicht vereinnahmen lassen. Viel zu selten erinnern wir uns an die Geschichten der Menschen, die nicht in nationalen, kulturellen und religiösen Grenzen denken. Menschen wie Ahmed Merabet, Lassana Bathily und »Sonia«. Der Polizist Ahmed Merabet starb, um die Freiheit seiner französischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schützen, als er in der Nachbarschaft des Redaktionsgebäudes von »Charlie Hebdo« patrouillierte. Dass er Muslim war, interessierte die Attentäter nicht. Sie schossen ihm gezielt in den Kopf, als er bereits verletzt auf dem Boden lag. Er wurde 42 Jahre alt. Der Supermarktmitarbeiter Lassana Bathily versteckte mehrere Kunden des jüdischen Supermarktes »Hyper Cacher« in Paris in einem Kühlraum, um sie vor der Geiselnahme durch einen Terroristen zu schützen. Er war damals 24 Jahre alt, muslimischer Flüchtling aus Mali und sagte: »Ich habe keine Juden versteckt, ich habe Menschen versteckt.«

Einer Frau, die wir Journalisten Sonia nannten, um ihre Identität zu schützen, ist es zu verdanken, dass es 2015 nicht zu noch mehr Anschlägen in Europa kam. Sie riskierte ihr Leben, als sie die Polizei darüber informierte, dass sie einen der Drahtzieher der IS-Attentate von Paris kannte, und sein Versteck verriet. Auch sie ist Muslima. Die Stimmen der Freiheit hat es in Europa immer schon gegeben – auch in anderen schwierigen Zeiten. Eine dieser Stimmen war Juda Löb Baruch. Er verlor wegen seiner jüdischen Abstammung seinen Arbeitsplatz als Aktuar bei der Frankfurter Polizei in einer Zeit, als zwar über die »bürgerliche Verbesserung der Juden« diskutiert wurde, sie aber weiter vielfach diskriminiert waren, etwa durch Ausschluss aus dem höheren Staatsdienst. Juda Löb Baruch beschloss daraufhin, seinen Namen in Carl Ludwig Börne zu ändern. Er wollte nicht mehr, dass sein Geburtsname zu eindeutig seine Religionszugehörigkeit zeigte und ihm bei seinen publizistischen Tätigkeiten schaden könnte. Um seine jüdische Herkunft völlig zu verschleiern, ließ er sich evangelisch taufen. Er emigrierte zwölf Jahre später nach Paris, wo er nicht mehr der Jude aus der Judengasse war, und berichtete als größter Auslandskorrespondent der deutschen Literatur über Europas Umbrüche. Von der deutschen Bundesversammlung als »Demagoge« politisch verfolgt, befand sich Börne zeit seines Lebens meist auf der Flucht vor Repressalien. Er kämpfte gegen den Obrigkeitsstaat und für demokratische Verfassungen in Europa, die dem Einzelnen Freiheit und Gleichheit garantieren. Doch er scheiterte, und auch die Revolution von 1848, elf Jahre nach seinem Tod, blieb weit hinter seinen Zielen und Visionen zurück. Von Roman Herzog stammt eine Bemerkung, die er als Bundespräsident vor zwanzig Jahren hier mit Blick auf die Geburtsfehler der »Paulskirchen-Verfassung« machte: »Eine halbe Freiheit ist zu wenig. Auch den, der zu kurz greift, bestraft das Leben.« Für mich war es als Kind und Jugendliche eine merkwürdige Erfahrung, wenn ich in meinen Frankfurter Schulen gefragt wurde: Warum trägst du als Muslima denn kein Kopftuch? Bist du denn überhaupt eine richtige Muslima? Wirst du mit deinem Cousin verheiratet? Hat dein Vater je gedroht, dich zu verstoßen? Mit solchen Fragen werde ich teilweise bis heute konfrontiert. Manchmal blickte ich in staunende Gesichter, wenn ich auf die Frage, wann mein Vater mich verstoßen würde, antwortete: »An dem Tag, an dem ich nicht mehr die Eintracht Frankfurt unterstützen würde.« Eine Zeitlang versuchte ich es mit Erklärungen wie: Wir sind Muslime, ich war in einem christlichen Kindergarten, habe die Maria im Krippenspiel gespielt und bin von der arabischen, türkischen, deutschen und der hessischen Kultur geprägt. Die Helden meiner Kindheit sind aus der »Sesamstraße«, das Sandmännchen und »Meister Eder und sein Pumuckl«. Als ich dann später den Beruf der Journalistin wählte und mich hauptsächlich als »Reporterin« identifizieren wollte, wurde mir die Abstammung meiner Eltern häufig als Nachteil ausgelegt: Nein, den Job als Radiokorrespondentin in Marokko könne ich nicht bekommen, weil, so sagte mir der leitende Redakteur, man keine Korrespondenten in ein Land schicken würde, in dem sie ethnische Wurzeln haben. Die Neutralität sei dann nicht gewährleistet. Ich konnte dieses Argument nicht nachvollziehen und wandte ein, dann müsste er alle Kolleginnen und Kollegen mit deutschen Wurzeln sofort von der Berichterstattung über deutsche Politik befreien. Rückschläge wie diese kennt jeder, der nicht in unsere üblichen Wahrnehmungsschemata von »Identität« passt. Doch so wie es Menschen gab, die ausgrenzen, gab es auch jene, die mir die Hand reichten und mich ermutigten, nicht aufzugeben. Viele von ihnen sitzen heute hier im Publikum. Es war ihre Unterstützung, die mir den Mut und die Kraft gab, nicht selbst in identitären Kategorien zu denken, die Welt nicht in Schwarz und Weiß einzuteilen und nicht in die Fänge der selbstgerechten Unfreiheit zu geraten. Als Kind hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich eines Tages hier in der Paulskirche als Preisträgerin stehen würde. Der Ludwig-Börne-Preis schien für die Tochter einer aus der Türkei stammenden Wäscherei-Angestellten und eines aus Marokko eingewanderten Kochs so weit entfernt wie die Möglichkeit, eines Tages für die »Washington Post« zu arbeiten. Mit meinen Texten versuche ich, Brücken zu bauen: Brücken zwischen denen, die sich ausschließende Vorstellungen davon haben, wer und was zu ihrer Kultur gehört und was nicht, Brücken auch zwischen denen, die zu Recht für eine offene Gesellschaft kämpfen, und denjenigen, die sich davon – zu Recht oder Unrecht – bedroht fühlen. Einige, die vor mir hier standen, waren für meinen Werdegang richtungsweisend – zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki, der Ludwig Börne als »toleranten Fanatiker« porträtiert hat. Seine Liebe zur Literatur und sein unerschütterlicher Lebenswille haben mich zutiefst beeindruckt. Ich werde nie vergessen, wie er das Warschauer Ghetto beschrieb, das er überlebt hatte.

