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Zwischentöne aus Kornwall

| 24. November 2016 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 128, Fazitreise

Foto: Katharina Zimmermann

Eine Reise in den Südwesten Englands.

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Eine Reise durch den Südwesten Englands gleicht einem Märchen. Enge Küstenstraßen schlängeln sich um schroffe Felsen, während das Meer in hohen Wogen an die zerklüfteten Steine klopft. Die Szenerie wird durch einen stürmischen, drohenden Himmel ergänzt – eine Dramaturgie, durch die man gerne unterwegs ist, egal was der Wetterbericht sagt.

Kornwall ist Meer. Aber Kornwall ist noch mehr. Selbstgebackene Kleinigkeiten im herzallerliebsten Café um die Ecke oder eine Ansammlung an Menschen, die ihre Träume verwirklichen und sich nicht beirren lassen von gängigen Konventionen – sei es nun ein »Bed and Breakfast« auf Fünfsterneniveau wie das »Trevose Guesthouse« in der Künstlerenklave St. Ives oder eine Kaffeerösterei im kleinen Helford. Träume sind in Kornwall da, um gelebt zu werden. Am besten nachhaltig und mit vielen regionalen Zutaten dazwischen. Denn das sind die Eckpfeiler, die die Kornwall-Philosophie ausmachen.

Symphonie in blau-weiß
Wer schon beim Frühstück einen Gruß aus der Küche serviert, der spielt sich direkt in die Herzen der Reisenden. Außerdem hat der italienisch-holländische Import Angela Noverraz ein Händchen für Interieur, Zeitgeist und fürs Wohlfühlen bewiesen, denn Schwarz-weiß-Denken war gestern. Sie hat sich für maritimen Schick entschieden: »In St. Ives ist einfach alles blau-weiß, da habe ich mir gedacht, ich werde mich auch bei der Einrichtung von der Stadt inspirieren lassen,« sagt Noverraz, die Mann Olivier auf der Tourismusfachschule in Lausanne kennengelernt hat. Multikulti und weitgereist ist das Gastgeberpaar auf jeden Fall. Bei ihnen stimmt einfach alles vom persönlich getoasteten Frühstücksbrot bis zum Outfit, das Ton in Ton mit dem Ambiente spazieren geht. Richtig große Hotels hatten schon das Glück, die beiden zu ihren Mitarbeitern zu zählen – überall auf der Welt. Doch dann haben sie sich entschlossen, ihr eigenes Ding zu machen. Sicher war es ihnen bei dieser Entscheidung auch wichtig, dass ihre Kinder an einem guten Ort aufwachsen. So kam St. Ives ins Visier, ein alter Beherbergungsbetrieb, nah am Wasser gebaut, und schon war der Kopf voller Ideen. Alle Zimmer wurden neu gestaltet, bis auf die Außenwände blieben nicht viele Steine aufeinander. Dafür ist jetzt alles eine durchkomponierte Perfektion mit Fünfzigerjahrecharme und Liebe zum Detail auf jedem Quadratzentimeter. Wohlfühlen wird leichtgemacht, so umhegt und umpflegt, wie man hier wird. »Wir wollen, dass sich unsere Gäste so fühlen, als  wären sie in einem Fünfsternehotel, allerdings in ganz klein«, sagt Angela. Beide halten sehr viel von den regionalen Produkten, etwa lachen Polgoon-Fläschchen (kornisches Weingut) aus dem nahen Penzance aus der Minibar, und bis zur Orangenmarmelade ist alles Mögliche hausgemacht.

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Der findige Leser ahnt es bereits: In Kornwall ist das Essen gut. Das glauben vor der ersten Kornwall-Begegnung nur die wenigsten. Doch treffen auch Weitgereiste selten so phantasievolle und mannigfaltige Küche an. Selbst die Speisekarte in den Pubs – die womöglich nach außen hin wie nichts Spektakuläres aussehen – hat Überraschungseffekte. Meeresfrüchte, der »Catch of the Day« also der Fang des Tages und regionale Kreationen stehen kreideweiß auf schwarzen Schiefertafeln und machen die Auswahl tatsächlich zu einer schwierigen Aufgabenstellung. Zum Glück sind die Urlaubstage zwar gezählt, aber doch in Pluralform und so gibt es ja mehrere Möglichkeiten, um sich durch das Speisenangebot zu kosten. Makrelen, Krabben, Muscheln und Konsorten in allen Farben, Variationen und Arten dominieren die Menus als Vorspeise und Hauptspeise gemischt mit allerlei Internationalem oder ganz frech einfach mit ein paar am Strand gesammelten Gewürzen aufgepeppt. So machen es die kornischen Köche. Und fahren damit ganz gut. Von den »Baked Eggs« (eine Art Spiegeleier) im »Scarlet« zum Frühstück, über den »Pulled Pork Burger« (Burger mit Schweinefleisch von Schulter oder Nacken) zum Mittagessen in der »Canteen« bis zu geschmortem »Pork Belly« (Schweinebauch) im »The Plough« kann man sich durch Kornwall kosten und dabei wird es einem ganz warm ums Herz. Mittlerweile gehören Speisen wie die Thaimuscheln im ehemaligen Bootshaus »Sam’s on the Beach«, die fischigen Vorspeisenvarianten im »Onshore« an der Promenade von St. Ives beziehungsweise die selbst gewählten Baukastenkombinationen aus Beilagen sowie Fisch und Fleisch im »Sea Food Café« zu den Klassikern im Südwesten.

