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Albaniens langer Weg nach Europa

| 28. Mai 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 103, Fazitreise

Foto: Dragan Tatic

Trotz seiner vielfältigen Kultur und landschaftlichen Schönheiten ist Albanien eine hierzulande weitgehend unbekannte Größe.

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Allein der Name vermittelt schon einen Hauch von Karl-May-Exotik und Abenteuer, die nüchterne Lagebetrachtung vor Ort zeigt aber neben Rückständigkeit und Armut neues Selbstbewusstsein und enorme Aufbruchsstimmung. Und eine Mentalität, die in vieler Hinsicht europäischer ist als bei so manchen EU-Mitgliedern. Ein internationaler Workshop mit angeschlossener Tagung unter dem ambitionierten Thema »Zäsuren und Kontinuitäten« führte eine Gruppe von Kulturwissenschaftlern und Studenten aus Graz im April in die nordalbanische Stadt Shkodra. Anschauungsmaterial bietet das Land dafür in jeder Hinsicht genügend.

Langsame Öffnung
Schon seit mehreren Jahrzehnten bestehen intensive Beziehungen zwischen beiden Hochschulen – in der schwierigen Zeit nach dem Ende des Kommunismus gab es Hilfslieferungen und Unterstützung aus Österreich. Ein Zeichen der Verbundenheit empfängt uns bereits beim Eintreten in das überraschend moderne Hauptgebäude der Universität von Shkodra: Eine Österreich-Bibliothek und ein Hörsaal sind nach dem Grazer Historiker Walter Höflechner benannt. Aber uns interessiert natürlich ebenso wie die Wissenschaft die kulturelle Seite des bunten Balkanstaats, der auf ungefähr der doppelten Fläche der Steiermark zwischen unwegsamem Hochgebirge und malerischer, über weite Strecken noch unberührter Adriaküste eine unglaubliche Vielfalt aufweist. Von Massentourismus kann noch lange keine Rede sein, aber trotz oder vielleicht wegen des rustikalen Charmes vieler Beherbergungsbetriebe ist die Zahl der Besucher von wenigen Tausend jährlich auf einige Millionen im Jahr angewachsen. Viele davon sind freilich nur Tagestouristen aus Nachbarregionen oder von Kreuzfahrtschiffen, denn die Infrastruktur ist ungenügend ausgebaut, die Statistiken weisen nach wie vor weniger als 10.000 Hotelbetten in ganz Albanien aus.

Bewegte Vergangenheit
Nicht immer waren die Beziehungen nach außen des klischeehaft wilden Bergvolks von wechselseitiger Harmonie geprägt. Eine kurze, erst rund hundert Jahre währende, aber wechselvolle Geschichte als eigenständiger Staat hat das kleine Land am westlichen Balkan stark geprägt. Auf heutigen Europakarten scheint es meist als einer der letzten weißen Flecken im Raum zwischen Kroatien und Griechenland auf. Als Monarchie mit parlamentarischen Zügen ging es aus den Balkankriegen am Vorabend des Ersten Weltkriegs hervor. Was dann folgte, waren die Besetzung durch die österreichisch-ungarische Armee 1915 im Norden und die Entente im Süden. In der Zwischenkriegszeit wuchs der Einfluss des faschistischen Italien, das sich das Land als Kolonie einverleiben wollte, was de facto 1939 auch geschah. Der Widerstand gegen die Besatzung und ein erbarmungsloser Partisanenkrieg brachte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 1944 schließlich eines der bizarrsten kommunistischen Regimes an die Macht, das sich unter dem Führer Enver Hoxha nach Zerwürfnissen mit Tito und Stalin fast fünf Jahrzehnte lang zunehmend vom Rest der Welt isolierte. Aus Furcht vor einer feindlichen Invasion wurden unter ungeheuren Kosten buchstäblich Hunderttausende Bunker errichtet. Noch radikaler als in anderen Staaten des Ostblocks orientiert, waren in Albanien etwa private Pkw sowie jegliche Religionsausübung strengstens verboten. Die Zahl der politischen Gefangenen, die nicht selten gefoltert oder getötet wurden, erreichte mit Hoxhas wachsender Paranoia stets neue Höhen. Ein dunkles Kapitel, das zum Leidwesen vieler bis heute nicht richtig aufgearbeitet wurde, denn noch immer stehen Anerkennung und Entschädigung der Opfer des Kommunismus aus.

