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Brüssel kulinarisch und politisch

| 23. Oktober 2013 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 97, Fazitreise

Fotos: Werner Remersand

Die Frage, ob die De-facto-EU-Hauptstadt Brüssel eine Reise wert ist, stellt sich in aller Regel nicht. Denn die meisten Besucher fahren dorthin, weil sie Termine, die mit Europa zu tun haben, wahrnehmen. Doch die belgische Hauptstadt ist auch eine der vitalsten und weltoffensten Metropolen Europas.

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Natürlich steht meistens die EU im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung, wenn es um die belgische Hauptstadt geht. Und wenn sich Brüssel tatsächlich einmal seiner selbst willen in die Medien verirrt, hat das nur selten mit den Sehenswürdigkeiten oder den lukullischen Genüssen zu tun, die auf die Besucher warten, sondern mit der politischen Dauerkrise, unter der Belgien seit Jahrzehnten leidet. Und so findet das internationale Flair, das die Stadt zu einer der weltoffensten und freundlichsten europäischen Metropolen macht, seinen Weg bestenfalls in offizielle Reiseführer. Dabei ist eine Brüssel-Reise überaus lohnenswert. Der vom Grand-Place geprägte Altstadtkern mit dem Rathaus, dem Stadtmuseum und den zahlreichen Zunfthäusern ist das Herzstück einer der schönsten Innenstädte Europas.

Auch der Königspalast, der Kunstberg mit seinen Museen, die Börse, die Oper oder der Justizpalast und die berühmten Brüsseler Parks bilden einzigartige touristische Highlights. Zudem hat sich das Europa-Viertel in den letzten Jahren von der Tintenburg zum Tourismusmagneten gewandelt. Am Berlaymont-Gebäude der EU-Kommission, dem imposanten Europäischen Parlament und bei zahlreichen weiteren EU-Gebäuden konnte sich die europäische Architekten-Elite großzügig verwirklichen. Offensichtlich versucht die EU, mit ihrer Monumentalarchitektur so etwas wie einen europäischen Patriotismus zu entfachen. Und dieser erscheint angesichts der immer größer werdenden Euro-Skepsis auch dringend notwendig. Denn wenn uns die EU-Regierungschefs schon keine EU-Hymne gönnen und auch nicht zulassen, dass wir zu den EU-Verträgen Verfassung sagen dürfen, bleibt uns wenigstens die Architektur, auf die wir gemeinsam stolz sein können.

Problematische Stadtviertel
Vorsicht ist in den Brüsseler Straßen überall geboten. Selbst offizielle Reiseführer geizen nicht mit Warnungen, die davon abraten, in der Nacht die U-Bahn zu benutzen oder problematische Stadtviertel aufzusuchen. Hintergrund der hohen Kriminalität ist das explosive, heterogene Brüsseler Bevölkerungsgemisch. Die Stadt erlebte in kurzer Zeit eine enorme Zuwanderung aus arabischen Ländern und aus der Türkei. Der Migrantenanteil liegt – je nach Stadtteil – zwischen 25 Prozent und 98 Prozent. Staatliche Integrationsmaßnahmen haben angesichts dieser Mehrheitsverhältnisse kaum eine Chance. Und so leben in Brüssel viele Zuwanderer der ersten, zweiten und dritten Generation in islamischen Gegengesellschaften – ohne Berührungspunkte zur ursprünglichen Bevölkerung. Der Anteil von Flamen und Wallonen liegt in Brüssel gerade noch knapp über 40 Prozent.
Die Stadt hinterlässt bei ihren Besuchern einen polyglotten Eindruck und wirkt alles andere als gefährlich. Wie in jeder Touristenmetropole, in der die Menschen ihre Waren und Dienstleistungen an den Mann zu bringen versuchen, sind die Menschen freundlich und hilfsbereit. Nicht einmal die Porträtmaler am Grand-Place sind böse, wenn man ihnen das Bild, das sie unbemerkt und vor allem unaufgefordert anfertigen, dann doch nicht abkauft. Lästig sind die aufdringlichen Bettler, aber als geübter Grazer weiß man damit umzugehen. Sensationell sind die zahlreichen Schokoläden, in denen handgeschöpfte Pralinen und edle belgische Schokoladen dargeboten werden. Dass es in Brüssel die besten Pommes Frites der Welt gibt, ist weltbekannt. Dass man in der Frittenbude an der Börse ein mit Pommes und Majonäse gefülltes Sandwich kaufen kann, ist dennoch einzigartig. Nicht fehlen darf ein Besuch in der Gegend um die »Rue des Bouchers«. Die »Straße der Metzger« bildet das Herz von Brüssels berühmten Fressgassen, in denen sich Restaurant an Restaurant reiht und die Tische so eng gestellt sind, dass es für täglich Tausende Besucher kaum ein Durchkommen gibt. Der Renner im reichhaltigen Angebot sind Meeresfrüchte aller Art. Vor allem die »Moules frites«, das sind Miesmuscheln in Sahne-Sauce mit Pommes Frites, muss man unbedingt probiert haben. Die Gäste werden von professionellen Animateuren mit Billigangeboten an die Tische gelockt. Wer vor bösen Überraschungen sicher sein will, tut jedoch gut daran, vorab genau zu vereinbaren, was das Essen kosten darf, denn die Speisekarten mit den günstigen Preisen gelten oft nur zwischen 12 und 16 Uhr und keinesfalls am Abend, wenn die Restaurants überlaufen sind.