Als der Antisemitismus, unter dem schon Juda Löb Baruch zu leiden hatte, im unvorstellbaren Verbrechen des Holocaust gipfelte und Deutsche im Namen der nationalsozialistischen Rassenideologie millionenfach Juden ermordeten, waren es auch Muslime, die Menschenleben retteten. Der Islam, so meinen heute viele zu wissen, habe die Aufklärung nicht erlebt, und daher seien Muslime irgendwie noch nicht so weit entwickelt wie der Rest der Welt. Doch wo war die Aufklärung, als in Europa Juden, Sinti, Roma, Sozialisten, Behinderte und Homosexuelle in Arbeits- und Vernichtungslager deportiert wurden? Auch ohne die europäische Aufklärung gab es in der NS-Zeit Muslime, die wussten, Richtig von Falsch zu unterscheiden: Si Kaddour Benghabrit zum Beispiel, der damals Imam der Großen Moschee von Paris war. Er versteckte Juden auf dem Gelände seiner Moschee, stellte Dokumente für sie aus, mit denen sie sich als Muslime ausgaben, so dass sie nicht verhaftet und deportiert wurden. Ein weiterer Held ist für mich König Mohamed V. von Marokko, der während des Zweiten Weltkriegs über 250.000 marokkanische Juden vor dem Zugriff des antisemitischen Vichy-Regimes geschützt hat, das mit den Nazis kollaborierte. Als »Anführer der Gläubigen« stellte er alle Angehörigen von Buchreligionen unter seinem Schutz – Juden, Christen und Muslime. Diese Männer sind nur zwei Beispiele für Muslime, die das Richtige taten: Sie retteten Menschenleben. Über diese Beispiele steht in den Geschichtsbüchern Europas oder des Nahen Ostens zu wenig geschrieben. Das erinnert mich an etwas, das mein Großvater mir in Marokko sagte: »Die wirklich Mächtigen sind all jene, die die Geschichte aufschreiben.« Wer die Geschichte des anderen nicht kennt oder sie nicht kennenlernen will, wird auch nicht das Handeln anderer verstehen und Brücken der Mitmenschlichkeit bauen können. Prediger von Hass, egal welcher Religion oder Abstammung, können ihre tödlichen Ideen wie eine Sepsis verbreiten, wenn ihnen von der Allianz der Mitmenschlichkeit nicht Einhalt geboten wird. Viele der Radikalisierten, mit denen ich spreche, erzählen mir, dass ihnen im Laufe ihres Lebens zu wenig Respekt, Gerechtigkeit und Toleranz entgegengebracht worden sei. Sie nehmen eine Opferrolle ein, aus der heraus sie Andersdenkenden das Recht auf Existenz absprechen. Paradoxerweise begegnen uns diese Argumentationsmuster nicht nur bei selbsternannten Dschihadisten, sondern auch in Parteien und in Regierungen in ganz Europa – inzwischen auch in Deutschland. Als Journalisten verstehen wir etwas, mit dem andere manchmal Schwierigkeiten haben. Wir verstehen, wie wichtig eine ausbalancierte Berichterstattung ist, die versucht, mit allen betroffenen Seiten zu sprechen. Dieser Versuch soll dem Leser den bestmöglichen Zugang zur Wahrheit ermöglichen, auch wenn diese Wahrheit nicht immer allen gefällt.

