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Erwin der Große

| 26. September 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 86, Fazitgespräch

Erwin Wurm ist ein großer Künstler. Seine Skulpturen sind meist riesig, sein Erfolg überwältigend. Groß ist auch das schwere Eisentor vor seinem Grundstück im niederösterreichischen Limberg. Groß ist die Überraschung, als es sich nach kurzem Hupen wie von Geisterhand öffnet. Groß ist der Garten rund um das Haus. Groß sind die Hallen, in denen Wurm seine Werk- und Lagerstätten untergebracht hat. Groß sind die Räume, in denen er mit seiner Familie lebt. Groß ist auch das Selbstbewusstsein des Künstlers Erwin Wurm, der seine Größe zu Beginn der Karriere aus winzigen Staubskulpturen gezogen hat.

Das Gespräch führten Katja Langeland und Michael Thurm.

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Heute kennt man ihn für aufgeblasene und überdimensionierte Autos, für »One Minute Sculptures«, in denen absurde Körperhaltungen zur Skulptur werden, und für ein Segelboot, das sich auf dem Dach des Wiener Hotel Daniel krümmt. Es ist große Kunst eines großen Künstlers. Ihre physische Dimension erschließt sich auf den ersten Blick, ihr mitunter zynisches Wesen meist erst auf den zweiten und dritten. Erwin Wurm gehört zu den ganz großen Künstlern dieses kleinen Landes. Vielleicht ist das der Grund für das Problem, das Erwin Wurm mit Österreich hat.

Herr Wurm, Sie kommen aus der Steiermark, stellen Ihre Kunstwerke inzwischen in der ganzen Welt aus. Was hat Sie hier in dieses niederösterreichische Dorf verschlagen?
Aus der Steiermark bin ich schon mit Anfang 20 weggegangen, weil man damals in Graz nicht Karriere machen konnte. Ich hab dann in Salzburg, Berlin und Wien studiert und hier bin ich jetzt schon ziemlich lang. Nachdem ich eine große Lagerhalle für meine Skulpturen gesucht habe, in Wien war das wahnsinnig teuer und in einer schlechten Gegend, hab ich einen großen Bauernhof hier im Nachbarort gefunden und umgebaut. Dann bin ich immer wieder an Limberg vorbeigefahren und das ist optimal für die Arbeit. Inzwischen sind wir sieben Monate im Jahr hier.

Dieser Rückzug aus den Großstädten in ein Dorf mit 300 Einwohnern und einer Würstelbude …
… und das ist schon zu viel.

Ist das diese klischeehafte Flucht des Künstlers ins Exil?
Vielleicht. Ich brauche die Großstadt beim Arbeiten nicht, da stört sie nur. Hier habe ich meine Familie, Freunde und Helfer. Ich genieße ja nicht nur die Arbeit, sondern auch die Freizeit. Wir haben einen großen Garten mit Tieren, das ist sehr angenehm.

Und trotzdem brauchen Sie immer wieder andere Menschen und Gesellschaft. Sei es als Teil Ihrer Skulpturen, sei es für das Hotel Daniel in Wien, für das Sie zuletzt eine Dachskulptur gefertigt haben. Ist Gesellschaft für Sie eine Last?
Nein, das kommt von selbst und hat sich auch etwas automatisiert. Ich verreise viel für Ausstellungen und Aufträge und das mache ich auch gern. Wir haben jetzt erst eine Skulptur in New York aufgestellt, wir machen gerade eine für Lille in Frankreich und für London bereiten wir einen großen, gebogenen Truck für einen Bahnhof vor.

