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Zur Kultur der Offenheit zurückfinden

| 29. April 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 161x, Fazitgespräch

Foto: Marija Kanizaj

Der steirische Landesrat Christopher Drexler über Angst in Coronazeiten, ein neues Biedermeier und eine schwindende gesellschaftliche Lust am Fortschritt.

Das Gespräch führten Peter K. Wagner und Johannes Tandl.
Fotos von Marija Kanizaj.

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»Da ist er ja, der Babyelefant«, stellen wir erfreut, aber mit ironischem Unterton fest, als wir den Vorraum des Büros von Landesrat Christopher Drexler im Grazer Landhaus betreten. Etwas versteckt im südwestlichsten Winkel des Zimmers hängt neben dem Fenster tatsächlich ein Kalender mit einer Illustration eines Elefanten. Und dieser Babyelefant war für das Abstandhalten in Geschäftsflächen zu Coronazeiten zu einem Synonym für nicht immer ganz leicht verständliche Vorgaben zur Eindämmung des Covid-19-Virus geworden.

Das Kalenderbild mit dem exotischen großen Tier sollte hier eigentlich gar nicht mehr aufgeschlagen sein. Es ist das Kalenderblatt für den Monat Jänner. Doch diese Feststellung könnte falsch gedeutet werden. Die Zeit ist alles andere als stehengeblieben, hier in einem der Vorhöfe der steirischen Landesregierung. Naturgemäß ist auch an diesem Ort Corona das bestimmende Thema.

Erstmals in der Geschichte des Fazit erfolgt die Begrüßung eines Gesprächspartners ohne Handschlag, der Mindestabstand von zwei Metern wird durch das Platznehmen an unterschiedlichen Enden des Tisches eingehalten. Und auch im Zentrum des knapp einstündigen Austausches steht das Virus mit den Kronenzacken, das auch die Steiermark in Atem hält.

***

Christopher Drexler, wie viel Angst verträgt eine Gesellschaft?
Im Laufe der Geschichte haben sich menschliche Gesellschaften als außerordentlich angstresilient bewiesen. Die Frage ist, wie viel Angst verbreitet sich und was kann man dagegen tun? Insgesamt ist unsere Gesellschaft relativ stabil.

War Angst das geeignete politische Stilmittel der österreichischen Bundesregierung, damit die Bevölkerung Verständnis hat für unpopuläre Maßnahmen?
Angst ist kein Stilmittel der Regierung, aber es braucht ein nüchternes Problembewusstsein. Jene, die geglaubt haben, diese Coronapandemie kann man auf die leichte Schulter nehmen, haben – aus jetziger Sicht – nicht gut und richtig gehandelt. Man denke nur an die Vereinigten Staaten oder das Vereinigte Königreich.

Es gibt dennoch eine gewisse Rhetorik, die Angst erzeugt. Innenminister Nehammer hat am 30. März etwa in einer Pressekonferenz gesagt: »Wer sich jedoch vorsätzlich nicht an die Maßnahmen hält, wird zum Lebensgefährder«.
Ich habe keine besonderen Probleme mit der Regierungsrhetorik in den letzten Wochen gehabt. Noch einmal: Es geht darum, die Dramatik der Lage zu erklären und da braucht es klare Worte. Das ist, glaube ich, der österreichischen Bundesregierung gut gelungen. Man darf nämlich eines nicht vergessen: Im Grunde sind die Österreicher außerordentlich diszipliniert in der Umsetzung der notwendigen Beschränkungen und Maßnahmen. Insofern glaube ich, dass sich die Regierung nicht im Ton vergriffen hat.

Der Stanford-Wissenschaftler John Ioannidis hat bereits im März gesagt, er frage sich, was es mit Menschen macht, wenn Infektions- und Todeszahlen eines Virus in dieser Form live als Update nahezu stündlich weitergegeben werden. Immerhin sterben weltweit 60 Millionen Menschen pro Jahr. Was haben diese Zahlen der österreichischen Bundesregierung mit den Steirerinnen und Steirern gemacht?
Ich leugne ja nicht, dass das, was wir derzeit erleben, tiefe gesellschaftliche Auswirkungen hat. Ich würde es nur nicht von der Rhetorik der Bundesregierung herleiten wollen, sondern einfach von den Begebenheiten, denen wir uns gegenübersehen und die bemerkenswert sind. Vor kurzem hat der Kanzler sehr klug, wenn auch hart, formuliert: Er sprach von der Konfrontation mit dem Tod und mit Todesfällen, die stattfindet. Etwa am LKH Graz II, Standort West. Und zwar täglich. Diese Konfrontation schärft das Bewusstsein, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Ich war Anfang März noch in New York, wo ich im Fernsehen einzelne Repräsentanten gesehen habe, die erklärt haben, man solle nicht übertreiben, es sei eine kleine Grippe, die auf uns zukomme. Jetzt sieht man, was sich insgesamt in der Vereinigten Staaten tut, und ganz besonders, was sich in New York City getan hat. Insofern ist es schon vernünftig gewesen, für europäische Verhältnisse sehr früh, am Freitag, dem 13. März, die ersten Beschränkungen zu verkünden. Es ist wahrlich nichts Alltägliches, wenn der gesamte Handel und die Gastronomie geschlossen werden, und eigentlich jeder daheimbleiben sollte. Das muss man erklären – und dafür braucht es die richtigen Worte. Insofern glaube ich, dass der nüchterne, klare Sprachduktus des Bundeskanzlers und der gesamten Bundesregierung gut war. Ich glaube aber auf der anderen Seite, dass natürlich niemand – weder in Stanford noch in Graz – beantworten kann, was eine derartige Situation mit einer Gesellschaft macht. Das soziale Leben kam ja buchstäblich zum Erliegen und Menschen weichen einander intuitiv aus. Darüber hinaus weiß niemand, wie lange wir noch mit Einschränkungen zu leben haben.

