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Die Lehrlinge. Eine vom Aussterben bedrohte Art

| 26. September 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 86, Fazitthema

Sie sind jung, sie steigen früh ins Berufsleben ein und sie sind immer weniger. Die Zahl der Lehrlinge sinkt, die Akademikerquote steigt nur langsam, liegt aber noch immer unter dem EU-Schnitt. Was ist da los? Fehlen uns bald überall Arbeitskräfte?

Illustration © Fotolia

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Die aktuelle demografische Entwicklung in Österreich hat sich während der letzten zwanzig Jahre erkennen lassen und ist, der Statistik sei Dank, auch weiterhin gut prognostiziert. Die Babyboomer-Generation der 1960er-Jahrgänge geht in den nächsten 15 bis 20 Jahren in die (zu frühe) Pension. Die Kinder des Geburtenrückgangs, also jene, die nach 1990 geboren wurden, kommen mitten auf dem Arbeitsmarkt an. Die heute Ein- und Zweijährigen, die kleinsten Alterskohorten, die seit 1950 in Österreich geboren wurden, stehen dann am Beginn ihrer Berufsausbildung oder vor der Matura.
Dass aus all diesen Prognosen ein paar sehr grundlegende Probleme entstehen, können Politiker zwar wissen, aber noch dürfen sie es relativ ungestraft ignorieren. Zumindest der »Lehrlingsmangel« drängt sich immer mehr als konkreteres Schlagwort in den politischen Diskurs. Vor allem Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung bündeln den Unmut der Unternehmer über einen Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Dabei herrscht in den meisten Lehrbetrieben noch gar kein so großer quantitativer Mangel. Spürbar sind bis jetzt vor allem die zarten Vorläufer jener vergleichsweise kleinen Alterskohorten der heute 16- bis 20-Jährigen. (In der Bevölkerungspyramide ist jeder Jahrgang, also jede Alterskohorte durch einen Querbalken dargestellt.)
Die Steiermark kann sogar auf einen besonders hohen Anteil an Lehrlingen unter den 15-Jährigen verweisen. Waren es 2002 noch 39,9 Prozent, lag die Quote 2011 laut WKO Steiermark bei 45 Prozent. Fast die Hälfte der 15-jährigen Buben und Mädchen entschließt sich zur Lehre, in anderen Bundesländern ist es nicht einmal mehr ein Drittel. Die absoluten Lehrlingszahlen sehen hingegen anders aus und verdeutlichen, auf was für einen Arbeitskräftemangel wir noch zusteuern. Von den Spitzenwerten in den Siebzigerjahren, als noch über 30.000 Lehrlinge in Ausbildung waren, ist die Zahl auf knapp 19.000 gefallen.
In den Ballungsräumen bleiben die Bevölkerungszahlen und auch die Anzahl der jungen Bevölkerung relativ konstant, zum Teil wächst sie sogar. Insgesamt gibt es aber immer weniger Nachwuchs in Österreich und damit auch immer weniger potenzielle Lehrlinge und spätere Arbeitskräfte.