Im Schnittpunkt der Kulturen
Aber zurück in die Gegenwart – die etwas unbequeme Busreise entlang der dalmatinischen Küste quer durch Kroatien und Montenegro bietet zwar nicht den Luxus einer Flugreise, aber ermöglicht die schrittweise Annäherung an eine zunächst fremdartig scheinende Kultur. Von Weitem prägen schlanke Minarette sowie rostige, unförmige Fässer auf den Flachdächern der Häuser – eine Art primitiver Solarboiler – die Skyline. Doch schon auf den zweiten Blick fallen im Zentrum von Shkodra, das auf Italienisch Scutari genannt wurde, vertraute Elemente ins Auge. Das kulturelle Leben Nordalbaniens hat sich schon immer in Shkodra abgespielt und der Einfluss des Westens ist hier deutlich erkennbar. Mit der erst seit Kurzem eingerichteten Fußgängerzone hat man eine attraktive, mediterran angehauchte Flaniermeile geschaffen. Revitalisierte Amtsgebäude mit mitteleuropäischem Charakter, Pizzerias, Restaurants und Cafés sowie vereinzelt noch traditionelle Holzhäuser ergeben ein harmonisches Ensemble, das an süditalienische Städte erinnert. Ebenso auffallend sind die vielen sorgsam renovierten Kirchen und Moscheen, die das gesamte Stadtbild prägen – gerade in Nordalbanien gibt es neben den Muslimen einen hohen Anteil an katholischen und orthodoxen Christen. Wobei die Religion im Alltagsleben offensichtlich keine große Rolle spielt und daher auch nicht zum Konfliktstoff wie in den Nachbarregionen taugt. Man sieht keine verschleierten Frauen, keine Ansammlungen von betenden Gläubigen bei den Gotteshäusern und dem Vernehmen nach wissen viele Albaner nicht einmal genau, welcher Glaubensrichtung sie angehören, wie unser lokaler Führer versichert.

Durch den Basar
Gleich hinter der Universität erstreckt sich das ausgedehnte Marktviertel der Stadt. Jede Spur touristisch motivierter Behübschung verliert sich bald und nach ein paar Biegungen prägen schnell Plattenbauten sowie halbfertige Betonbauten das Stadtbild. In den Straßen stauen sich hauptsächlich Mercedes älteren Baujahrs, hinter dem Lenkrad die stolzen, fast ausschließlich männlichen Besitzer des begehrten Statussymbols. Ebenso auffallend die zahllosen jungen Männer, die, anscheinend ohne feste Arbeit, den Vormittag gerne in den Cafés verbringen. Der Rest der Bevölkerung scheint beinahe ausschließlich im Handel tätig zu sein: vom Gemischtwarenladen über den mobilen Imbissstand bis hin zum Jugendlichen, der mit einer Personenwaage oder einigen Schuhkartons am Straßenrand geduldig der Kunden harrt. Auffallend ist auch der hohe Anteil an Gebrauchtwarenhändlern – von ganzen Garagen voller Schuhe aller Abnutzungsgrade – malerisch in Paaren aufgehängt – über Kleiderstände bis hin zu mehr oder minder betagten Elektronikartikeln spannt sich das Angebot. Dazwischen dann wieder mehr oder minder offensichtlich gefälschte Markenmode und Billigartikel aus asiatischer Produktion. Die  Nachfrage seitens der Einheimischen richtet sich jedoch eher auf Alltagsbedarf wie Grundnahrungsmittel; zwischen den Ständen mit Gemüse, Obst und allerlei Viktualien herrscht ein buntes Treiben und auch Trägerinnen traditioneller Kostüme sind unter den Marktfrauen mitunter zu erspähen. Weniger erbaulich ist der Anblick von in der prallen Sonne hängenden Fleischstücken von Schwein oder Hammel oder der von auf abgewetzten Planen ausgebreiteten Fische.