Funktionieren so viele Ausstellungen und Aufträge gleichzeitig? Sie haben einige Mitarbeiter, aber der Entstehungsprozess bleibt ja bei Ihnen.
Selbstverständlich. Und so viel ist es dann auch nicht, weil wir für Ausstellungen viel mit Editionen arbeiten, es gibt also ein Stück dann dreimal. Bei den großen gegossenen Skulpturen habe ich »nur« die kreative Arbeit, für die Ausführung miete ich mir Firmen an, das kann ich gar nicht selbst leisten. Ich hab das im Laufe meiner Entwicklung alles einmal gemacht und kann mit fast allen Materialien umgehen. Das ist auch ganz wichtig, damit ich weiß, wovon ich rede. Ich hatte mich auch schon langsam zu jemandem entwickelt, der viel delegiert und wenig selber macht. Das hab ich wieder korrigiert und mache wieder mehr selbst.

Stimmt Ihre Idealvorstellung von den Werken dann mit den Ergebnissen überein? Sobald man mit anderen Menschen zusammenarbeitet, muss man doch Kompromisse schließen.
Es nähert sich an. Zwischen dem Idealbild in meinem Kopf und der Realität besteht immer eine Diskrepanz. Aber man kann da versuchen, die Idee stur umzusetzen, oder man lässt beim Tun und beim Machen zu, dass dieser Prozess auch kreativ ist und das Werk verändert. Gerhard Richter hat einmal gesagt, dass seine Bilder intelligenter seien als er. Und ich bilde mir ein zu wissen, was er damit meint. Als Künstler wird man auch vom Zufall, vom Material und seinen Bedingungen geführt und wenn man dem nachgibt, dann kann es sogar besser werden, als wenn man die ursprüngliche Idee stur verfolgt hätte.

Wenn Sie die Materialien schon ansprechen: Täuscht der Eindruck oder kehren Sie mit Ihren aktuellen Arbeiten zurück zum Plastischen? Sie hatten ja den Skulptur-Begriff weit geöffnet, in Richtung Performance und bis hin zu Ihrer sozialen Skulptur »44 Vorschläge«, einer Textarbeit für das deutsche Zeit-Feuilleton.
Ich hab mit einem sehr weiten Spektrum an Grundelementen in meiner Arbeit begonnen. Das waren dreidimensionale Plastiken, Zeichnungen, Fotografie und Aktionen als Skulpturen. Film habe ich auch genutzt und ich habe sicher noch einiges vergessen.

Ursprünglich wollten Sie Maler werden, wurden auf der Kunsthochschule aber in die Klasse der Bildhauer gesteckt. Hätte es etwas geändert, wenn Sie Ihre Karriere anders begonnen hätten?
Am Anfang hat das sehr viel geändert, weil das eine vollkommen andere Vorgehensweise ist. Das war sehr viel Frust und irgendwann habe ich einfach versucht zu erfassen, was das ist, eine Skulptur.

Sie sprechen in der Vergangenheitsform. Ihre Arbeit hat immer auch den Eindruck erweckt, als wollten Sie mit jedem neuen Werk auch den Begriff der Skulptur bearbeiten. Ist Ihre Suche nach dem, was eine Skulptur ist, inzwischen abgeschlossen?
Jetzt arbeite ich schon so lang, dass sich das schon alles verloren hat. Man macht etwas, es passiert etwas und man wird von einer künstlerischen Idealvorstellung getrieben, der man sich zu nähern versucht. Ich gehe ja nicht von einer Theorie aus, nach der ich dann meine Arbeit aufbaue. Nach ein paar Jahren intensiver Arbeit sieht man etwas und kann darüber reflektieren, was das eigentlich ist, was man da macht. Und dann kann man entscheiden, wie man weitermacht. Ich möchte meine Ideen nicht immer wiederholen, auch wenn mir das regelmäßig passiert ist.

Wie hat das alles begonnen? Wann war Ihnen klar, dass Sie Künstler werden?
Ich war relativ früh fasziniert von Dingen, die andere nicht interessiert haben. Ich weiß nicht warum. Mich haben Kerzenständer interessiert. Nicht weil ich irgendwelche Kerzen anzünden wollte, sondern wie sie gearbeitet waren. Und die standen halt im Elternhaus rum. Mich haben Krippenfiguren maßlos fasziniert und mein Vater dachte schon, ich werde Pfarrer. Diese kleinen, geschnitzten Figuren haben mich angezogen. Und durch die Schule bin ich dann sehr schnell mit Malerei, Kunst, Literatur, Philosophie und Theater in Berührung gekommen.