Foto: Marija Kanizaj

Trotz dieser drastischen Maßnahmen zur Freiheitseinschränkung, die Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr kannte, steigen die Zustimmungswerte zur Regierung. Ein Bekannter stellte die Sehnsucht zur Unfreiheit bzw. zur geführten Demokratie fest. Erkennen Sie diese auch?
Nein, der Meinung bin ich absolut nicht. Erstens ist eine gesteigerte Zustimmung für die Regierung bzw. zur Person des Kanzlers ein allgemeiner Trend. Krisenzeiten gelten als Zeiten der Exekutive. Eine Regierung, die in Krisenzeiten einen guten Job macht, wird hohe Zustimmung haben. Die überwiegende Mehrheit der Österreicher ist der Meinung, dass die Bundesregierung einen exzellenten Job macht. Selbst, wenn nun nach einigen Wochen die ersten Spurenelemente von Kritik aufkommen und die Opposition sich an ihre eigene Existenz erinnert. Ich glaube aber jedenfalls nicht, dass diese Situation so zu interpretieren ist, dass dies passiert, weil es Ausgangsbeschränkungen gibt. Es wird wohl hoffentlich eine über 90-prozentige Mehrheit geben, die sich darauf freut, wenn diese Beschränkungen wieder aufgehoben werden.

»Dahoamsteirern« ist eine Kampagne des Landes Steiermark, die im positiven Sinne zur Solidarität aufruft. Wie wird die Aktion angenommen?
Sehr gut. Gerade heute früh habe ich mir über den Instagram-Auftritt der Kampagne  wieder einen Eindruck verschafft und habe anderen Medien entnommen, dass immer mehr, auch originelle Beiträge eingereicht werden. Von Kulinarischem bis zu Tanzdarbietungen von Eltern und Kindern, kreativen Beiträgen unserer tollen Musikvereine usw. Uns war es wichtig, das steirische Bewusstsein auch in Zeiten der Krise hochzuhalten.

Passt Dahoamsteirern auch zu Coronazeiten als Zeichen eines neuen Biedermeier?
Würde Dahoamsteirern in normalen Zeiten sein, wäre es Cocooning [Anmerkung: die Tendenz, sich vermehrt aus Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit ins Private zurückzuziehen]. Wir sind aber nicht in normalen Zeiten und das Dahoamsteirern ist daraus entstanden, dass wir angesichts der notwendigen Einschränkungen diese Lust am Steirischen weiterleben wollen. Es geht um die Lust am Brauchtum und der steirischen Identität – ohne, dass eine Musikkapelle live auftreten kann.