Neu gefundene Identität
Ein Ausflug in die nähere Umgebung Shkodras zeigt eine gänzlich andere Seite des albanischen Mikrokosmos. Nicht weit von der Stadt kann man auf einem Hügel die imposanten und weitläufigen Reste der mittelalterlichen Festung Rozafa besichtigen, die den Türken lange Widerstand leistete. An diesem pittoresken Ort hält unser Führer Dhimitër Doka, Professor für Geografie an der Universität Tirana, eine kurzgefasste Vorlesung in albanischer Geschichte. Die nationale Identität der Albaner stützt sich nach dem Vakuum des Postkommunismus auf zwei Säulen: Einerseits fühlt man sich als vom Volk der Illyrer abstammend, das in diesem Raum in vorchristlicher Zeit eine überregional wirkende Kultur hervorbrachte. Andererseits stößt man allerorten auf den überlebensgroßen Nationalhelden Skanderbeg, ein weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannter Volksheld, der im 15. Jahrhundert zahlreiche Siege über die vordringenden Türken erfocht. Das Original seines Helms – der ein fast allgegenwärtiges nationales Symbol darstellt – und sein Schwert sind übrigens in der Hofjagd- und Rüstkammer in der Wiener Neuen Burg zu besichtigen. Der türkische Einfluss lässt sich ebenfalls nicht verleugnen, stand doch das auf seine Eigenständigkeit stolze Volk der Skipetaren (von albanisch shqipe, wörtlich die »Adlersöhne«) trotz steter Widerständigkeit gegen jegliche Autorität jahrhundertelang unter zumindest formeller osmanischer Herrschaft. Ein Großteil der Bewohner hat sich in dieser Zeit zum Islam bekehrt und rund 60 Prozent der Bevölkerung bekennen sich heute offiziell dazu, wenn auch in einer wenig strikten Spielart, wovon nicht nur der auch sonst am Balkan übliche, hier allseits beliebte Raki-Konsum ein beredtes Zeugnis ablegt.

Mit Riesenschritten auf Europa zu
Eine eintägige Exkursion führt uns in die Hauptstadt Tirana. Hier werden die Veränderungen der letzten Jahre noch viel augenfälliger als in der nordalbanischen Provinz. Bei der Anfahrt säumen kilometerlang Gewerbezentren, Lagerhallen und auf die grüne Wiese gesetzte Privatuniversitäten den Straßenrand. Investitionen aus dem Ausland haben zumindest hier im Zentrum des Landes einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, der von den günstigen Arbeitskräften und den reichen Bodenschätzen des Landes – Albanien ist einer größten Exporteure von Chrom – profitiert. Haupthandelspartner ist nach wie vor Italien, das rund die Hälfte der Exporte abnimmt, ebenfalls wichtige Rollen spielen traditionell die Türkei und China. Im Großraum Tirana hat sich inzwischen ein ganzer Sektor von Dienstleistungsfirmen etabliert, die für italienische Auftraggeber arbeiten. Das hat auch viele Menschen in die Stadt gezogen, die sich in rapidem Wachstum seit 1990 auf über 750.000 Einwohner verdreifacht hat. Woran es mangelt, ist aber nach wie vor ausreichend Investitionskapital, und auch die Binnennachfrage schwächelt – kein Wunder bei Durchschnittsgehältern von etwa 300 Euro im Monat und hoher Arbeitslosigkeit. Für Abhilfe sorgen hier die vielen ausgewanderten Albaner, die mit Zahlungen aus dem Ausland ihre hiergebliebenen Familien unterstützen. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte fast eine Million Menschen dem Land den Rücken gekehrt und versucht, in Europa oder den USA ihr Glück zu machen, nicht selten mit Erfolg. Viele von ihnen kehren nun zurück, insbesondere aus Griechenland, wo vor der Krise rund 400.000 Albaner Arbeit gefunden hatten, die dort sonst keiner machen wollte.

Auf dem Weg zur Stabilität?
Während die Wirtschaft noch auf schwachen Beinen steht, scheint sich zumindest politisch die Situation nach turbulenten Zeiten in den neunziger Jahren und zu Beginn des Millenniums zu stabilisieren. Nach einer langjährigen konservativen Regierung befindet sich seit Herbst 2013 eine linke Koalition der Sozialisten, die keinerlei kommunistische Nostalgie pflegen, unter dem ehemaligen Tiranaer Bürgermeister Edi Rama am Ruder, der mit Kampf gegen Korruption und Baumafia für frischen Wind sorgt. Der Bruch mit den alten Machteliten und der positive Einfluss der zahlreichen westlich sozialisierten Rückkehrer geben der jungen Generation Hoffnung auf eine politische Zukunft in einem größeren Europa. Das wird auch bei einem Rundgang auf dem Campus der Universität Shkodra deutlich: Die vielen selbstbewusst gestylten jungen Frauen und Männer fallen durch ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse und starkes Engagement auf. Überhaupt genießt Bildung einen merklich hohen Status, wohl im Bewusstsein, dass nur mit ihrer Hilfe berufliches Weiterkommen und sozialer Aufstieg möglich sind. Bei allen zweifellos drängenden Problemen gewinnt man den Eindruck, dass dieses Land auf dem Weg in Richtung Europa weiter fortgeschritten ist als manche jener Länder, die schon zu den Mitgliedern der Europäischen Union zählen.

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Fazitreise, Fazit 103 (Juni 2014) – Foto: Dragan Tatic

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