Gelebte Teekultur
Tee ist nicht gleich Tee – vor allem kann man das, was man in unseren Breitengraden macht, nicht mit dem vergleichen, was in England Tradition hat: In Kornwall wird generell »Cream Tea« getrunken, also eine Kanne auf den Punkt gezogenen Schwarztee, zwei flaumige »Scones« (Buttergebäck) samt Erdbeermarmelade und »Clotted Cream« (Streichrahm) mit ein. Nicht erst nach dem »Brexit« scheiden sich die Teegeister zwischen Inselbewohnern und den »Continentals«, wie sie uns liebevoll nennen. Julie Tamblyn von der »Botelet Farm« nahe Liskeard bietet ihren Gästen aus dem B&B gerne Tee an, allerdings wählt sie metaphorisch Samthandschuhe, um ihn zu servieren. Zuerst stellt sie die differenzierte Frage, welcher Schwarztee für gewöhnlich um diese Tageszeit bevorzugt getrunken wird. Eine Fragestellung, die Mitteleuropäer eventuell in Verlegenheit bringen könnte und mit einem klassischen Darjeeling in der wollbekleideten Teekanne endet. Dazu serviert sie pflichtbewusst gleich zusätzlich Wasser, mit dem der »wahrscheinlich zu starke« Tee milder gemacht werden kann. Milch gab’s natürlich auch. Danach ufert die Teediskussion aus. Gleich über den ganzen Ärmelkanal ergießt sie sich.

Strand wie gemalt
In Kornwall gibt es gefühlt eine Million Strände. Von klein bis groß, von überbevölkert bis komplett einsam. Und je näher man der Nebensaison kommt, desto leerer und lebenswerter werden sie. Ein besonders pittoreskes Beispiel hält sich in der Nähe des kleinen Fischerdörfchens Polperro auf und trägt den klingenden Namen Lansallos. Im kleinen Ort lässt sich wie so oft nicht erahnen, dass hier ein kleines Paradies lauert. Doch das Auto ist schnell am National-Trust-Parkplatz geparkt und die Viertelstunde Fußmarsch über einen überwucherten Pfad gestaltet sich kurzweilig. Nach einem Campingplatz, der Himmel hat sich bereits rosarot gefärbt, eröffnet sich die Weite des Meeres und der Strand wird sichtbar. Eingerahmt in dunkle Felsen und mit einem kleinen, steinernen Höcker zum Erklimmen, ist Lansallos ein einzigartiges Ensemble, das es einem schwer macht, ihm wieder den Rücken zuzudrehen, auch wenn ein warmes Abendessen auf den Wanderer wartet. Für einen kurzen Moment vergisst man Raum und Zeit, Ärgernis sowie Alltag und sogar das Denken selbst. Steht nur da, eins mit der Natur, im Ohr das rauschende Meer. Groß ist die Verlockung, mit Sack und Pack den berühmtesten Wanderweg Kornwalls abzugehen – den »South West Coast Path«, der sich komplett um die Region herumlegt und der Reise somit noch einige Wochen anzuhängen.

Weitere Informationen
Kornwall (Cornwall) liegt im Südwesten Englands und ist vom Atlantik, der keltischen See und dem Ärmelkanal umspült. Da es das ganze Jahr über milde Temperaturen hat, eignet sich die Grafschaft besonders gut zum Wandern. Beliebt sind vor allem der South West Coast Path, der Saints’ Way und der St. Michael’s Way. Zur Zerstreuung dienen zum Beispiel die Hauptstadt Truro, das Feinschmecker-Mekka Padstow, die Seglerstadt Fowey oder die Künstlerstadt St. Ives. Zur Unterkunft nimmt man sich am besten ein Bed & Breakfast oder fährt gleich mit dem Campingwagen oder dem Zelt hin. Denn in Cornwall ist’s gut campen. Surftipps visitbritain.com, visitcornwall.com, urlaubcornwall.de

Beschriebene Lokale
scarlet-wines.co.uk, fb.com/makercanteen, ploughduloe.co.uk,
samscornwall.co.uk, onshore-stives.co.uk, seafoodcafe.co.uk,
botelet.com

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Fazitreise, Fazit 128 (Dezember 2016) – Foto: Katharina Zimmermann

 
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