Die Ausgangsbeschränkungen der Coronakrise stellen uns die Frage, wie wir leben wollen und wie ein gutes Leben enden soll. Was ist in Anbetracht der größten Einschränkung auch Ihrer persönlichen Grundrechte Ihre Antwort?
Die Frage »Wie wir leben wollen?«, sollte man sich ohnehin öfter stellen. Es ist ja bemerkenswert, dass das Kulturjahr 2020 der Stadt Graz diese Frage aufgenommen hat. Genau mit dieser Formulierung. Ich habe dazu zwei Gedanken, wo ich auch nicht die abschließenden Antworten weiß. Zum einen ist aktuell auf Leserbriefseiten und in Foren  immer wieder von der Heilsamkeit der Entschleunigung dank Corona die Rede. Das wäre eigentlich der Weg hin zu einem neuen Biedermeier, der mir überhaupt nicht behagt. Ich glaube im Übrigen auch nicht, dass es so sein wird. Das zweite Feld, das eine gewisse Wechselwirkung mit dem anderen hat, bereitet mir viel größeres Unbehagen. Das, was wir jetzt erleben, ist die Fortsetzung dessen, was wir die letzten Jahre erlebt haben. Dazu muss ich etwas ausholen: Wir haben im Jahr 2000 eine Publikation präsentiert mit dem Titel »Aktion – Vision – Modell – Steiermark«, ich war damals Teil eines Politik-Thinktanks der steirischen Volkspartei. Die Publikation war mit einer Vielzahl an Zitaten garniert. Eines davon geht mir nicht mehr aus dem Kopf, weil es mir aus Sicht des Jahres 2020 völlig aus der Zeit gefallen scheint, was ich sehr bedaure. Es lautet: »In a nutshell, the key formula for the coming ages is this: open, good. closed, bad.« Doch nun erleben wir eine Sehnsucht nach dem Zusperren, eine Sehnsucht nach Grenzen [haut auf den Tisch]. Das ist vielen meiner Generation völlig fremd, weil wir Grenzen noch erlebt haben. Diese Entwicklung hat unterschiedliche Ursprünge. Es beginnt bei der großen Migrationskrise im Jahr 2015. Logischerweise braucht man eine geordnete Migration. Natürlich braucht es klare Regeln und wir können nicht die Not der gesamten Welt in der Steiermark und in Österreich klären. Alles andere wäre unvernünftig. Aber daraus ist zu einem großen Teil eine Grenzsehnsucht entstanden. Ich habe die vergangenen Monate oft gesagt: »Gebt mir mein Schengen zurück.« Nun wird es noch länger auf sich warten lassen müssen. Ich hoffe aber ganz gegenteilig, dass wir wieder zu einer Kultur der Offenheit zurückfinden, zu einer Kultur, in der Austausch gut ist, zu einer Kultur, wo das Kennenlernen anderer Länder und Kulturen etwas Positives ist und nichts, wovor man sich fürchtet. Im Übrigen hat das noch einen ganz anderen Nebeneffekt: Die Sehnsucht, dass alles nur noch regional sein sollte. So positiv diese Entwicklung auf der einen Seite auch ist, was den regionalen Handel, das regionale Einkaufen gerade im Bereich der Lebensmittel angeht, sind die mancherorts vorherrschenden Tendenzen zu einer nahezu gänzlichen Regionalisierung der Wirtschaft gerade für die Steiermark mehr als problematisch. Immerhin kommt bei uns die Wertschöpfung für jeden zweiten Euro aus dem Export! Das halte ich für eine der größten Wiederaufbauherausforderungen nach der Krise, weil die positiv besetzte Beschränkung wohl durchbrochen werden wird müssen. Insofern gebe ich der ersten Sequenz dieses Gesprächs auch recht.

Foto: Marija Kanizaj

Ist das nicht ein intellektueller Mainstream inzwischen, der diese Meinung vertritt? Die Klimakrise ist auch ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang.
Aber das kann nur ein mieselsüchtig europäischer Mainstream sein, nicht buchstäblich regional auf Europa gemünzt. Ich sehe auch den Glauben an den Fortschritt am Schwinden. Vor einiger Zeit hätte man gesagt: »Flugzeuge sind offensichtlich schädlich – die Herausforderung ist: Welche Technologien finden wir, um die Situation zu verbessern.« Heute sagen wir: »Wir fliegen nicht mehr.« Das ist ein Rückschritt in der Menschheitsgeschichte. Der grundsätzliche Zugang ist weniger Wohlstand und weniger zu tun. Das ist eine zutiefst pessimistischer, fast dystopischer Zugang. Einer fortschrittlichen Gesellschaft stünde eigentlich gut an: Welche Technologien können wir finden, um alles noch besser und schöner zu machen.

Ein wichtiges Anliegen zum Schluss: Haben Sie als Sportlandesrat bereits bei Minister Kogler, dem Österreichischen Fußballbund und der österreichischen Fußballbundesliga interveniert, damit die Steiermark nächste Europacupsaison Teil der Fußball-Champions League ist?
Austragungsort oder …

… der Hintergrund der Frage ist die Tatsache, dass die zweite Mannschaft des USV Kainbach-Hönigtal der bisher einzige feststehende österreichische Meister der Saison 2019/20 ist und daher den Anspruch auf eine Teilnahme am nächsten Europacupbewerb stellt. Mit einem Augenzwinkern wohlgemerkt.
[lacht] Sie haben sich bei mir noch nicht gemeldet.

Herr Drexler, vielen Dank für das Gespräch!

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Christopher Drexler wurde 1971 in Graz geboren, maturierte am Keplergymnasium und studierte anschließend Rechtswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität. Seine politische Laufbahn begann er bereits in der Schülerunion. Er war Landesschulsprecher, Landesobmann der JVP, Landessekretär des ÖAAB und seit 2000 Abgeordneter des steirischen Landtages. 2003 wurde er Klubobmann, seit 2014 ist er als Landesrat Mitglied der Steirischen Landesregierung. Aktuell für die Ressorts Kultur, Europa, Sport und Personal. Er ist geschieden und hat vier Kinder.

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Fazitgespräch, Fazit 161x (Mai 2020), Fotos: Marija Kanizaj

 
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