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Vom Baum zum Buch

| 26. Juli 2018 | Keine Kommentare
Kategorie: Da Wanko, Fazit 145

Foto: Martin G. Wanko

Wenn mir nichts zu tun einfällt, gehe ich meistens shoppen. Das klingt jetzt ziemlich blöd, ist aber die totale Wahrheit. Als meine Tochter noch klein war und ich keine Lust hatte, mit ihr etwas zu unternehmen, ging ich mit ihr shoppen. Kein Shoppingcenter war vor uns sicher, keine Fußgängerzone hatten wir ausgelassen.

::: Text von Martin G. Wanko [Hier im Printlayout lesen.]

Natürlich kauften wir auch Schrott, aber meistens waren doch einige Überlegungen dabei. In München auf einem Markt machten wir zum Beispiel eine verrückte Entdeckung. Hier gab es Plastikpuppen, halb so groß wie die Barbies von Mattel, mit denen man Situationen nachspielen konnte: Für Zartbesaitete war das »Jesus Christ X Mas Set« gedacht, hier lag Jesus in der Krippe, um ihn herum die Heiligen Drei Könige und die restliche Truppe. Die Figuren konnten herumgestellt werden, nur der kleine Jesus in der Grippe musste im Zentrum bleiben. Er kam mir ein bisserl dunkel vor, war vielleicht auch ein Fabrikationsfehler, wenn ich mir hier den hellen Jesus aller Kirchengemälde vorstelle. Tochter Clarissa entschied sich dann jedoch doch für das »Herodes Set«. Leider geil! Zum Nachspielen war die Oster-Situation, wo es mit unserem Jesus nicht gut ausging. Ich fragte sie, warum das so sei, und sie antwortete mir in ihrer kindlichen Unschuld »Weil da was los ist!«

Aber so ganz allgemein: im Prinzip ging es eher darum, das Spiel zu erwerben, also um den Adrenalinanstieg. Dass solche Aktionen durchaus nicht in der Katastrophe enden müssen zeigt, dass meine Tochter jetzt nicht schlimmer auf dem Shoppingtrip ist als andere in ihrem Alter, vielleicht sogar etwas weniger. Sie wirkt eigentlich sehr entspannt, wenn es um den Erwerb von Gütern geht. Die ausgedehntesten Shoppingtrips unternahmen wir immer im Sommer, weil hier die Tage sehr lang waren und die neun Wochen Ferien ja auch einmal angefüllt werden mussten. Dazu muss man sagen, das war ein Ausgleich zu einem sehr intensiven Programm. Das, was ich jedoch zurzeit sehr oft sehe, sind Großeltern, die mit ihren Enkelkindern ins Einkaufszentrum fahren, so auf Nachmittagsbeschäftigung. Trotz unserer Ausflüge in die Shoppingwelt gefällt mir das nicht. Also liebe Großeltern, geht mit euren Enkeln bitte in die Natur. Die Eltern machen das eh viel zu wenig, jetzt seid bitte so gescheit und springt für sie ein.

Jetzt kann man natürlich sagen, wenigstens sind die Kids nicht nur in der virtuellen Welt, sondern sie sind zumindest in einem Einkaufszentrum unterwegs. Ja schon, aber was wurde eigentlich aus der weltberühmten G’stättn? Die gibt es noch! Jetzt nicht mehr so oft wie früher, in Wohnbezirken wie Geidorf glaubt man schon, dass es sie niemals gegeben habe, so verbaut ist die schon, aber bereits an der Mur-Böschung fängt der Spaß an. Hingehen und anschauen, wird einen schon kein Huchen anknabbern und auch sonst: Natürlich aufpassen, aber an was erinnern sich Kinder am ehesten als an Abenteuer?

Der Plan müsste jener sein: Entweder müssen Kinder hinaus in die Natur, um etwas zu unternehmen, oder sie werden genötigt, zu Hause ein Buch zu lesen. Also so etwas Echtes mit Seiten aus Papier und so weiter. In dem Moment wird das Kind nicht lange zögern und in die Natur abhauen, weil lesen, ausgerechnet lesen, wird sich das Kind denken, die Alten spinnen ja, und dann noch dazu ein Buch, hey bitte, da bewegt sich ja nicht einmal etwas drinnen – und wie sich da etwas bewegen kann und ganz viel bewegen, nämlich in den Köpfen! Hat ja schon ein gewisser André Heller gesungen, die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo. Das sind dann also die wirklich wilden und spannenden Kids, die freiwillig ein Buch lesen und sich zurückziehen. Die brauchen wir in Zukunft nämlich ebenso wie die Baumkraxler und Kletterfritzen. Das geht auch mit Oldschool-Büchern wie »Fünf Freunde«, von mir aus auch mit dem Brezina, den ich nie ausstehen konnte, aber bitte, ich bin ja tolerant. Geben Sie ihren Kindern so ein altes, abgegriffenes Buch, das schon Sie in der Hand hielten. Das hat etwas Magisches. Vor allem der Moment, in dem das Kind verstummt, in die Geschichte versinkt und nicht mehr aufhören will zu lesen. Dann haben Sie nämlich etwas geschafft und ihr Kind wird Ihnen ein Leben lang dankbar sein: Es hat gerade gelernt, sich einer Geschichte zu öffnen, dem erzählten Wort. Und das ist gut so. Ihr werter G Punkt.

Martin G. Wanko (48) ist Schriftsteller und Journalist. m-wanko.at

Da Wanko, Fazit 145 (August 2018), Foto: Martin G. Wanko

 
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