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Von »No Future« bis »Friday for Future«

| 20. Januar 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Da Wanko, Fazit 159

Foto: Martin G. Wanko

Als ich noch in die Oberstufe ging, hatte ich die Möglichkeit, öfters mit der Swiss Air oder mit der Aua, beide noch unabhängig und nicht pleite, nach Zürich zu fliegen und zurück. Das war zwar ziemlich fad, weil Zürich für einen jungen Menschen stockkonservativ war und ich von Zürich auch gleich weitermusste, aber es geht ja ums Fliegen und das war eigentlich klasse. Raucherabteil und gratis Gluckern, so viel man will, und so nebenbei in einer fernen Stadt anzukommen, das muss für heute junge Menschen sehr verstörend klingen. Ein Teil vom Paradies?

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Einige Jahre später, wurde ich als Freiberufler regelmäßig mit dem Flieger herumgeschickt, da es die Zeit war, als die Ryanair mit ihren günstigen Flügen die Flugwelt revolutionierte. Das war auf den Flughäfen einfach ein lässiges Gefühl, mit einem Laptop bewaffnet in einem Café abzuhängen und zu warten, bis der Flieger kommt, abzuheben und eben auch bald wo anders das Leben zu spüren. In dieser Zeit ging ziemlich viel weiter. Der Computer hatte die Schreibmaschine abgelöst und das Internet war noch eher frei als beschränkt. Soziale Netzwerke gab es noch keine, aber es lag alles in der Luft. Man war sich damals so sicher, mit allem, was man tat, auf der richtigen Seite zu stehen, das ist eh immer ein Privileg der Jugend, aber es war wunderbar.

Und heute? Nicht mehr fliegen, Autostoppen ist zu gefährlich, Flixbus geht gerade noch, Bahn eh auch, aber am ehesten mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sein. Am besten gar nicht unterwegs sein, und wenn, dann nur auf die Demo, denn der Konsum ist so und so böse, ist ja die Triebfeder des Kapitalismus. Ja eh, wann soll man das sonst ausleben, als in der Jugend? Ist ja auch verständlich, man muss nicht jede Strecke mit dem Auto zurücklegen und Familien mit drei Autos hat es früher auch nicht gegeben. Ja, aber wir in den Neunzehnneunziger- und in den Zweitausenderjahren haben noch fremde Kulturen kennenlernen dürfen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Auch wenn man nur zum Spaß wo hin ist, hat man ziemlich viel von dort mitgenommen und ist so einmal ein weltoffenes Individuum geworden. Und heute ist das alles böse? Okay, denken wir das durch: Voll böse ist auch das Streamen, weil das kostet sehr viel Strom. Aber das ist dann eh egal, weil wenn Papa und Mama nach Hause kommen und meinen, sie haben die Arbeit verloren, weil die reine Lehre der Nachhaltigkeit jetzt auch die Wirtschaft lahmlegt, dann kann man sich eben nicht mehr viel leisten und dann braucht man sich auch keine Gedanken mehr darüber machen. In der »reinen Lehre der Nachhaltigkeit« kann nur die Enthaltsamkeit das höchste Ziel sein: Der Weg zurück in die Wälder und die Symbiose mit der Natur. Zuvor würde ich aber noch einige Bücher über das Scheitern der Neunzehnachtundsechzigerbewegung lesen, könnte ja sein, dass sich Fehler vermeiden lassen.

Ab jetzt alles nachhaltig! Dazu am besten nur Lebensmittel aus Österreich, im Winter nur noch eingelegtes Gemüse, weil das Treibhaus ist auch sehr böse. Ich persönlich halte das Wort »Nachhaltigkeit« für das so ziemlich bescheuertste Wort des Jahres. Mich hätte es nicht gewundert, wenn es das Unwort des Jahres geworden wäre, aber dafür sind wir ja zu feige. Die Sache mit der Nachhaltigkeit ist nämlich so: Das Wort hat keine Nachhaltigkeit. Das will in zwei Jahren keiner mehr hören. Dann stehen die Friday-Kids aber ziemlich alleine da.

Ja natürlich, es kommt einem der Graus und der kalte Schauer läuft einem über den Rücken, wenn man die »Black Friday Sale Clips« über den Bildschirm flimmern lässt, wo sich Menschen die Futterluken einschlagen, um noch das letzte gewünschte Produkt zu ergattern. Unglaublich und menschenunwürdig. Hochwasser in Venedig, ein Graus! Also, was tun? Wahrscheinlich werden wir alle auf einiges verzichten müssen, damit noch vieles geht. Aber eben nicht ausschließlich. Seien wir tolerant. Dann sehen wir alte Hasen es auch nicht so eng, wenn die Friday-Future-Kids dann doch mit ziemlich teuren Sneakers von Markenlabels unterwegs sind und dann doch noch rauchen und schlussendlich ihre Mitteilungen auch mithilfe von Strom und nicht via Rauchzeichen in die Welt jagen. Wir verzeihen Fehler und Schwächen. Auch wir waren einmal jung. Ihr ausnehmend toleranter G Punkt.

Martin G. Wanko (49) ist Schriftsteller und Journalist. m-wanko.at

Da Wanko, Fazit 159 (Jänner 2020), Foto: Martin G. Wanko

 
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