Außenansicht (70)
Peter Sichrovsky | 15. April 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 221
Gefangen im Zwang des Schubladendenkens. Wie erkennt man, was jemand denkt? Könnte man eine Meinung erraten, ohne dass sie jemand formuliert? Menschen senden gerne Signale über ihre Kleidung, die Frisur oder den Bart, die Art und Weise, wie sie den Schal binden, die Auswahl des Autos, über die Tageszeitung, die sie im Kaffeehaus lesen, oder den Stil der Uhr und der Brille. Die Summe all dieser kleinen Signale ist die Außenwirkung der gesellschaftlichen Position – sowohl national als auch international. Man zeigt gerne, wo man dazugehört, und Gleichgesinnte können einander erkennen.
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Unklarheiten oder Widersprüche werden nicht zugelassen. Sitzt im Kaffeehaus jemand mit der Süddeutschen Zeitung am Tisch, so ist er gegen das Vorgehen Israels in Gaza, gegen den Krieg mit dem Iran, gegen Trump, gegen Netanyahu, gegen Orban, verabscheut die AfD und die FPÖ, findet auch CDU und ÖVP nicht viel besser und ist enttäuscht von Sozialdemokraten und Grünen. Das passt alles zusammen. Es ist undenkbar, dass zum Beispiel das Vorgehen der Israelis in Gaza kritisch hinterfragt und der Angriff auf den Iran gutgeheißen wird. Die Position in der Gesellschaft gleicht einem Mosaik, und jeder Stein muss passen, sonst lässt er sich nicht ins Bild pressen.
Man könnte es als »Schubladendenken« beschreiben. Die Summe aller persönlicher Ansichten zu Politik, Kunst, Umwelt und Urlaub passt in eine Schublade, in der sich bereits andere befinden, die zu all den Bereichen die gleichen Ansichten haben; austauschbar und übertragbar. Es gibt linke solche Schubladen, konservative, rechte, grüne, ganz linke und ganz rechte.
Die Laden sind unterschiedlich gefüllt, außer einer, die fast leer ist – auf der steht »liberal«. In diese schlüpft kaum jemand. Es gibt nur mehr wenige, die sich als liberal sehen. Manche, die den Verdacht von links gar nicht erst aufkommen lassen wollen, beschreiben sich als linksliberal. Sozusagen als »anständige« Linke. Bei rechts passt auch liberal nicht. Niemand würde sich als rechtsliberal einordnen. Und wenn, entsteht der Verdacht, dass Rechtsextremes verharmlost oder verborgen werden soll. Ebenso wird der Unterschied zwischen rechts und rechtsextrem gerne ignoriert, beiseitegeschoben. Bei rechts ist man sehr bald bei rechtsextrem und bei Faschismus, während links natürlich nichts mit linksextrem und Stalin zu tun hat.
Wie könnte sich das moderne »liberal« also definieren, ohne dass man von der künstlichen Intelligenz eine Definition abschreibt? Vielleicht ist es der Verlust der Meinungsvielfalt, der das Liberale verschwinden lässt. Der fehlende Mut, die Schublade zu verlassen, in der man sich mit der Einfalt der Gleichgesinnten – der Nickgesellschaft, die einem bei jedem Wort zunickt – so wohlfühlt. Vielleicht bedeutet liberal, die schützende Schublade zu verlassen, nicht unbedingt für immer, doch mit einer gewissen Neugierde, andere Schubladen aufzusuchen.
Nehmen wir an, ich lehne ein Elektroauto ab, weil es mir auf die Nerven geht, es jedes Mal aufzuladen, und fahre lieber zur nächsten Tankstelle. Dennoch erkenne ich die Gefahr des Klimawandels und unterstütze die Abkehr von fossiler Energie. Ich würde die Beschränkung unkontrollierter Zuwanderung fordern, vor allem aus Regionen, deren Bewohner unsere Kultur nicht nur ablehnen, sondern als Gefahr für ihre Identität und die ihrer Kinder definieren und jede Form der Integration ablehnen. Akzeptiere jedoch, dass jenen, die schon hier sind, eine entsprechende finanzielle Unterstützung gewährt wird, und betrachte es als nicht sinnvoll, diese zu kürzen. Ich finde den Druck, den Trump auf Europa in Bezug auf Aufrüstung ausübt, für notwendig und verstehe seine Maßnahmen gegen illegale Zuwanderung, verachte jedoch seine Beziehungen zu Epstein und seinen Eingriff in die unabhängige Justiz.
Versuchen wir doch, differenzierte Positionen mit scheinbaren Widersprüchen zuzulassen und reagieren gleichgültig auf Kritik der ideologisch reduzierten Mitbewohner der Schublade. Nützen wir die kurzen Augenblicke, wenn die Schublade sich öffnet und neue Mitdenker hineinschlüpfen, um aus ihr zu flüchten. Verlassen wir die engstirnige geistige Monokultur und suchen Erfahrungen in anderen Schubladen. Vielleicht enden wir in der Lade der Liberalen, selbst wenn wir in dieser fast leeren Schublade vereinsamen.
Außenansicht #70, Fazit 221 (April 2026)
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