Das hat Schule damals noch geleistet?
Wir hatten einen Lehrer, der das konnte. Ich war auch an einem musikalisch-pädagogischen Gymnasium und da gab es recht guten Kunstunterricht.

Eine Ihrer ersten »großen« Aussagen, die aus Ihren Werken zu lesen ist, lautet: »Jeder ist ein Kunstwerk«. Bei Ihren »One Minute Sculptures« spielt es ja keine Rolle, wer sich in eine bestimmte Pose begibt.
Er oder sie musste für mich leicht verfügbar sein und willig. Das waren Freunde und Bekannte und einige hab ich auch durch Inserate gesucht. Damals konnte ich halt noch nichts zahlen, das waren alles Freiwillige.

Ihre Staubskulpturen waren dann der Gipfel des Nihilismus. Alles und Nichts war Skulptur.
Die Staubskulpturen waren ja früher. Die waren der Schlusspunkt einer ersten Entwicklung. Als Student hatte ich mal gelesen, dass man sich von seinen Vätern abwenden muss, wenn man Erfolg haben will, und die Lehrer sind in gewisser Weise auch Väter. In der Zeit, wo Pop-Art, Minimal Art und so etwas auf dem Programm stand, hab ich mich etwas anderem zugewandt. Figurative Skulpturen waren damals altmodisch und völlig verblödet. Aber ich hab es bewusst gemacht, weil ich dachte, dass sich damit etwas progressiv erneuern lässt. Damit konnte man irgendwie nerven. Und das hat gut funktioniert. Ich war dann in so einer kleinen Schiene drin und hatte ein bisschen Erfolg und habe aber gemerkt, dass es noch nicht das ist, was ich will. Erst dann hab ich begonnen, das alles zu reflektieren, mich abzuwenden.

Ist dieses »Alles kann Skulptur sein« die Antithese oder die Ergänzung zu Beuys‘ vielzitiertem Satz: »Jeder Mensch ist ein Künstler«?
Ich war ein großer Beuys-Fan während des Studiums und das war am Anfang ganz wichtig, aber irgendwann relativiert sich das.

In der Kunst relativiert sich ja immer alles. Auch wenn momentan das Politische wieder in den Vordergrund rückt: Auf der aktuellen Weltkunstschau »Documenta« in Kassel konnte man das sehen, der »Steirische Herbst« steht heuer unter einem sehr politischen Motto …
Das interessiert mich überhaupt nicht. Das ist eine Doktrin der Kuratoren, so wie man im 19. Jahrhundert für irgendwelche Herrscher oder die Kirche arbeiten musste. Heute sind es halt die Kuratoren. Ich glaube an die Freiheit der Kunst und an einen Begriff von der Freiheit des Einzelnen.

Warum machen Sie dann auch immer wieder Auftragsarbeiten, wie zuletzt für das Hotel Daniel?
Ganz so läuft das nicht. Ich wurde gefragt, ob ich etwas für das Hotel machen möchte, dann hab ich dieses Schiff vorgeschlagen und sie haben es genommen. Ich setze mich da nicht hin und versuche vorgegebene Themen umzusetzen. Das kann ich nicht, das steht mir dann total quer im Kopf. Bei großen Ausschreibungen bin ich meist gescheitert, jetzt werde ich immer mal eingeladen. Für den neuen Berliner Flughafen hatte man mich zum Beispiel angefragt wegen einer riesigen Skulptur. Da habe ich einen Entwurf gemacht mit Architekten und allem. Das war ein Mega-Aufwand, aber ich dachte, probieren wir es mal. Wir haben einen Anzug gemacht, der in der Flughafenhalle schweben sollte. Und sie haben es mit der Begründung abgelehnt, dass ein Mann mit Anzug nicht repräsentativ für einen Flughafen sei. Dann kann man das halt vergessen.

