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Wahl in der Kalchberggasse

| 26. September 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 96, Fazitthema

Foto von Michael Thurm

Eindeutige Aussagen statt vermeintlicher Repräsentativität. Die Umfrage zur Nationalratswahl, die mehr sagt als jede Sonntagsfrage.

Text von Michael Thurm Mitarbeit: Vanessa Fuchs, Horst Futterer, Gerald Gaksch, Christian Klepej, Michael Neumayr, Johannes Tandl – Die ganze Geschichte mit den Statements der einzelnen Befragten können Sie im Onlinelayout lesen: LINK

Österreich und seine Wähler, sie wünschen sich von einer Wahl eigentlich mehr, als es die Gewichtung von fünf oder gar sieben Parteien vermag auszudrücken. Dass diese Ansprüche weder in Umfragen noch bei der Wahl selbst deutlich werden, lässt jetzt schon erwarten, dass am Wahlabend wieder jeder seine eigene, einzig wahre Interpretation des Ergebnisses haben wird. Jeder wird sich bestärkt fühlen in dem, was er macht und will, und sicher wird auch jeder Politiker irgendeinen »Auftrag« aus dem Ergebnis ableiten. So sieht es die Zeremonie unbeeindruckt vom Wahlergebnis vor. Die Sehnsucht nach Konkretisierung und Inhalten wird lediglich in Nebensätzen befriedigt und spätestens beim Aufleuchten des Kameralichts wieder vergessen. Diese Sehnsucht lässt sich nicht in repräsentativen Umfragen, Kreis- oder Balkendiagrammen erfassen, sondern sie ist die gewohnte Stimmung in jeder politischen Diskussion, die außerhalb der Fernsehstudios geführt wird. Es herrscht anhaltendes Entsetzen über die Trivialität der Auseinandersetzung und die Fahrlässigkeit, mit der wichtige Themen behandelt werden. Fazit verzichtet normalerweise gern auf Umfragen, diesmal haben wir uns für eine besondere Form entschieden. Nicht repräsentativ, sondern explizit. In der Kalchberggasse, mitten in der Grazer Innenstadt, in der auch unser Büro ist, haben wir die kleinen und großen Gewerbetreibenden über ihre Meinung zum Wahlkampf und ihre Wünsche an die Bundespolitik befragt. Von der Schneiderin über die Wirtin bis zum Banker.

Nicht jeder wollte sich zur Wahl äußern, nicht einmal um seinen Zorn kundzutun: »Meine Meinung kann man niemandem zumuten und ich will sie auch nicht in der Zeitung lesen«, sagt einer, der nicht genannt werden will. Der politische Unmut ist trotz der guten Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage spürbar. Er drückt sich aus in Wut und Unverständnis, in der Hoffnung auf konstruktive Besserung oder in fatalistischen Anarchie-Träumen. Bei dieser Wahl sind mit den Neos und Frank Stronach nun sogar wählbare Projektionsflächen dafür vorhanden. Ob diese halten, was sie versprechen, ist natürlich eine andere Frage. Eine, die sich aber erst nach dem Wahlabend stellt.

Im Gegensatz zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel gelang es Werner Faymann und Vize Michael Spindelegger nicht, den Status quo als erfolgreich und damit sich selbst als die Erfolgreichen zu präsentieren. Trotz der relativ positiven Erfahrungen in der Vergangenheit – es geht uns gut – trauen den beiden Großparteien immer weniger Menschen zu, diesen Zustand aufrechtzuerhalten. Während Angela Merkels Slogan »Sie kennen mich« ihre gesamte Politik und ihren Wahlkampf zusammenfasst – alles bleibt solang wie es ist, bis eine inhaltliche Kursänderung unausweichlich und mehrheitsfähig ist –, würde dieser Satz aus dem Munde von Faymann oder Spindelegger einfach nicht funktionieren. Nicht weil wir sie nicht kennen würden, sondern eben weil wir sie kennen und wissen, dass auch die notwendigste sachpolitische Entscheidung (Beispiel Bildungspolitik) durch parteitaktische Mechanismen aufgeschoben und zerbröselt wird. Der Unterschied zwischen Besitzstandswahrung (Pensionen, Lehrerdienstrecht) und konstruktiver Bemühung um den qualitativen Erhalt des Status quo scheint unerkannt. Von der alten Weisheit »Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert« war trotz aller Wahlkampffloskeln nie etwas zu hören. Dabei ist doch genau das ein ziemlich vernünftiges Konzept für Politik und Wahlkampf der Regierungsparteien: Erneuern um zu erhalten, mehr ist nicht nötig. Weniger aber auch nicht.

Titelgeschichte Fazit 96 (Oktober 2013) – Foto von Michael Thurm

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