Diese Art der Berichterstattung versetzt mich manchmal in Extremsituationen der Unfreiheit: Zum Beispiel, als ich in einem Terrorcamp im Libanon verhört wurde, während einer der Teilnehmer die Pistole auf mich richtete; oder als ich die Nacht in einem ägyptischen Foltergefängnis verbringen und die Schreie der Geschundenen mit anhören musste; oder als ich nachts in einem Auto an der syrischen Grenze völlig auf mich gestellt einen hochrangigen IS-Kommandeur interviewte. Genau wie andere Kolleginnen und Kollegen, mache ich mir die Entscheidung nicht einfach, ob ich zu solchen Treffen gehe. Es ist eine Gefahr, die wir auf uns nehmen, weil eine Geschichte immer verschiedene Seiten hat. Wir schulden es den Leserinnen und Lesern, alle Stimmen zu Wort kommen zu lassen, auch wenn wir selbst die Sichtweisen der Befragten nicht teilen. Doch wenn wir nur denjenigen zuhören würden, deren Sichtweisen wir gutheißen, wäre der Erkenntnisgewinn gering. Wem würde so eine eingeschränkte Wahrheit helfen? Dann gäbe es tatsächlich den verengten Blick, der den Medien in den vergangenen Jahren so gerne vorgeworfen wird. Wer es sich zur Aufgabe gemacht hat, in seiner Berichterstattung keine Partei zu ergreifen, ist manchen suspekt. Viel zu sehr hat sich die Denkweise verbreitet, dass derjenige, der die Welt nicht so erzählt, wie man sie selbst sieht, zur anderen Seite gehöre. Dann ist von Fake News, Lügenpresse oder Pinocchio-Medien die Rede. Doch dieses Schubladendenken ist nicht nur falsch, es ist auch äußerst gefährlich. Denn es hilft nur all jenen, deren Macht sich aus dem Eiter der Zersetzung speist. In schwierigen Zeiten finden sich in der Welt viele, die einfache und schnelle Antworten anbieten; sie spielen mit der Angst und Hoffnungslosigkeit von Menschen, die nach Antworten und nach Zugehörigkeit suchen. Sie sind es oftmals auch, die davon sprechen, dass ein Zusammenleben nicht möglich sei. Sie sprechen von einem »Krieg der Kulturen«, von einem »Clash of Civilizations«. Sie versuchen, das Vertrauen auf ein friedliches Zusammenleben zu untergraben. Doch wer zivilisiert ist, der respektiert andere Kulturen, statt sie zu bekriegen. Der geht auf andere zu, statt sich abzuwenden. Der erkennt, dass Kulturen keine fest voneinander abgegrenzten Entitäten sind, sondern dass sie sich in vielfacher Weise überlappen und verbinden und gerade daraus ihre Dynamik und ihr kreatives Potential beziehen. Ludwig Börne hoffte, dass Freundschaft und Friede zwischen allen Völkern mehr sind als nur Träume. Für ihn waren der Hass und der Krieg die Albträume, aus denen man einst erwachen wird. Damit diese Hoffnung Wirklichkeit werden kann, müssen wir unseren Umgang mit Freiheit überdenken und uns dabei vielleicht auch von so mancher Leitidee verabschieden, die wir liebgewonnen haben. Im vergangenen November sprach ich in New York im 9/11 Memorial Museum am Ground Zero, wo einst die Türme des World Trade Centers standen, über mein Buch, »Nur wenn du allein kommst«. Danach kam eine ältere Frau zu mir und sagte, sie sei traurig darüber, dass so viel Hass zwischen Völkern und Religionen gesät werde. »Mein Sohn hätte das so nicht gewollt«, sagte sie mir und fügte hinzu: »Er starb hier am 11. September in einem der Türme.« Ich bewunderte die Stärke dieser Frau, trotz ihrer Trauer frei von Hass zu sein. Sie umarmte mich und wir weinten gemeinsam.

»Man kann eine Idee durch eine andere verdrängen, nur die der Freiheit nicht«, hat Ludwig Börne gesagt. Wir alle müssen verstehen, dass diese Freiheit nichts Selbstverständliches ist, sondern dass sie von uns allen – egal welcher Abstammung – verteidigt werden muss. Ganze Freiheit kann es nur geben, wenn wir gemeinsam füreinander einstehen.

*

Der Text ist die gekürzte Fassung der Dankesrede, die Souad Mekhennet am 27. Mai 2018 bei der Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche hielt. Sie erschien in dieser Form in der Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte«, Ausgabe 38-39 vom September 2018. bpb.de

Essay, Fazit 148 (Dezember 2018), Foto: Benni Kilb

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