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Tandl macht Schluss!

| 22. Februar 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 80, Schlusspunkt

Der Eiertanz der Euro- und Griechenland-Rettung geht in die nächste Runde. Unter Wirtschaftsexperten steht zwar außer Streit, dass es Griechenland unter den gegebenen Rahmenbedingungen gar nicht schaffen kann, wieder auf Wachstumskurs zu gelangen. Dennoch werden demnächst weitere 130 Milliarden Euro in das Fass ohne Boden geworfen. Den europäischen Bürgern soll der Eindruck vermittelt werden, dass „Merkozy“ und Anhang hart geblieben sind und Griechenland auf Sparkurs gebracht haben.
Unter EU-Romantikern ist inzwischen bereits die Rede von einem europäischen Marshall-Plan, um die Helenen wieder auf die Beine zu holen. Dabei beziehen die Griechen bereits seit Jahrzehnten wesentlich höhere Transferleistungen aus Brüssel als irgendein anderes EU-Land. Im Jahr 2008 zahlte die Kommission an rund 11 Millionen Griechen unglaubliche 6,3 Milliarden Euro aus ihren Strukturfonds aus. Den gleichen Betrag erhielten die rund 50 Millionen wesentlich ärmeren Einwohner von Rumänien, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Litauen, Bulgarien, Lettland, Estland und Litauen zusammen. So betrug das BIP je Einwohner in Griechenland im Jahr 2008 völlig irreale 18.600 Euro, das eines Bulgaren nicht einmal 3.700 Euro, und selbst die stark industrialisierten Tschechen erwirtschafteten nur rund 11.700 Euro.
Bei Betrachtung dieser Zahlen erübrigt sich die Antwort auf die Frage, welchen Anteil die EU-Politik daran hat, dass das griechische System so ineffizient ist. Denn auf Griechenland scheinen sämtliche Plattheiten zuzutreffen, die einem in diesem Zusammenhang einfallen: „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht“ ist eine solche und umschreibt etwa den beharrlichen Widerstand der griechischen Politiker, ihre Bürger mit der Tatsache zu konfrontieren, dass sie den Euro eigentlich nur dazu genutzt haben, um sich über beide Ohren zu niedrigen deutschen Zinsen zu verschulden und die Kredite für Wahlgeschenke zu verkonsumieren, anstatt damit das Land nachhaltig zu modernisieren.
Das größte Gift für die Sanierung Griechenlands wäre wohl der Verbleib im Euro, denn ohne Abwertung hat das Land eigentlich keine Chance mehr, seine Wirtschaft konkurrenzfähig zu bekommen. Das ist zwar den meisten Ökonomen klar, Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker hören dennoch nicht damit auf, die Griechen in die falsche Hoffnung zu wiegen, dass sich mit Spardiktaten und Beamtenentlassungen die griechische Konjunktur stimulieren ließe.
Eine andere Weisheit aus dem Wirtschaftsleben lautet: „Wirf niemals gutes Geld dem schlechten hinterher!“ Damit ist gemeint, dass ein Sanierer rechtzeitig erkennen muss, ob es Sinn macht, ein angeschlagenes Unternehmen zu retten oder in die Pleite zu schicken. Und dass Griechenland nicht zu retten ist, liegt ja auf der Hand. Es wäre jedoch naiv, anzunehmen, dass die EU-Regierungschefs nicht über die Folgen ihres Rettungsdilettantismus informiert sind. Zumindest die Klügeren unter ihnen wissen genau, dass sie mit ihrem Aktionismus zwar die europäischen Steuerzahler schädigen, gleichzeitig jedoch Zeit gewinnen. Zeit, die sie für Italien und Spanien herausschlagen wollen, um dort mit denselben untauglichen Mitteln die Gefahr einer Staatspleite einzudämmen.
Für die EU ist es objektiv betrachtet tatsächlich ziemlich egal, ob das Geld der Steuerzahler nach Griechenland überwiesen und von dort an die Gläubigerbanken weitergesendet wird oder ob es ohne Umweg über Athen direkt zur Rettung der systemrelevanten Banken fließt. Solange der Schein gewahrt bleibt, dass Griechenland zahlt, werden trotz heftiger Gegenspekulationen zumindest die „Credit Swaps“, die Ausfallsversicherungen für griechische Anleihen, nicht fällig. Daher zeichnet sich folgendes Szenario ab: Griechenland erhält die 130 Milliarden und finanziert jenen Teil seiner 340-Milliarden-Schuld, der nicht wegverhandelt werden kann. Erst danach folgt die Staatsinsolvenz. Zur Rettung der systemrelevanten Gläubigerbanken muss zwar noch einmal eine große Summe eingesetzt werden, doch die unbedeutenden Gläubiger werden auf ihren Schulden sitzen bleiben und sich anders mit den Griechen einigen müssen. Danach beginnt in Griechenland mit viel frischem Geld aus Brüssel das neue Drachmen-Zeitalter und das Spiel kann von vorn beginnen.

Tandl macht Schluss, Fazit 80 (März 2012)

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