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Effektives Streiten statt Kuscheln

| 27. April 2017 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 132, Serie »Erfolg braucht Führung«

Illustration: Fazit

Von der Pseudoharmonie hin zur produktiven Kooperation Haben Sie in Ihrer Buchhaltung eine eigene Kontenklasse für Konfliktkosten? Zeigt Ihre Gewinn- und Verlustrechnung, wie viel Sie in nicht effektiv ausgetragene oder verdrängte Konflikte bzw. Harmoniesucht investiert haben?

::: Text von Carola Payer
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Berechnet Ihre Controlling-Abteilung die Opportunitätskosten für Kommunikation über Dritte, statt direkter Klärung von Spannungen? Nein? Dann sollten Sie Ihre Unternehmenskultur zumindest auf die »Kompetenzen der positiven Reibung« oder die Tendenz zur Harmoniesucht überprüfen.

Fehlen von Kritik
Führungskräfte, die auf Harmonie achten, sind charmant, freundlich, loyal und beliebt. Sie sorgen für ein gutes Betriebs- oder Teamklima, loben ihre Mitarbeiter und haben immer ein offenes Ohr und eine offene Tür. Mitarbeiter werden nicht nur als Ressource betrachtet, sondern der Mensch dahinter wird wahrgenommen. Lauter gute Qualitäten, die dazu beitragen, dass Mitarbeiter sich gut aufgehoben fühlen. Dominiert jedoch die Harmonie, artet diese zur Harmoniesucht aus. Harmoniesüchtige Führungskräfte vermeiden es, unangenehme Dinge anzusprechen. Sie wollen um keinen Preis jemanden verletzten und beliebt bleiben. Die Konsequenzen daraus sind fehlendes kritisches Feedback oder »schwammig« formulierte Rückmeldungen mit vielen Weichmachern: »Wären Sie so lieb, … vielleicht könnten Sie mal, ich bin total zufrieden mit ihnen, aber da wäre vielleicht noch ein klein wenig …« Menschen mit zu hoher Toleranz akzeptieren von den Erwartungen abweichende Verhaltensweisen zu lange und fördern damit die Weiterentwicklung von Eigenheiten und destruktiven Kooperationsmustern. Schwierige Mitarbeiter in einem Team werden oft von Führungskräften durch fehlende klare Führungshandlungen »mitkonstruiert«. Harmoniesucht macht sich ebenso bemerkbar in nicht getroffenen oder hinausgeschobenen Entscheidungen. Klare Positionierung zu einem Standpunkt bietet eine Angriffsfläche. Konfrontationen werden vermieden, Graubereiche werden aufrechterhalten. Mitarbeiter leiden dann unter fehlender Klarheit in ihrem Wirkungsbereich. In Besprechungen herrscht die Suche nach Konsens oder das Zurückhalten der eigenen Meinung vor. Unterschiedliche Sichtweisen werden als unangenehm empfunden oder als Konflikt interpretiert. Die offene Tür führt dazu, dass Mitarbeiter diese zu oft nutzen, was bei der Führungskraft zu Überlastung und bei Mitarbeitern zu geringerer Selbstständigkeit führt. Helfen wollen führt zu Abhängigkeitsverhältnissen. Mitarbeiter nutzen diesen Wunsch nach positiven Beziehungen, um für sich Vorteile durchzusetzen. Fehlende positive Dominanz der Führungskraft wird oft mit negativer Aggression im Team ausgeglichen. Fehlende Entscheidungsfähigkeit wird als Führungsschwäche gesehen.

Harmonisches Verhalten von Führungskräften ist keine bewusste Führungshandlung, sondern wird unbewusst von den eigenen inneren Antreibern nach Sicherheit, Harmonie, fehlendem Selbstbewusstsein, Angst vor Ablehnung, Wunsch nach Zugehörigkeit, Anlagen zum Helfersyndrom und Anerkennung verursacht. Erkennen der eigenen Muster hilft zu einem klareren Führungsstil. Gute Beziehungen zu den Mitarbeitern brauchen Augenhöhe und Reibung und dürfen nicht von der Angst vor offener Kritik dominiert werden. Kritik ist nicht negativ, sondern eine Chance. Der eigene Selbstwert muss stabilisiert werden und darf nicht von der Sympathie der Mitarbeiter abhängen.

Die Kuschelgruppe. Harmoniesucht in Teams
Teamfähigkeit und Kollegialität sind wesentliche Spielregeln in Teams. Jedoch sollte das nicht zu Dauer-Konformismus und Konfliktscheue führen. Wie viel Harmonie ist gut und wann wird sie zum Hemmschuh? Produktive Teams zeichnen sich dadurch aus, verschiedene Sichtweisen aufs Tablett zu bringen und konträre Aussagen lustvoll zu diskutieren. Die Zuspitzung von Standpunkten wird zugelassen. Harmoniesüchtige Teammitglieder erleben eine andere Sichtweise oft als Angriff auf die eigene Idee und nehmen das persönlich. Produktive Teams achten bei konfliktträchtigen Ansätzen, ob diese der Sache, dem Projekt oder dem Kunden dienen. Falsche Entscheidungen werden als Experiment betrachtet und es wird schnell ein neuer Weg gesucht.

Harmoniesüchtige Teams achten darauf, was richtig oder falsch ist. Die Angst vor Fehlern ist groß, da sie dem eigenen Image und der Beliebtheit schaden können. Produktive Teams sind offen für Feedback und sehen es als Entwicklungschance. Harmoniesüchtige Teams vermeiden offen Kritik, lieben die Meinungsmonokultur und wurschteln lieber weiter, statt direkt nachzufragen. Mauscheln, jammern, mobben, verdrängen, subtile verdeckte Machtkämpfe ersetzen klare Auseinandersetzung bei persönlichen Problemen. Kleine Konflikte können über die Zeit zu Konfliktbomben werden. Oberflächliches »Wir schätzen uns alle« verhindert wahre Wertschätzung der Stärken und Schwächen jedes Einzelnen. Schönreden von Situationen ist eine beliebte Strategie.

In Summe führt Harmoniesucht zu fehlender Klarheit, Missverständnissen und dem Auftrechterhalten von Konflikten. Der reduzierte Meinungsaustausch geht auf Kosten der Kreativität. Kulturelle Gärprozesse und Umgehungstaktiken statt Konfliktlösung werden initiiert. Effektive und effiziente Kooperation ist dadurch gefährdet und kostet Energie, Nerven und Geld. »Wo alle gleich denken, denkt keiner mehr viel.« Bedenken Sie das bei Ihrer nächsten Bilanz.

Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

 

 

 

Fazit 132 (Mai 2017), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 3)

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