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Frauen in der Technik

| 9. Juli 2019 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 154, Serie »Erfolg braucht Führung«

Wie Kopfkino Erfolg hemmt. Ein Interview von Carola Payer mit Renate Frank, Geschäftsführerin der Zentren für Ausbildungs-Management Steiermark.

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Wenn ich Überraschungseier kaufe, bin ich immer wieder verwundert, dass es noch eigene Überraschungseier für Mädchen gibt. Als Inhalt findet man hier selten eine technische Herausforderung oder technische Objekte, sondern Glitzerringe, Bärlis, Zauberfeen. Was diese speziell für Mädchen angebotenen Überraschungseier von den »normalen« unterscheidet. Auch Renate Frank bestätigt: »Es werden immer noch zu viele gesellschaftliche Bilder geschaffen, dass Frauen mit Technik nichts am Hut haben.« Sie werden immer noch mit Bildern »beliefert«: »Frauen sind in Mathematik schlecht.« »Nur wenn man Mathe kann, kann man Technikerin werden.« »Ein Beruf in der Technik ist zu schwer für Frauen.« Auch das experimentelle Probierfeld fehlt oft. Mädchen bekommen seltener Lego-Technik geschenkt als Buben. Handwerkliches fehlt in Kindergarteneinrichtungen, Schulen und in der Freizeitbeschäftigung. Klassische Rollenteilung bei den Eltern hat ebenfalls Einfluss: Papa repariert das Rad, Mama kocht und tröstet die Kinder.

Technik wird männlich und rigid dargestellt
Bei technischen Berufen wird zu sehr der rationale, logische, rigide Anteil dargestellt. Die beziehungsorientierten, prozessorientierten, organisatorischen Anteile werden weniger »verkauft«. Frauen haben ein hohes Anliegen, einen sozialen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, und sehen daher in anderen Berufsfeldern mehr die Möglichkeit sich auszuleben. Renate Frank nennt ein Beispiel: »Wenn wir einen Kurs zur Mechatronikerin ausschreiben, haben wir weniger Anmeldungen, als wenn wir den Kurs »Medizintechnik« nennen. Eine reine mechanistische Betrachtung einer Sache spricht Frauen anscheinend weniger an, als wenn sie einen Bezug zum Umfeld, wo die Technik Nutzen bringt, hat. Der medizinische Bereich und die IT-Branche, insbesondere die Softwarebereiche, ziehen Frauen intensiver an. Die zam Steiermark GmbH arbeitet im Auftrag des AMS Steiermark und des Landes Steiermark zur Förderung der beruflichen Chancen von Frauen in der Arbeitswelt. Immer mehr wird das Schaffen einer Basis, dass Frauen selbstverständlicher in technische Berufe gehen, zu einem Wettbewerbsfaktor auch in steirischen Regionen. zam Steiermark stellt mit 14 Regionalstellen das Ausbildungsmanagement für Frauen und Unternehmen flächendeckend in der gesamten Steiermark zur Verfügung. Oberstes Ziel der Zam-Steiermark ist es, bedarfsgerechte Lösungen für ausbildungsinteressierte Frauen und Unternehmen mit Personalbedarf zu entwickeln und gleichzeitig die Chancengleichheit von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt im Auge zu behalten.

Daher ist das Thema »Frauen in die Technik« für Zam auch eine tagtägliche Herausforderung. Weil Betriebe massiv nach Fachkräften im technischen Bereich suchen und laut Renate Frank »immer mehr erkennen, dass der Arbeitsmarkt an weiblichen Personalressourcen genutzt werden muss. Der Fachkräftemangel zwingt sie dazu.« Der Leidensdruck führt zu mehr Offenheit durch die Betriebe. Renate Frank: »Man besinnt sich plötzlich auf 50 Prozent des restlichen Arbeitsmarktes.«