Belgisches Bier
Ein weiteres kulinarisches Highlight bilden die zahlreichen Brüsseler Bierlokale. Das Bier schmeckt hervorragend und die Angebotsvielfalt ist überwältigend. Österreichische Biertrinker tun dennoch gut daran, vorsichtig zu genießen. Die meisten Biere haben zwischen acht und zwölf Prozent Alkohol. Sie sind damit wesentlich stärker als das gewohnte Puntigamer oder Murauer.
Auch »Manneken Pis«, wohl das Wahrzeichen ganz Belgiens, sollte man gesehen haben. Die kleine Statue ist nicht größer als 50 Zentimeter und wird ständig von Bustouristen aus aller Welt umlagert. Der 200 Meter kurze Weg vom Grand-Place zu »Manneken Pis« ist gesäumt von Souvenirshops und kleinen Geschäften, in denen die berühmten belgischen Waffeln mit allerlei süßen Toppings um wenig Geld angeboten werden.

Angenehmes Preisniveau
Überhaupt muss gesagt werden, dass Brüssel kein besonders teures Pflaster ist. Das Preisniveau entspricht dem heimischen. Restaurants gibt es – je nach Qualität – von günstig bis teuer und auch die Preise in den Cafés und Bars können einen Österreicher nicht schocken. Die Sehenswürdigkeiten sind bequem mit Metro, Straßenbahn oder Bussen erreichbar. Und im Vergleich mit zuhause sind die Preise für deren Benützung äußerst moderat. Brüssel präsentiert sich als moderne, multikulturelle Metropole, die auch dann eine Reise wert ist, wenn man nicht zu den EU-Institutionen muss. Dass die Stadt mit großen Problemen zu kämpfen hat, lässt sich dennoch nicht übersehen – auch nicht, dass diese vielfach damit zusammenhängen, dass die moslemischen Zuwanderer mittlerweile die Mehrheitsbevölkerung stellen.

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Das Königreich Belgien hat 10 Millionen Einwohner (Brüssel 1,2 Millionen), davon sind 6 Millionen Flamen und 3,5 Millionen Wallonen. Das Land ist in drei Sprachengemeinschaften aufgeteilt, in Niederländisch, Französisch und Deutsch.

Politisch steckt Belgien in einer Dauerkrise, die sich im Streit zwischen den Flamen im Norden und den Wallonen im Süden begründet. Brüssel selbst ist offiziell zweisprachig und Hauptstadt des niederländischsprachigen Flanderns. Dennoch wird das Niederländische sukzessive zurückgedrängt, denn auch die rund 60 Prozent Migranten sprechen eher Französisch.

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Fazitreise, Fazit 97, (November 2013)

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