Während man im akademischen Sektor vor allem auf die Quote achtet, um im EU-Durchschnitt nicht zu sehr abzufallen, spielen in der Wirtschaft die absoluten Zahlen eine wichtige Rolle. Denn Österreich ist in der glücklichen Situation, dass es genügend Arbeit gibt und die Beschäftigungsquote sehr hoch ist.
Die Zahl der offenen Stellen steigt kontinuierlich. Waren es im Jahr 2005 nur 2.600 freie Lehrstellen, gab es 2008 schon 4.000 Plätze für rund 10.000 Bewerber und im Juli 2010 waren es dann erstmals mehr Lehrstellen (11.000) als Suchende. Noch sind davon nicht alle Branchen betroffen. Laut einer Umfrage unter steirischen Unternehmen können aber bereits heuer 30 Prozent der Lehrstellen für Mechatroniker und Metalltechniker nicht besetzt werden, weil es den Bewerbern und Bewerberinnen vor allem an mathematischen und sprachlichen Qualifikationen mangelt.
Diese Generation ist also nicht nur durch die Anzahl ihrer Individuen anders als jene ihrer Eltern. Ihre Bildungsstandards können kaum noch mit den gewachsenen Anforderungen des Arbeitsmarktes mithalten. Die große Zahl offener Lehrstellen nützt vielen Bewerbern nichts, weil ihnen dafür die Qualifikationen fehlen. Darauf müssen sich alle Arbeitgeber einstellen. Das Ausbildungsniveau ist höchst unterschiedlich, Jugendliche sind dafür mobiler als früher, sie haben mehr Brüche in ihrer (Bildungs-)Biografie.
Der Arbeitsmarkt wird also volatiler, dynamischer und komplizierter werden. Die aktuellen Indizien sind nur der Anfang einer Umstrukturierung, die wir uns weder vorstellen noch steuern können. Noch bekämpfen wir nur die schwächsten und harmlosesten Symptome: Akademiker (vor allem aus den Geisteswissenschaften) bekommen keine Jobs mehr, weil gut ausgebildete Lehrlinge die gleichen Aufgaben übernehmen können. Fertig ausgebildete Lehrlinge holen die Matura nach, um doch noch zu studieren, und Akademiker absolvieren nach einem ersten Studium noch eine Lehre, um ihre Arbeitsmarktchancen zu erhöhen. All das hat viele Vorteile für Österreich, vor allem beschert es uns eine beispiellos niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Es sorgt für einen Wettbewerb unter Jugendlichen und zunehmend auch unter den Betrieben. Gutes Gehalt, Entwicklungsmöglichkeiten und Flexibilität müssen Arbeitgeber bieten, um akademisch und praktisch ausgebildete Berufsanfänger an ihre Unternehmen zu binden.

Grund zur Zufriedenheit ist all das dennoch nicht. Niedrige Einstiegsgehälter außerhalb des Tariflohn-Sektors, krasse Ungleichbehandlung von Lehrlingen und Studierenden bei der Ausbildungsfinanzierung und ein Mangel an qualifizierten Lehrlingen sind große Probleme. Ein wachsender Anteil von Jugendlichen kann von diesen neuen Marktbedingungen nicht profitieren, weil dafür in Volksschule und Hauptschule nicht genügend Grundlagen geschaffen wurden. Sie werden zwischen dem alten und neuen System aufgerieben werden. Als »tödlichen Cocktail« bezeichnete Hermann Talowski, WK-Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk, diese Mischung aus quantitativen und qualitativen Mangelerscheinungen. Um also den schrumpfenden Post-2000er-Generationen auch jene Möglichkeiten zu geben, die sie aufgrund der demografischen Entwicklung haben und wahrnehmen müssen – denn irgendwer soll schließlich unsere Sozialsysteme finanzieren –, muss sich unser Bildungssystem verbessern. Nona, alles längst bekannt. Aber auch das Ausbildungssystem wird auf den dynamischen Arbeitsmarkt und die unsteten Lebensläufe kommender Generationen reagieren. Jemand, der eine Lehre abgeschlossen hat, sollte dadurch so gut für ein Studium qualifiziert sein, dass ein Nachholen der Matura weder formal noch inhaltlich nötig ist. Ein junger Student sollte nicht nur dadurch an der Uni gehalten werden, dass dort die Ausbildung kostenlos ist und er darauf hoffen darf, dass Akademiker besser bezahlt werden. Hier wird sich zeigen, wie gut die selbstregulierende Kraft des Marktes funktioniert. Denn je geringer die Zahl der Lehrlinge, desto höher werden die Anreize sein, mit denen Betriebe attraktiv werden wollen. Dass der Staat als wichtiger Arbeitgeber, vor allem im universitären Bereich, kaum ökonomische Anreize setzt, ist zwar problematisch, aber nun einmal Teil der lang erprobten Versorgermentalität. Noch immer ist es bequemer und finanziell lohnender, eine Assistenzstelle auf der Universität zu haben, als auf der untersten Gehaltsstufe in einem Stahlwerk zu arbeiten. Und das obwohl jede Logik von Arbeitskräfteangebot und -nachfrage das Gegenteil bewirken müsste. Vielleicht steht uns aber auch da eine grundlegende Änderung bevor.

Titelgeschichte Fazit 86 (Oktober 2012)

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