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Neues Leben im gelobten Land

| 20. Januar 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 159, Fazitreise

Foto: Fazit

Es gibt Orte, die kennt man aus Liedern und Filmen, doch auf den ersten Blick finden sich kaum Gründe, dorthin zu fahren. Bei Lodz lohnt sich der zweite Blick. Polens drittgrößte Metropole erlebt einen unglaublichen Boom. Herzstück dieser Renaissance sind die wiederbelebten Industriedenkmäler des 19. Jahrhunderts.

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Zur Vorbereitung des Dreitagestrips in die Industriestadt Lodz gehörte es, neben der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten auch nach dem Hauptgrund für die Bekanntheit der Stadt in Österreich und Deutschland zu googeln; Also nach Viki Leandros und ihrem Schlager »Theo, wir fahr’n nach Lodz!«

Das Liedchen erschien vor 45 Jahren bei »Philips Records« und schaffte es als Sommerhit des Jahres 1974 sogar an die Spitze der deutschen Single-Charts. Das Motiv für den Song lieferte ausgerechnet die ORF-Serie »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« mit Fritz Muliar in der Hauptrolle. Dort wurde ein Jahrhunderte alter Gassenhauer wiederbelebt, der 1915 vom Wiener Operettenkomponisten Fritz Löhner-Beda mit dem Text »Rosa, wir fahr’n nach Lodz« versehen wurde. Mit Rosa war jedoch keine polnische Schönheit, sondern ein 30,5-cm Mörser der k. u. k. Armee gemeint, mit dem der österreichische Soldat Franzl das seit dem Wiener Kongress vom zaristischen Russland besetzte Zentralpolen heimsuchen wollte, um die Russen zu vertreiben. Der griechische Komponist Leo Leandros war von der Melodie fasziniert und machte aus dem Soldatenlied, das ursprünglich auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgeht, einen Hit für seine Tochter Viki. Den Text ließ er entsprechend adaptieren.

Deutsche gegen Russen
Tatsächlich gab es im Ersten Weltkrieg eine heftig geführte »Schlacht um Lodz«. Dort kämpften aber keine Österreicher, sondern die kaiserliche deutsche Armee gegen die Russen. Der deutsche Heerführer Ludendorff wollte nach dem Sieg bei Tannenberg die Zarenarmeen von einem Angriff auf Niederschlesien abhalten. Obwohl Ludendorff Lodz nicht einnehmen konnte, waren die Russen so geschwächt, dass sie Niederschlesien nicht angreifen konnten. Die Schlacht endete also unentschieden. Ludendorff vermarktete den verlustreichen Kampf dennoch als großen Sieg. Und sowohl der deutschen als auch der k. u. k Propaganda gelang es, mit Hilfe von Ludendorffs Übertreibungen, den Krieg bei der Bevölkerung populär zu halten. In Lodz war hingegen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eine andere Version des uralten Liedes bekannt geworden. Dort entstand ein Text, der sich auf den unglaublich raschen industriellen Aufschwung der Stadt bezog. Die Juden von Lodz sangen nämlich spöttisch »Itzek, komm mit nach Lodz«. Sie setzten Lodz dabei ironisch mit dem gelobten Land gleich. Mit der zweiten polnischen Teilung im Zuge der Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen wurde nämlich eine Zollgrenze zwischen Deutschland und Polen eingeführt, mit der die Russen verhinderten, dass ihr Besatzungsgebiet mit billigen frühindustriell gefertigten englischen und deutschen Waren überschwemmt wird.
Daher taten die russischen Besatzer alles Nötige, um in Lodz eine eigene Textilindustrie zu schaffen. Dabei kamen sie ansiedlungswilligen ausländischen Gründern extrem entgegen. Seit 1823 siedelten sich daher deutsche Tuchmacher, Weber, Spinner und Färber in der Stadt an. 1790 lebten in Lodz gerade einmal 200 Menschen. 1840 waren es bereits 50.000 und um 1900 etwa 500.000. Heute sind es übrigens knapp 700.000. Im Jahr 1904 gab es 546 Fabriken in der Stadt, die 70.000 Arbeiter, vor allem in der Textilindustrie, beschäftigten.

Gelobtes Land
Die Gegend um Lodz galt bald in ganz Osteuropa als gelobtes Land. Die Bewohner wurden ehrfurchtsvoll als »Lodzermenschen« bezeichnet. Damit meinte man einen Menschenschlag, der sich mit Fleiß und Einfallsreichtum dem Geldverdienen verschrieben hatte und der, egal ob als Angestellter oder als Unternehmer, alles daran setzte, die sich ihm bietenden Chancen zu nützen.

