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Zum Thema (Fazit 72)

| 25. Mai 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 72, Fazitthema

Sind wir nicht alle ein bisschen dagegen? Eine kleine Portion Betroffenheitsjournalismus lässt sich bei unserem aktuellen Thema nicht verhehlen. Auch ich bin immer mal dagegen. Wer ist das nicht? Es ist schließlich eine unserer demokratischen Errungenschaften, dass jeder das Recht hat, dagegen zu sein. Aber aus diesem Verfassungsrecht leitet sich längst nicht mehr das moralische Recht ab, in einer Gesellschaft seine Meinung zu haben, geschweige denn, sie zu ändern.

Wir erleben, sowohl im Internet als auch in unseren kleinen Mikro-Gesellschaften des täglichen Lebens, eine Verhärtung des längst für obsolet gehaltenen Rechts-Links-Schemas. Da finden sich innerhalb von wenigen Minuten Tausende, die ihrer Ablehnung gegen Sebastian Kurz als Staatssekretär für Integration auf Facebook Ausdruck verleihen – mancher mag das belächeln, aber der soziale Druck, den eine solche Webseite auf einen 24-jährigen Studenten, also ein Kind des Netzes, ausübt, ist nicht zu unterschätzen. Paradox dabei, dass sich vor allem jene über die Berufung von Kurz empören, die auch immer darüber schimpfen, dass nur Beamte, Lehrer und Vollzeitpolitiker jenseits der Fünfzig im Parlament sitzen.
Natürlich gibt es Gründe, an der Eignung von Kurz zu zweifeln (Geil-O-Mobil), aber rechtfertigt der Zweifel eine solch soziale Ächtung? Eine solche Übertreibung des Dagegen-Seins? Aber so zu denken wäre wohl schon zu mühsam in einer Gesellschaft, in der man gern zu „den Guten“ gehört, und das Gute definiert sich nun einmal durch die Abgrenzung zum Bösen.

Wie umgekehrt – denn jene Konservativen sind nicht viel besser, die so gern den „überbordenden Sozialstaat“ ächten und für die Gefahr der Staatspleiten verantwortlich machen, dabei aber vergessen, welche Folgen die Finanzkrise und das marktwirtschaftliche Dogma des „Immer-mehr“ hatten. Und nun bin ich der Letzte, der Sebastian Kurz in Schutz nimmt. Das hat er hoffentlich auch nicht nötig. Aber ich denke mir: Wenn der Junge jetzt im Ofen des politischen Kleinkrieges verheizt wird, erspart uns das vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren einen geleckten Kanzlerkandidaten, der nur aufgrund seiner Ähnlichkeit mit diversen Schlagersängern von wahlberechtigten Schwiegermüttern ins Amt gevotet wird. Und wenn doch, kann ich immer noch dagegen sein.

Aber manchmal muss man halt für etwas sein, obwohl man dagegen ist. Denn die Vernichtung unserer repräsentativen Demokratie vollzieht sich gerade in der individuellen und kontinuierlichen Ablehnung ihrer Repräsentanten. Und auch wenn man der Meinung ist, dass die Politik mehr Ernsthaftigkeit vertragen würde, als sie ein 24-jähriger Party-Tiger mitzubringen verspricht, muss man dessen Recht, sich zu beweisen, verteidigen. So schizophren ist es manchmal, wenn man dagegen sein will.

Zum Thema, Fazit 72 (Mai 2011)

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