Sie können sich das leisten.
Gott sei Dank.

Aber wenn junge Künstler in das Geschäft einsteigen …
Die haben es verdammt schwer. Die sind ja abhängig und das ist nicht lustig.

Bis vor zwei Jahren haben Sie an der Kunstuniversität unterrichtet. Was konnten Sie Ihren Studenten dann überhaupt mit auf den Weg geben?
Mir war es wichtig, Türen aufzumachen und zu zeigen, wie die Realität funktioniert. Die haben fast alle die Vorstellung, dass sie ihre persönlichen Befindlichkeiten in Kunst umsetzen und damit dann Millionen verdienen, und das ist natürlich Käse. Ich selbst hab bei Bazon Brock studiert und der hat zu den Leuten gesagt: »Am besten du verheizt den ganzen Krempel«. Mir hat das gutgetan, aber andere haben wirklich aufgehört. Heute kann man mit Studenten nicht mehr so reden.

Schauen Sie noch andere Ausstellungen an?
Hin und wieder. Aber ich bin zum Beispiel nicht zur »Documenta« gefahren, weil ich arbeiten musste. Das verschiebt sich mit der Zeit. Als junger Künstler rennt man überall hin und schaut sich alles an. Man muss den Geschmack bilden, sich einordnen und Resultate aus dem ziehen. Aber irgendwann interessiert das nicht mehr, da ist es relativ wurscht, was andere machen. Es gibt nach wie vor wunderbare Künstler, und das beobachte und schätze ich sehr, aber ich muss nicht mehr auf jede Ausstellung. Vielleicht hat das auch etwas mit dem Älterwerden zu tun. Ich fokussiere meine Themen und meine Arbeit und da fühle ich mich wohl. Der tägliche Kampf, den ich da habe, ist mir Kampf genug.

Sie fechten aber auch immer Kämpfe mit der Welt und der Gesellschaft aus. Das beste Beispiel ist sicher Ihre soziale Skulptur »44 Vorschläge«. Geht es Ihnen bei Ihren Werken darum, Welt zu verändern, oder ums Darstellen?
Es ist ein Aufzeigen, wie es läuft. Überspitzt, natürlich, weil ich will, dass es sich ändert. Ich bin ja ein politisch denkender Mensch.

Ist es dann nicht ernüchternd, wenn Sie trotz Ihrer relativ großen Reichweite und Bekanntheit keinen wirklichen Einfluss auf den Verlauf der Dinge haben?
Ja, aber das war schon immer so. Alles andere ist auch Illusion. In den 70ern hieß es mal: Künstler in die Politik. Das ist doch Nonsens. Die würden die gleichen Fehler machen, wären genauso korruptionsanfällig wie alle anderen. Ich glaube nicht an das Gute im Künstler. Ich glaube auch nicht an das Gute im Menschen. Das Gute kann nur durch Gesetzgebung und Korrektive wie die Presse, die kaum noch funktioniert, eingefordert werden. Sonst leben wir in einem chaotischen Zustand und darin sehe ich mich täglich bestätigt.

Trotz Ihrer Abgeschiedenheit hier in Limberg?
Da, in der Ecke, steht der Fernseher, das Internet gibt es auch noch. Ich lese täglich Zeitungen …

Österreichische?
Ja, natürlich. Das sind zwar nicht die besten, aber ich lebe ja hier, wenn auch nicht besonders gern.

Warum sind Sie nie weggegangen?
Ich könnte noch immer weggehen, aber jetzt bin ich schon ein bisschen älter. Jetzt interessiert es mich nicht mehr so. Ich würde es aus verschiedenen Gründen gern machen. Wegen des Klimas, der Enge, der Kleingeistigkeit und dem Neid. Aber ich hab hier meine Freunde und ich hab hier ein angenehmes Leben – man mag es Bequemlichkeit nennen. Mein Steuerberater sagt immer »Geh nach London«, aber was soll ich in London? Meine Freunde sind hier, mein Hund ist hier und meine Schafe sind hier. Was soll ich da in London? Ich lebe jetzt in diesem Land, das ich nicht besonders liebe – das Land schon, aber nicht bestimmte Leute und das ist okay.