Experimentieren ist wichtig
Renate Frank: »Wir sind überzeugt davon, dass jede Frau was Technisches kann. Wir erarbeiten mit den Frauen eine Technische Kompetenzbilanz. Wir schaffen Labors zum Löten, Bohren, Schweißen usw., wo sie probieren können. Damit steigen das Selbstbewusstsein und das Zutrauen. Durch die fehlende Erfahrung glauben viele Frauen erst durch das Experimentieren, dass sie wirklich dazu fähig sind. Wir loten sowohl Fähigkeiten und Talente aus als auch, welche Fertigkeiten man erwerben kann, um technisch zu arbeiten.« Man eröffnet hier die Möglichkeit, dass Frauen einen technischen Schauplatz auch realer als ihre Vision und ihren Karriereweg sehen. Berufsfelder, die vorher eventuell gar nicht wahrgenommen und schon gar nicht für einen selbst in Betracht gezogen wurden, werden plötzlich interessant. Zam hat ganz spezielle Programme für Frauen in Handwerk und Technik.

Positive Erfahrungen von Unternehmen mit Technikerinnen
Renate Frank: »Wenn ein Unternehmer sich auf eine Frau einlässt, erkennen diese, dass Frauen viel wissbegieriger, neugieriger und genauer sind. Auch die Kommunikationsfähigkeiten und die Integrität stechen hervor. Unternehmen sagen, wenn Frauen gut ausgebildet sind, gibt es keinen Unterschied zu Männern.« Die Fach- und Methodenkompetenz bestimmt das Potenzial und nicht das Geschlecht. Renate Frank: »In der Anfangsphase müssen sich Frauen oft mehr behaupten. Es gibt immer eine spannende Probe- und Checkphase. Danach sind sie gleichgestellt. Unternehmer sind auch stolz und vermarkten, dass Frauen in der Technik beschäftigt sind.« Renate Frank: »Trotzdem gibt es immer noch viele Vorurteile, weil Betrieben oft noch die Erfahrungen mit Frauen fehlt. Spannend ist zu beobachten, dass wenn zwei Frauen in einer Abteilung sind, plötzlich das Umfeld auch »frauengerechter« wird. Große Unternehmen haben schon tolle Programme, mit Infotagen für Frauen und Mädchen, Betriebsführungen und Mentoringprogrammen. Auch wenn die Bereitschaft dazu eventuell aus der Not heraus passiert.« In der Öffentlichkeit bringen solche Maßnahmen Unternehmen auch ein gutes Image und es trägt zum Employer Branding bei.« Für Zam ist es eine große Herausforderung, bei der Vermittlung von bereits ausgebildeten Frauen in potentiellen Betrieben eine Person zu finden, die zuhört, offen ist und den Mut hat, das erste Experiment mit einer Frau zu machen. Zam vermittelt Frauen sowohl an Kleinstunternehmen als auch an Großunternehmen.

In der Elternarbeit und im Bildungssystem ansetzen
Um Frauen technische Berufe zu ermöglichen und schmackhaft zu machen, müssen wir gesellschaftlich natürlich viel früher anfangen. Elternarbeit, die Potenziale von Kindern und nicht geschlechtsspezifische Stereotype zu fördern, ist notwendig. Wir brauchen ein Bildungssystem, wo Lehrende ebenfalls Potenziale sichtbar machen und fördern und nicht Bilder verbreiten, dass Frauen nicht für technische Berufe geeignet sind. Renate Frank: »Es fehlt einfach massiv das Probierenkönnen. Es braucht mehr Motivation und Engagement von den Lehrenden.«

Die Zukunft ist überreif für Frauen in der Technik
Renate Frank: »Die Zukunft ist technisch. Die Zeit ist mehr als reif für mehr Frauen in der Technik. Daher werden wir weiter tagtäglich das Selbstbewusstsein von Frauen stärken, Kompetenzen sichtbar machen, motivieren und das Mindset der Frauen und Betriebe dafür öffnen. Wir müssen immer am Puls der Zeit sein: Was ist gerade gefragt in Unternehmen? Geeignete Ausbildungsprogramme müssen flexibel initiiert werden. Kooperationen mit Unternehmen für die Nutzung von Anlagen, Geräten ist wesentlich. Es ist mein Herzenswunsch, dass Unternehmen den Frauen Herz und Türen öffnen!« Unser Fazit: Die Technikerin als Selbstverständlichkeit hat noch viel Luft nach oben!

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 154 (Juli 2019), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 24)

 
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