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Zum Thema (Fazit 74)

| 14. Juli 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 74, Fazitthema

Jugend voran. Die Alten auch. Es ist ein großes Wort: Generationengerechtigkeit. Und wie alle großen Wörter wird es gern im Munde geführt und zwischen den Backenzähnen der politischen Steinbeißer zu Brei gemahlen. Ist es doch ein beliebtes Argument, um allerlei zu fordern. Und an vielen dieser Forderungen ist etwas Wahres und viele haben nur wenig  damit zu tun, worum es bei Generationengerechtigkeit geht. Oder gehen sollte.

Denn seit Menschen zusammenleben, geht es darum, dass die Jungen nicht schutzlos der Welt ausgesetzt werden und die Alten nicht von der Familie, dem Stamm, der Gesellschaft zurückgelassen werden. Jeder soll seinen Platz. Diese vermeintliche Plattitüde füllt sich aber immer erst im Konkreten mit Inhalt. Nämlich dann, wenn ältere Arbeitnehmer keine Jobs mehr bekommen oder junge Menschen keine Ausbildung, die sie auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet. Es sind auch keineswegs nur die großen Themen wie Klimawandel und Pensionsreform. Es ist das tägliche Aufeinandertreffen von verschiedenen Welten, bei dem jeder dem eigentümlich egoistischen Trieb des Menschen widerstehen muss, nur für sich und seinesgleichen das Beste zu wollen. Symbiose heißt es in der Biologie, wenn zwei verschiedene „Arten“ zu beiderseitigem Nutzen zusammenleben. Und auch die Art „Mensch“ war dazu lang in der Lage. Aber seitdem Großeltern immer häufiger in anderen Städten leben als ihre Kinder und die Enkel wiederum woanders. Seitdem gerät da etwas in Schieflage.
Generationengerechtigkeit ist etwas sehr Abstraktes geworden. Vom kleinen Kreis der Familie wurde sie der Politik übertragen, weil zum Beispiel viele Pflegebedürftige niemanden haben, der sich um ihre Pflege kümmert. Politik kann darauf nur reagieren und anhand der zahlreichen demografischen Daten jene Maßnahmen setzen, die ein Mindestmaß an „Generationengerechtigkeit“ sicherstellen. Mit der beliebten Formel „Weniger Staat, mehr privat“ wird sich diese Entwicklung nicht umkehren lassen.

Aber nichtsdestotrotz muss es unser aller Ziel bleiben, (wieder) zu einer persönlichen Form der Gerechtigkeit zwischen Jung und Alt zu finden. Das beginnt bei den Enkeln, die für ihre Großmutter einkaufen gehen – und in einer globalen Welt ist es dann eben die „Oma aus dem dritten Stock“ und nicht die leibliche Großmutter –, und das reicht bis dahin, dass die humanistischen und ethischen Errungenschaften, manche nennen sie Anstand und Werte, weitergegeben werden. Das ist mindestens so wichtig wie die Bereitschaft von Kindern, für die Pflege ihrer Eltern aufzukommen, oder Großeltern, die ihren Enkeln Studium oder Ausbildung finanzieren. Aber all das kann niemals die Entschuldigung für einen Staat sein, auf vernünftige Maßnahmen zu verzichten, die jene benötigen, die nicht das Glück einer „persönlichen Generationengerechtigkeit“ haben.

Zum Thema, Fazit 74 (Juli 2011)

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