Ihnen geht es da wie den meisten österreichischen Künstlern.
Und ich kenne niemanden, der wirklich weggegangen ist. Oder sie kommen wieder zurück, weil man eben gern in einem Land lebt, in dem man sozialisiert wurde – zumindest wenn eine bestimmte Schmerzgrenze nicht überschritten wird.

Woraus ziehen Sie bei all der Unzufriedenheit Ihre Anerkennung und Bestätigung?
Die Kunstwelt an sich ist ein schwieriges Pflaster, weil jeder ans Licht will, aber dort nicht so viel Platz ist. Und deshalb gibt es da einen unglaublichen Kampf um Erfolg und Aufmerksamkeit …

Und um Geld?
Das Geld ist zweitrangig, eine angenehme Begleiterscheinung, wenn man Glück hat. Aber es geht um Anerkennung und die will jeder. Die wenigsten sind wirklich fähig auf Anerkennung zu verzichten, egal auf welchem Gebiet. Daher ziehe ich auch meine Befriedigung aus den vielen Ausstellungen weltweit.

Lachen Sie eigentlich, wenn Sie arbeiten?
Nein, nein. Seh ich so aus?

Überhaupt nicht, Sie sehen oft sehr ernst aus.
Ich leide und quäle mich die ganze Zeit.

Schopenhauer wäre stolz.
Darum liebe ich ihn auch so. Es geht nicht ums Witze machen oder Pointen treffen, das wäre vollkommen verfehlt. Ich arbeite mit einem speziellen Realitätsbegriff und Leute erkennen das recht schnell. Meine Kunst hat eine sehr niedrige Eingangsschwelle: Ein dickes Haus, ein aufgeblasenes Auto, haha, jeder findet‘s witzig. Aber das schmerzt mich, es ist ja nicht als Witz gemeint, sondern als Aussage über eine bestimmte Gesellschaft und ihren Zustand und die Objekte, mit denen wir uns wichtig machen. Das ist eigentlich für die meisten überhaupt nicht lustig, auch wenn es manchmal so abgetan wurde.

Ist Ihnen diese Gefahr schon beim Arbeiten bewusst?
Das ist ambivalent. Ich bin dafür auch immer belohnt worden. Meine Ausstellungen hatten über 100.000 Besucher, hier im Mumok, in Gent oder vor ein paar Jahren in Hamburg, das ist doch toll. Aber ich hab auch Ausstellungen gemacht, zu denen wir 600 Kataloge produziert haben und verkauft wurden nur 45. Man kann ja nichts dafür. Plötzlich haben wir diesen Katalog mit den »One Minute Sculptures« gemacht und siehe da, nach drei Monaten ausverkauft. Zweite und dritte Auflage – ausverkauft. Ich war echt überrascht, weil es nichts anderes war als das, was ich früher gemacht habe.

Und es gibt heute noch Internetforen, in denen diese Skulpturen imitiert, um- und nachgestellt werden. Ist das auch eine Form von Anerkennung?
Ich schau mir das nie an. Ich weiß, dass ich immer wieder kopiert werde. Das hat etwas Ärgerliches, aber auch etwas Gutes. Mich freut es, wenn ich sehe, dass Architekten von mir etwas nehmen und das auch zugeben. Aber wenn die belgische Regierung gegen Energieverschwendung mit einem fetten Auto wirbt, das eins zu eins nachgemacht wurde, dann ist das sehr ärgerlich.

