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Das Wirtschaftsmodell der Genossenschaften

| 26. November 2012 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 88, Fazitthema

Moden kommen und gehen, das gilt auch in der Wirtschaft. Zufall ist es aber nicht, dass ausgerechnet jetzt die Genossenschaft ein Comeback erlebt.

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Über drei Millionen Mitglieder haben Genossenschaften in Österreich. Gleichzeitig werden pro Jahr gerade einmal 15 Unternehmen als Genossenschaft gegründet. Diese Zahlen deuten auf eine starke, aber aussterbende Tradition hin – und sie könnten doch täuschen. Auch in Deutschland gab es 2005 gerade einmal elf Genossenschaften, die neu gegründet wurden, im letzten Jahr waren es dann schon über 250. Ein Anstieg von über 2.000 Prozent in sechs Jahren! Und diese Entwicklung ist nur einer von vielen Gründen, warum unter anderem die Financial Times die Genossenschaftsform als »Erfolgsmodell« beschrieben hat. Auch die Uno erkennt diesen Trend und rief heuer das »Jahr der Genossenschaften« aus. Freilich, ein Slogan, wie es tausende gibt, aber auch ein Signal für eine Wirtschaftsform, die mehr als nur Kapitalertrag verspricht.

In den Nachwehen der Krise – wir hoffen alle, dass es bereits die Nachwehen sind – ist das Modell einer Genossenschaft eine gute und zunehmend beliebte Alternative zu den klassischen Kapitalgesellschaften geworden. Nachdem das »Wachstum um jeden Preis« als eine der Ursachen für die Krise gilt, wird eine Unternehmensform wieder relevant, in der Gewinne unter allen Genossenschaftern gleich verteilt werden. Vordergründig geht es dabei um Absicherung und Werterhalt der Vermögen aller Beteiligten und nicht um die maximale Rendite.

Kein Wunder also, dass diese Idee ihre Ursprünge auch in einer Krise hatte. Die Genossenschaft war und ist immer Symptom für eine Zeit, in der man als Einzelner wenig erreichen kann und sich zu Zweckgemeinschaften verbündet. Genossenschaften erlauben dabei eine große Zahl an Unterstützern mit kleinem Kapital, ganz gemäß dem Raiffeisen-Leitspruch: »Was der Einzelne nicht vermag, das vermögen viele.« Klar, auch das ist wieder ein Spruch, den die Werbung vereinnahmt hat, aber als Friedrich Wilhelm Raiff-eisen vor 150 Jahren den ersten Darlehenskassen-Verein gründete, stand dahinter die Idee, gemeinsam gegen die Hungersnot anzukommen.

Der Gründer und Namensgeber eines ganzen Wirtschaftskonzepts wurde als siebtes von neun Kindern geboren und über einige Umwege schließlich zum Bürgermeister einer kleinen Gemeinde zwischen Frankfurt und Köln mit dem wunderbaren Namen Weyerbusch. Eine arme Gegend, die Schule verschimmelte und Geld war keines da. Raiffeisens Idee zur Rettung begann damit, dass er den Wald der Gemeinde fällen ließ, das Holz verkaufte und von dem Gewinn eine Schule und eine Straße baute. Diese erlaubte es den Bauern, ihre Produkte auf den größeren Märkten der Städte anzubieten. Der entscheidende Auftakt zur Genossenschaft bestand darin, dass die Bauern die Bäume ohne Bezahlung fällten und darauf vertrauten, dass ihnen der Profit nutzen würde. Wie viel von dieser romantischen Geschichte stimmt, ist schwer zu sagen, weil der Nachlass von Raiffeisen zum großen Teil verloren ist.
Das zweite Kapitel der Erfolgsgeschichte beginnt mit der Hungersnot und der Gründung des »Weyerbuscher Brotvereins«. In diesen zahlten die wenigen wohlhabenden Bauern Geld ein, von dem Raiffeisen dann Mehl kaufte, Brot backen ließ und dieses gegen Schuldschein an die ärmeren Bauern verkaufte. Als es diesen nach der Ernte im Frühjahr wieder besser ging, konnten sie ihre Schuldscheine zurückzahlen und Raiffeisen den Geldgebern, die das Ganze erst ermöglicht hatten, ihr Geld wiedergeben. Aus diesem Konzept entwickelte Friedrich Raiffeisen ein Modell, das die damals üblichen Wucherer überging, weil sich die Bauern gegenseitig eine Existenzgrundlage gaben. Wer wohlhabend war, stellte einen Teil seines Vermögens in Form von Vieh, Land oder Geld zur Verfügung, um ärmeren Bauern einen Ausgleich zu ermöglichen. Für ein Grundstück bekam man dann zumindest ein paar Zinsen, die es sonst nicht geben würde, und die ärmeren Bauern hatten genug, um wieder auf die Beine zu kommen. Mit der Zeit stieg der Wohlstand aller Bauern und damit auch die Zahl der Vereinsmitglieder. Die Haftungen und Risiken verteilten sich auf immer mehr Menschen, ebenso die Gewinne. Und beides stand zueinander in einem deutlich besseren Verhältnis, als Banken das möglich machten.

