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Tandl macht Schluss (Fazit 172)

| 11. Mai 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 172, Schlusspunkt

Das Lied der Arbeit. Die Arbeit hoch!« heißt es im Lied der Arbeit, mit dem die Sozialdemokratie auch heuer wieder ihre Kundgebungen zum 1. Mai beschließen wird. Und trotz der Corona-Pandemie rechnet die SPÖ mit vielen, die heuer mitsingen werden. Denn Ende März verzeichnete das AMS bundesweit die Rekordzahl von 460.000 Arbeitslosen und Schulungsteilnehmern! Jetzt ist klar, dass ein wegen Corona arbeitslos gewordener Kellner – sofern er wegen der ausfallenden Trinkgelder nicht in existenzielle Nöte gerät – kein unlösbares Problem hat. Schließlich wird er spätestens mit Ende der Lockdowns sofort wieder eine Anstellung in seinem Beruf finden. Wir hatten aber bereits im März 2019 – also ein Jahr vor Corona und mitten in einer Hochkonjunktur – an die 370.000 Arbeitslose und Schulungsteilnehmer. Der Anteil der Corona-Arbeitslosigkeit beträgt demnach also gerade einmal 20 Prozent!

Der Großteil der österreichischen Arbeitslosen ist nämlich aus saisonalen Gründen oder wegen eines Jobwechsels arbeitslos. Man bezeichnet das als »friktionelle Arbeitslosigkeit«. Sie entsteht, wenn Arbeitnehmer auf die nächste Tourismussaison warten oder von sich aus die Arbeitsstelle wechseln. Jedenfalls haben sie bereits bei Antritt der Arbeitslosigkeit ein verbindliches Jobangebot in der Tasche.

Problematisch ist hingegen die strukturelle Arbeitslosigkeit. Sie umfasst das »Mismatch«, das sich ergibt, wenn die Qualifikationsprofile der Arbeitssuchenden nicht mit den Jobanforderungen der Arbeitgeber zusammenpassen. Daneben gelten auch Arbeitsuchende, die aufgrund ihres angegriffenen Gesundheitszustandes keinen adäquaten Job mehr finden und eigentlich auf den Pensionsantritt warten, als strukturell arbeitslos. Und auch Arbeitssuchende, die ihren Job wegen einer Großpleite verloren haben oder weil sich die Wirtschaft noch schneller aus peripheren Abwanderungsregionen zurückzieht als die Bevölkerung. Vor Ausbruch der Pandemie bewertete Wifo-Chef Christoph Badelt den Anteil der strukturellen Arbeitslosigkeit auf 36 bis 38 Prozent.
Es braucht sich daher niemand darüber wundern, wenn Unternehmen trotz der vielen Jobsuchenden verzweifelt nach geeigneten Lehrlingen und Facharbeitskräften Ausschau halten. Denn die Anforderungen an die Arbeitnehmer verändern sich in immer kürzeren Abständen. Eingestellt werden kann daher nur, wer in der Lage ist, sich fortlaufend weiter zu qualifizieren. Weil aber immer mehr Menschen diese Anforderungen nicht erfüllen, wird die strukturelle Arbeitslosigkeit weiter steigen. Wegrationalisiert werden nämlich vor allem Jobs mit niedrigem Qualifikationsniveau. Die Digitalisierung ist also zugleich Jobkiller und auch Ursache für den Fachkräftemangel.

Das österreichische Gewerbe bewertet die vergebliche Suche nach Fachkräften bereits als elementares Wachstumsrisiko. Daher sind Arbeitsstiftungen und AMS-Schulungen, die Qualifikationen für stark nachgefragte Berufe vermitteln, so bedeutend. Dazu zählen nicht nur Berufe im Technik- oder IT-Bereich, sondern auch in Handwerk oder Pflege. Dieser Tage war die vom Eigentümer angeordnete Schließung des MAN-Werkes in Steyr Thema im Nationalrat. Die SPÖ fordert in ihrer Vollkaskomentalität sogar eine staatliche Beteiligung, um das Werk zu halten. Schließlich würde eine Werksschließung nicht nur 2.400 MAN-Mitarbeiter gefährden, sondern weitere 5.500 Jobs in den Zulieferbetrieben.

Dabei liegt ein durchaus plausibles Angebot von Investor Siegfried Wolf vor, der das Werk übernehmen und mit zwei Dritteln der Belegschaft weitermachen will. Dieses Angebot wurde von den MAN-Mitarbeitern jedoch mit großer Mehrheit zurückgewiesen. Wolf will die Lkw-Marke »Steyr« trotzdem immer noch wiederbeleben. Er will zusätzlich zur Lastwagenfabrik auch ein Entwicklungszentrum für alternative Antriebe errichten.

Wer im äußerst komplexen automotiven Bereich, noch dazu als OEM (Erstausrüster mit eigener Fahrzeugmarke), Fuß fassen will, ist auf bestens ausgebildete Mitarbeiter angewiesen. Und die gibt es nun einmal in Steyr. Aber das weiß nicht nur Siegfried Wolf, sondern auch die MAN-Betriebsräte. Schließlich heißt es in ihrem Lied: »Die Arbeit, sie bewegt die Welt!«

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 172 (Mai 2021)

 
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