Haben Sie jemals geklagt?
Ja klar, da bin ich mit dem Rechtsanwalt drauf losgegangen, aber da hat man keine Chance. Geistiges Eigentum gibt es zwar, aber die Definition ist so allgemein gehalten, dass es kaum greift. Ich wollte jetzt auch nicht zum »Jäger des verlorenen Schatzes« werden. Die deutsche Band Echt hatte mal für ein Video angefragt und während ich darüber noch nachgedacht habe, ist auf MTV ein Video von denen mit meinen »One Minute Sculptures« erschienen. Natürlich habe ich die geklagt und die mussten auch sofort zahlen. Die Red Hot Chili Peppers hatten vorher total professionell angefragt und dann ist dieses »Can‘t stop«-Video entstanden.

Ist »The artist who swallowed the world« – der Künstler, der die Welt verschluckte – auch ein Selbstporträt?
Selbstverständlich, das hat ja etwas mit dem Künstlersein zu tun: Welt aufnehmen, Welt wiederkäuen und Welt wiedergeben.

Die Welt ist in Ihrer Skulptur in einem Zustand, in dem sie noch nicht verdaut ist. Hat sich das inzwischen geändert?
Die Welt verdaut? Nein. Es ist auch wichtig, dass sie schwer im Magen liegt, sonst wird man so abgeklärt und es wird einem alles wurscht. Andy Warhol hat gesagt »All is pretty«, aber das bezweifle ich. Und ich glaube, es ist wichtig, dass man da etwas macht. Ich glaube das wirklich. Wenn man sich ansieht, wie die Politik bei uns funktioniert, könnte einem übel werden.

»Etwas machen …«?
Ich kann nur immer wieder etwas sagen und mich vor niemandem fürchten. Aber das ist es dann auch. Ich will keine Partei gründen wie Joseph Beuys, oder bei den Grünen mitmachen, weil ich die schrecklich finde. Die anderen Parteien auch. Und ich bin auch sicher keiner, der zu Bomben greift. Ich kann es nur immer wieder sagen. Es sind ja nicht nur die Politiker korrupt, sondern die Bevölkerung allgemein. Es gibt wahnsinnig viele Frühpensionisten, Leute, die in unvorstellbarem Ausmaß die Invalidenrente in Anspruch nehmen, ohne invalid zu sein. Das hab ich alles auch in anderen Interviews kundgetan und da steht dann in irgendwelchen Foren, dass ich der größte Subventionsempfänger sei. Das ist vollkommener Unsinn, ich hab seit 30 Jahren keine Subventionen bekommen und will sie auch nicht.

Wie sehen Sie Initiativen wie jene von Frank Stronach? Er »macht etwas« – bei aller Kritik, die man daran üben kann.
Grundsätzlich finde ich das gut. Aber sehen Sie, wie der angegriffen und niedergemacht wird. Dass er sich das gibt, ist eh unglaublich. Nach einiger Zeit ist so etwas nämlich nicht mehr lustig.

Ist es auch ein Stück Zufriedenheit, dass Sie darauf nicht angewiesen sind, sondern Ihre Kunst machen dürfen?
Natürlich, es ist ein riesiges Privileg und ein großes Glück. Ich lebe von meinen Unsinnigkeiten, und das auch noch ganz gut. Mit dem Rest muss ich mich eigentlich nicht beschäftigen. Ich mache es, weil mir diese Probleme brennend nahe sind und ich den Zustand der Welt sehe. Ich habe drei Kinder und das ist die Zukunft, die wir ihnen hinterlassen. Meinen Söhnen ist es effektiv wurscht. Die sehen die Bedingungen und versuchen daraus etwas zu machen.

Ihre beiden Söhne werden keine Künstler?
Der eine hat sogar ein Jahr in Berlin studiert, der wollte Modefotograf werden. Aber er hat entschieden, dass es nichts für ihn ist und jetzt macht er Wirtschaft. Schauen wir mal wie lang.

Herr Wurm, vielen Dank für das Gespräch.

Fazitgespräch, Fazit 86 (Oktober 2012) – Foto © Michael Thurm

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