Nach dem Ersten Weltkrieg brach der wichtige russische Markt weg. In der 1918 neu gegründeten Zweiten Polnischen Republik begann der industrielle Wiederaufbau. Im Zweiten Weltkrieg fiel die Stadt kampflos an das Dritte Reich. Die SS errichtete inmitten von Lodz das gefürchtete jüdische Ghetto von Litzmannstadt, in dem bis zum Einmarsch der Roten Armee im Jänner 1945 an die 45.000 Menschen qualvoll starben.

Regierungssitz
Nach dem Krieg war Lodz bis 1948 polnischer Regierungssitz, weil es im Gegensatz zum zerstörten Warschau weitgehend intakt geblieben war. Ebenfalls 1948 wurde die Filmhochschule Lodz gegründet. Die Stadt entwickelte sich zum Zentrum der polnischen Filmindustrie mit prominenten Absolventen wie Roman Polanski oder Andrzej Wajda. Wajda drehte in Lodz im Jahr 1974 sein Meisterwerk »Das gelobte Land«, das den industriellen Aufstieg der Stadt sowie die unterschiedlichen Kulturkreise, die damals in Lodz existierten und wirtschaftlich miteinander konkurrierten, thematisiert. Deutsche, jüdische und polnische Fabrikanten standen unter russischer Herrschaft im harten Wettbewerb. Der Filmklassiker zeigt die sozialen Konflikte und Gegensätze im Frühkapitalismus. Während die Fabrikanten in Luxus schwelgen, leben die Fabrikarbeiter in Armut. Einziges Motiv für die Fabrikanten ist die Vermehrung ihres Gewinnes und die Repräsentation des eigenen Vermögens.

 

Was man in Lodz
gesehen haben muss

Lodz ist eine Industriestadt. Während Krakau, Breslau oder Danzig mit ihren mittelalterlichen Stadtkernen punkten, sind es in Lodz die riesigen kreativ revitalisierten Backsteinbauten der ehemaligen Textilfabriken, die jeden Besucher in ihren Bann ziehen.

Die Pfaffenmühle »Ksiezy Mlyn«
Die Pfaffenmühle ist die ehemalige Fabrik des Textilindustriellen Karl Scheibler. Sehenswert sind nicht nur Scheibler-Villa, sondern auch die von zahlreichen jungen Gründern wiederbelebten ehemaligen Industriehallen und Arbeiterunterkünfte.

Die Manufaktura
Die Baumwollspinnerei mit der berühmten Werkspforte zum einstigen Fabrikgelände des jüdischen Unternehmers Izrael Poznanski war eine der größten ihrer Art weltweit. Heute beherbergen die Backsteinbauten die größte Shopping-Mall Polens, viele Restaurants, mehrere Museen und ein Luxushotel.

Piotrkowska-Straße
Die vier Kilometer lange Piotrkowska-Straße ist der Prachtboulevard der Stadt. Wer es von den »Lodzermenschen« geschafft hatte, konnte man an dessen Palais in der Piotrkowska-Straße erkennen. Seit 1990 wurde die heutige Flaniermeile zu einer der längsten Fußgängerzonen Europas umgestaltet. Hier finden sich zahlreiche Geschäfte und Restaurants.

Der Poznanski-Palast
Der ehemalige Palast von Izrael Poznanski liegt nicht in der Piotrkowska-Straße, sondern unmittelbar neben der heutigen Manufaktura und beherbergt das Museum für Stadtgeschichte. Im Seitenflügel wird eine sehenswerte Ausstellung über den in Lodz geborenen Komponisten Arthur Rubinstein gezeigt.

Das EC1-Kulturzentrum in einem ehemaligen Kraftwerk
Mitten in der Stadt wurde ein ehemaliges Kohlekraftwerk zu einem riesigen Kultur- und Veranstaltungszentrum umgebaut. Sehenswert sind das Schaukraftwerk, ein Planetarium sowie ein Comic-Museum und ein Filmmuseum.

Das Marek-Edelmann-Dialog-Zentrum
Zum Gedenken an die NS-Gräuel im jüdischen Ghetto von Lodz wurde das Marek-Edelman-Dialog-Zentrum errichtet. Dort sind nicht nur die Vorkommnisse im »Ghetto Litzmannstadt« dokumentiert, sondern auch die multikulturelle Geschichte von Lodz. Marek Edelmann war der Anführer des jüdischen Aufstands in Warschau. Nach dem Krieg arbeitete er in Lodz als Kardiologe.

Fazitreise, Fazit 159 (Jänner 2020), Foto: Fazit

 
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