Und das zeichnet die Genossenschaft in ihrer klassischen Form auch heute noch aus: Die Unternehmensgewinne kommen allen Mitgliedern zugute und es bleibt nur so viel Gewinn im Unternehmen, wie für Investition und Kapitalsicherheit nötig ist. Das verhindert Wachstum um seiner selbst willen und sorgt für eine Gleichverteilung von Gewinn und Haftung unter den Genossenschaftern. Schon deshalb ist die demokratische Führung eines solchen Unternehmens notwendig und jedes Mitglied hat laut den meisten Satzungen eine Stimme. Auch wenn inzwischen gewichtete Stimmanteile festgelegt werden dürfen, sodass Mitglieder mit mehr Genossenschaftsanteilen auch mehr Stimmrecht haben.

Dass Friedrich Raiffeisen nicht der Einzige war, der diese Idee hatte, sorgte bereits in der damaligen Zeit für juristischen Streit. Neben den frühen Gründungen in Großbritannien durch Robert Owen hatte auch Hermann Schulze-Delitzsch ein ähnliches Modell für Händler in Berlin entwickelt. Als er und Raiffeisen zusammentrafen, folgte eine jahrelange Auseinandersetzung um Statuten und Bedingungen für die Genossenschaften. Aus der Vereinigung der beiden Ideen mit ihren entsprechenden Regeln entstanden schließlich die heute noch bestehenden Volks- und Raiffeisenbanken. Sie haben sich als eine zentrale Form der Genossenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt.

Ihre Prinzipien wurden aber auch von anderen Wirtschaftszweigen kopiert, vor allem Wohnungsgenossenschaften hatten nach dem Krieg Konjunktur. Noch heute sind vor allem in Ostdeutschland zahlreiche Wohnsiedlungen genossenschaftlich organisiert und auch in Graz gibt es mit der Gemeinnützigen Grazer Wohnungsgenossenschaft ein Unternehmen, das über 10.000 Genossenschaftswohnungen verwaltet. Zentraler Gedanke bei diesen ist die gleichmäßige Verteilung von Sanierungsmaßnahmen auf alle betroffenen Eigentümer. Denn meistens werden die Wohnungen innerhalb eines Hauses verkauft, das Dach muss aber von allen saniert werden. Darüber hinaus wird auch das Prinzip der Gemeinnützigkeit wieder wichtiger. Genossenschaften, in denen ältere Menschen zusammen mit Alleinerziehenden wohnen, sorgen in Deutschland bereits für so große Nachfrage, dass die Angebote nicht mithalten können. Der immaterielle Profit, den viele in einer solchen Form des gemeinsamen Eigentums sehen, ist enorm.

Natürlich werden die Erfolge und Vorteile auch von den Nicht-Genossenschaften bemerkt und so finden sich einige der genossenschaftlichen Prinzipien auch bei klassischen Kapitalgesellschaften wieder. Vor allem die Beteiligung kleiner Anleger am Unternehmen gerät immer mehr in Mode. Einerseits lässt sich so zu günstigen Zinsen Fremdkapital (bei der Genossenschaft ist es dann sogar Eigenkapital) besorgen, andererseits gewinnt man mit den Konsumenten gleichzeitig Investoren hinzu. Die Energie Graz wirbt im Moment wie viele Energieproduzenten um »Solaranleger«, die mit einer wertgesicherten Einlage Solarmodule »kaufen« können und dafür eine Gutschrift auf der Stromrechnung bekommen. Die so erzielte Rendite beträgt immerhin zwischen drei und 3,3 Prozent. Man unterstützt außerdem regenerative Energien – einzige Voraussetzung: Die Energie Graz muss auch der Stromlieferant sein. Für das Unternehmen eine lohnenswerte Investition – Kredite mit drei Prozent Zinsen sind sonst wohl nirgendwo zu bekommen und außerdem sichert man sich ein paar neue Kunden. In Deutschland funktioniert das bereits so gut, dass es inzwischen über 400 solcher Solar-Genossenschaften gibt. Die bekanntesten steirischen Genossenschaften sind schon etwas älter: Das Taxiunternehmen 2801 ist seit 1979 als Genossenschaft organisiert und die Murauer Brauerei sogar seit 1910. Die bekannteste und größte Genossenschaft ist allerdings jene, die direkt nach ihrem Gründer benannt ist: Raiff-eisen. Zu über 500 Genossenschaftsbanken kommen noch jeweils rund 100 Molkereien und Lagerhausgenossenschaften. Bei ihnen nimmt die Zahl allerdings langsam ab. Zum einen wurden in den letzten Jahren mehrere Molkereien privatisiert, zum anderen wechseln einige Landesbanken ihre Rechtsform zur Aktiengesellschaft, um die vertragsrechtlichen Vorteile dieser Gesellschaftsform nutzen zu können. Doch noch sammeln sich zwei Millionen Genossenschafter unterm Giebelkreuz und sorgen gleichzeitig dafür, dass Raiffeisen mit 50.000 Mitarbeitern der größte private Arbeitgeber des Landes ist.

