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Tandl macht Schluss (Fazit 168)

| 30. November 2020 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 168, Schlusspunkt

Datenschutz geht vor Menschenschutz. Vor einem Monat trug dieser Kommentar den Titel »Klüger werden in Sachen Corona ist keine Schande«. Darin nahm ich Bezug auf die von der WHO publizierte Metastudie des Virologen Jon Ioannidis. Beim Vergleich von 61 Antigenstudien errechnete er eine globale Corona-Sterblichkeit von nur 0,27 Prozent, stellte aber klar fest, dass die Mortalitätsraten sehr stark vom Anteil alter Menschen unter den Infizierten und vom Zustand des jeweiligen Gesundheitssystems abhängt.

Statt aus den Ioannidis-Ergebnissen eine schnelltestbasierte Schutzstrategie für die Risikogruppen abzuleiten, setzte Bundeskanzler Sebastian Kurz auf einen zweiten Lockdown. Dass der erst am 17. November und nicht schon 14 Tage früher begann, hat mit einer Fehleinschätzung von Gesundheitsminister Rudolf Anschober zu tun. Der glaubte, der Lockdown light würde ausreichen, um die täglichen Neuinfektionen nicht über 5.000 ansteigen zu lassen. Anschober musste nachgeben, als klar war, dass der Lockdown light nicht viel bewirkte. Ausschlaggebend für die harte Haltung des Kanzlers war ein Ratschlag von Israels Premier Benjamin Netanjahu, der mit dem zweiten Lockdowns sehr erfolgreich war. In Israel ging die Zahl der täglichen Neuinfektionen in nur drei Wochen von über 9.000 Ende September auf unter 300 zurück. Aber Kurz – und mit ihm jeder andere europäische Staatschef – hätte auch nach Südostasien schauen können, um ein wirkungsvolles Rezept gegen Corona zu finden. Natürlich nicht in das totalitäre China, wo gerade Millionen Uiguren einer nationalkommunistischen Gehirnwäsche unterzogen werden, sondern nach Japan, Südkorea oder Taiwan. Dort findet die zweite Infektionswelle trotz ähnlicher klimatischer Bedingungen wie bei uns überhaupt nicht statt.

Ganz Taiwan verzeichnete bisher überhaupt erst 600 Infektionen. Und das bei 23 Millionen Einwohnern und einer hochgradig globalisierten Wirtschaft. Jetzt kann man einwenden, dass Taiwan es als Inselstaat viel leichter hat, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch die Insellage hat auch in Großbritannien nicht viel genützt. Der entscheidende Unterschied zu Europa ist, dass Taiwan sowohl das Contact Tracing als auch die Quarantäne mit vollem staatlichem Einsatz durchsetzt.

In Taiwan müssen nicht nur die Kontaktpersonen von Infizierten, sondern jeder Einreisende generell in eine 14-tägige Quarantäne. Wer einen Quarantänebescheid erhält, darf wie bei uns keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Anders als bei uns wird er jedoch über eine Funkzellenortung seines Mobiltelefons überwacht. Und jeder, der nicht auf einen Kontrollanruf der Behörde reagiert, muss binnen kurzer Zeit mit Besuch durch die Polizei rechnen.

Wegen der saftigen Strafen gibt es auch kaum Quarantäneverstöße. Natürlich müssen die taiwanesischen Behörden mit dem Vorwurf leben, dass sie sämtliche Errungenschaften des Datenschutzes mit Füßen treten. Doch damit können sie leben, denn den 14-tägigen Einschränkungen für bisher knapp 400.000 Menschen, die in Quarantäne mussten, stehen 22,5 Millionen Taiwanesen gegenüber, die ein Leben in völliger Freiheit – ganz ohne Lockdowns, Ausgangssperren oder Polizeikontrollen führen können. Taiwan wurde übrigens im Jahr 2003 mit 73 Toten sehr heftig von der Sars-3-Pandemie getroffen. Daraufhin wurde der jetzt gültige nationale Pandemieplan erarbeitet.

Ein nachträglicher Umstieg auf die taiwanesische Corona-Strategie wäre wohl auch in Europa möglich. Aber nur wenn das Contact Tracing digital und ohne Rücksichtnahme auf den Datenschutz erfolgen würde. Die von der Regierung geplanten Flächentests könnten zwar die Voraussetzung für eine Beendigung der Pandemie liefern. Aber auch nur dann, wenn die Teilnahme verpflichtend wäre. Außerdem müssten wir alle eine Corona-App auf den Handys installieren, die diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Die App müsste nämlich jeden Kontakt mit einem Infizierten personalisiert an die Behörden – zur Ausstellung von Quarantänebescheiden – weitergeben. Solange bei uns aber selbst eine tödliche Pandemie mit inzwischen 2.000 Toten nicht ausreicht, um den Menschenschutz über den Datenschutz zu stellen, wird das Sterben weitergehen.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 168 (Dezember 2020)

 
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