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Zum Thema (Fazit 77)

| 28. November 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 77, Fazitthema

Ein Rest von Ungerechtigkeit Wenn man Elfriede Jelinek in ihrem Interview zum kürzlich als Hörspiel veröffentlichten Text „Neid“ zuhört, könnte man tatsächlich glauben, dass Frauen noch immer unter einer männlich dominierten Gesellschaft zu leiden haben. Wenn man dann aber daran denkt, dass mit Brasilien und Deutschland zwei der wichtigsten Wirtschaftsnationen inzwischen weibliche Regierungschefs haben, Maria Fekter in diesen Tagen als erste Frau in Österreich die Budgetrede hielt, könnte man glauben, dass die Gleichberechtigung mit einigen wenigen Unschärfen längst abgeschlossen ist.
Aber so sehr die eine Haltung übertrieben ist, so selbstgefällig ist die andere, denn noch immer sind die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen sehr deutlich – auch wenn bei diesen Vergleichen viel Manipulationsspielraum ist, wie unser aktuelles Thema „Frauen – immer noch benachteiligt?“ deutlich macht.
Auch die gerade wieder in Deutschland entflammte Debatte um eine Frauenquote sollte nicht ignoriert werden, nur weil sich die beiden Ministerinnen Schröder und von der Leyen, die diese Debatte führen, als eher weniger rühmliche Beispiele für weibliche Führungskräfte präsentieren.
Zurück in die Steiermark und den Ungerechtigkeiten vor unserer Haustür: Gerade einmal acht von 75 Aufsichtsräten in den zehn größten Unternehmen der steirischen Privatwirtschaft sind mit Frauen besetzt. Und das ist bei aller Wertschätzung für Aufsichtsräte und -rätinnen eine Funktion, wo sekundäre Geschlechtsmerkmale keine Begründung liefern. Die mögen im Baugewerbe oder der Metallindustrie gelten, aber wenn es darum geht, Verantwortung in Führungspositionen zu übernehmen, gibt es keine ernsthaften Gründe, warum es dort einen überdurchschnittlich hohen Männeranteil geben sollte. Noch dazu, wo Frauen statistisch besser ausgebildet sind als die Herren der Schöpfung.
Aber es soll im aktuellen Thema nicht darum gehen, einen neuen Graben zwischen den Geschlechtern zu ziehen – im Gegenteil. Denn Nachteile bringt die aktuelle Schieflage für beide Geschlechter, vor allem wenn es um die Familiengründung geht. Durch ein Ungleichgewicht in der Bezahlung wird systematisch ein Familienmodell vorgegeben, das nur noch eingeschränkt frei gewählt werden kann. Wer weniger verdient, bleibt besser zu Hause, sonst ist die Kinderbetreuung am Ende kostspieliger als der Gewinn einer 40-Stunden-Woche.
Die beispielhaften und positiven Ausnahmen, die es ohne Frage und zum Glück in steigender Zahl gibt, sollten in der Diskussion um die Gleichberechtigung nicht zum Anlass genommen werden, die noch immer bestehenden Ungerechtigkeiten zu relativieren oder gar zu ignorieren. Denn irgendwann sollen Themen wie dieses einfach nicht mehr nötig sein.

Zum Thema, Fazit 77 (November 2011)

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