Dass die Gruppe dabei nicht viel anders organisiert ist als manche Franchise-Unternehmen, weiß jeder Kunde, der einmal versucht hat, mit einem Konto der steirischen Landesbank eine Überweisung am Terminal in Kärnten durchzuführen oder mit einer Karte der Raiffeisenbank Graz St. Peter am Schalter der Landesbank Bargeld zu beheben. Trotz aller Gemeinsamkeiten bei den Produkten – so weit geht die Kooperation zwischen den autonomen Banken dann doch nicht. Raiffeisen ist längst beides: internationale Kapitalgesellschaft und regional verwurzelte Genossenschaft. Nicht immer gelingt es dabei die Vorteile von beiden Systemen zu nutzen. 2011 war es dann auch ausgerechnet die Raiffeisen-Gruppe, die den größten zusätzlichen Finanzbedarf in Österreich hatte. Das private Partizipationskapital, also klassische Anteilsscheine, sollte nicht zum Stammkapital und damit zu Eigenkapital umgewandelt       werden. Das wäre zwar typisch für eine Genossenschaft gewesen, hätte aber die Dividende der Betroffenen um einiges gesenkt.

Dem typischen Bild einer Genossenschaft entspricht der private Banksektor also nicht mehr, aber auch das kann sich ändern. Die deutsche Sparda-Bank gehört ebenfalls zu den Genossenschaften: Dort wurde einfach die Zahl der Geschäftsanteile erhöht, die man als Kunde/Genossenschafter erwerben kann, um die Bedingungen von Basel III und der damit verbundenen Eigenkapitalerhöhung zu erfüllen. Eine Variante, die auch hierzulande Probleme lösen könnte.

Aktuelles Beispiel dafür, wie nötig das wäre ist, der Schuhfabrikant »Waldviertler«. Der bekam nach der Basel-III-Reform keinen Kredit mehr von der Bank und gründete daraufhin selbst so etwas Ähnliches wie eine Genossenschaft. Allerdings garantiert er seinen Anlegern – immerhin 2.500 Menschen, die ihm insgesamt drei Millionen liehen –, dass sie ihr Geld zurückbekommen. Das widerspricht aber nicht nur dem Haftungsprinzip einer Genossenschaft, sondern auch den österreichischen Gesetzen. Die Finanzmarktaufsicht geht momentan gegen den findigen Unternehmer vor, weil sie ein »unerlaubtes Kreditgeschäft« unterstellt. Sparguthaben darf in Österreich nämlich nur verwalten, wer eine Banklizenz hat. Einigungsversuche sind bis dato gescheitert.

Dass Gesetze eingehalten werden müssen, ist natürlich eine Wahrheit, dass sich Gesetze aber einer veränderten (Wirtschafts-)Welt anpassen müssen eine andere. Auch in Deutschland war eine Gesetzesänderung wesentlich am neuen Erstarken der Genossenschaft beteiligt. Schon ab drei Mitgliedern – statt wie zuvor sieben – darf man dort inzwischen eine Genossenschaft gründen und auch sonst gab es zahlreiche neue Details, die eine Gründung vereinfachen. In Österreich genügen sogar schon zwei Genossenschafter, eine Satzung und die Aufnahme durch den zuständigen Revisionsverband.

Noch schwieriger, als einen Kredit zu bekommen oder eine einfache Genossenschaft zu eröffnen, ist es eine ganze Bank zu gründen. Seit über zwei Jahren will Christian Felber, früher Attac-Chef, nun schon eine »Gemeinwohl-Bank« gründen, die sich an nachhaltiger und gemeinnütziger Wirtschaft orientiert. Eine Lizenz hat er dafür noch immer nicht erhalten – verantwortlich dafür ist wieder die Finanzmarktaufsicht. Zu guten Genossenschaftsideen gehören also auch entsprechende Rahmenbedingungen, vor allem ein legistisches Umfeld, das Haftungen klar regelt, ohne sonst zu viele Hürden aufzustellen.

Vielleicht besteht die große Veränderung des Kapitalismus, die sich nach der Krise einige erhofft und andere erwartet haben, in einer Wiederentdeckung alter Prinzipien. Denn hinter einer Genossenschaft steht mehr als die Entscheidung für eine bestimmte Form der Kapitalbeschaffung. Es geht immer auch ein wenig um Philosophie: Gib deinen Kunden ein Stück vom Kuchen. Mach sie zu Kunden und Eigentümern. Zu Produzenten und Besitzern. Dann halten sie die Treue und sichern die Existenz des Unternehmens auf doppelte Weise. Für ein Land wie Österreich, in dem es vor allem darum geht, das Wohlstandsniveau zu halten, ist das sicher nicht die schlechteste Variante.

Titelgeschichte Fazit 88 (Dezember 2012)

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