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Umgang mit komplexen Themen

| 2. August 2021 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 175, Serie »Erfolg braucht Führung«

Von mechanistischer Krankenpolitik zur systemischen Gesundheitspolitik. Ein Gespräch von Carola Payer mit dem Allgemeinmediziner und Public-Health-Experten Martin Sprenger.

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In der Philosophie fragt man sich: »Was macht ein gutes Leben aus?« Das liegt schon nahe dem Public-Health-Gedanken. Martin Sprenger erklärt den Zugang der Public Health Wissenschaften mit folgenden Fragen: Welche Verhältnisse und Voraussetzungen, wie zum Beispiel Zugang zu Bildung, braucht es, um ein gesundes Leben möglichst lange zu leben? Ein Leben, dass subjektiv als angenehm empfunden wird und wo das Individuum sich gesundheitsorientiert verhalten kann. Betrachtet werden geistige, körperliche, seelische und soziale Gesundheit. Wie vermeiden wir eine Zunahme chronischer Erkrankungen? Wie sieht die optimale, möglichst nahe Versorgung von kranken und pflegebedürftigen Menschen aus? Wo werden Versorgungszentren angesiedelt? Wie sieht der Dialog zwischen Experten, Dienstleistern und zu Versorgenden aus? Wie werden gesundheitspolitische Entscheidungen getroffen? Martin Sprenger: »Da haben wir in Österreich noch gewaltig Bedarf nachzuholen«, betont er. »Wir liegen bei den gesunde Lebensjahren eines Gesamtlebens sieben Jahre unter dem EU-Durchschnitt und zehn bis 15 gesunde Lebensjahre hinter Norwegen, Schweden, Irland, Spanien, Italien. Wir sind da im unteren Drittel, obwohl wir eines der reichsten Länder Europas sind!« Beim klassischen mechanistischen Zugang versucht man Symptome und das Krankheitsgeschehen in den Griff zu bekommen. Es ähnelt einem Reparaturzugang, kaputtes wieder Instand zu setzen. Das ist in einigen Fällen immer wieder erforderlich. Jedoch wird dabei die Gesundheitskompetenz des Einzelnen und von sozialen Gruppen und die Zusammenhänge der Interventionen und deren Auswirkungen auf andere Aspekte von Gesundheit zu wenig betrachtet. Die Lösung wird dabei auch überwiegend an einzelne Expertengruppen, pharmazeutische Indikationen, an teure Spezialgeräte und hochspezialisierte Kliniken delegiert.

Systemisches betrachten heißt einen Schritt zurückmachen
Public-Health ist die Wissenschaft, die sich mit allen Teilgebieten beschäftigt, die zum Ziel haben, die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten, zu verbessern und zu stärken. Eine Kernkompetenz von Public-Health ist die Interdisziplinarität, bei der die Methoden der unterschiedlichsten Fachdisziplinen Anwendung finden. Diese umfassen beispielsweise die Teilgebiete Epidemologie, Sozialmedizin, Gesundheitsförderung, Prävention, Versorungsforschung, Gesundheitsökonomie, -politik, -berichterstattung und -ethik. Martin Sprenger: »Public-Health ist immer ein paar Schritte zurückgehen und das System mit Abstand zu betrachten. Wenn man mitten drin steht, kann man nicht mehr vielschichtig wahrnehmen. Ich frage oft meine Studenten: Wo werden die meisten Menschen betreut und gepflegt? – Die Antwort ist: Zuhause und das meist von Frauen! Das sind viele Menschen auch der Pflegestufe fünf bis sieben, dann kommen erst die Pflegeheime, die Geriatrie etc. Wo werden die meisten Menschen medizinisch versorgt? Die Antwort ist: Zuhause! Wieviel investieren wir aber an Geldern in die Förderung der Gesundheitskompetenz im lokalen Bereich um eine rasche zeitnahe Versorung zu gewährleisten? Im mechanistischen Zugang werden spezialisierte Kliniken eingerichtet, Experten ausgebildet und Ressourcen zentral gebündelt. Wir haben zum Beispiel viele Diabeteskranke, die mit ihrer Erkrankung ein möglichst normales Leben leben wollen. Diesen bringt ein Diabeteszentrum mit noch so gut ausgebildeten Experten nicht unmittelbar einen Nutzen. Sie haben andere Bedürfnisse.« Martin Sprenger erwähnt zum systemischen Zugang im Public-Health das gerne angeführte »Flussaufwärts-Flussabwärts-Gleichnis«.

Von der Macht der Spezialeinrichtung zum »Machen« in der Kommune
Martin Sprenger: »Der österreichische Weg in den Neunzehnachtzigerjahren war es, ein versorgungslastiges System mit möglichst vielen Krankenanstalten zu schaffen. Beim Public-Health-Zugang glaubt man an das Regionale Ownership. Kommunale, lebendige Strukturen und Verantwortung für die Gesundheitskompetenz dezentral zu entwickeln. Das geht bis zum freien Zugang zur Natur. In Skandinavien zum Beispiel kann man keinen See oder Wald besitzen. Die Natur steht allen zur Verfügung.« Es wäre zum Beispiel auch schon möglich beim Hausarzt mit digitalen Methoden eine Hautveränderung zu überprüfen, um ressourcenschonend eine Diagnose zu erhalten. Wohnortnahe, möglichst niederschwellig Versorgung anzubieten, ist das Ziel. Man muss nicht immer gleich zum Spezialisten. Die Zuweisungen würden viel gezielter erfolgen. Überlastungen von Spezialeinrichtungen könnten vermieden werden. Martin Sprenger beschreibt die systemische Analyse weiter so:

»Mit dem Public-Health-Gedanken zoomen wir uns rein in die Systeme, achten auf Zusammenhänge, verteilen Verantwortung neu, diskutieren Subsysteme.« Er erzählt, dass im skandinavische und englischsprachigen Raum Strukturen dort eingerichtet werden, wo die Menschen arbeiten und leben, so dass sie gut vor Ort alt werden können. Man versucht das quantitativ wichtigste System stabil zu halten. Die Auslastung von allen anderen medizinischen, therapeutischen oder pflegerischen Systeme hängen davon ab. Martin Sprenger: »Es geht auch darum, gesundheitsfördernde Lebenswelten zu schaffen.« In der Gesundheitsbranche geht aber das meiste Geld in die Gesundheitsindustrie und Hochleistungsmedizin.«

Strukturen sozialisieren Menschen
Wie Menschen in Unternehmen durch den Rahmen auch in ihrem Verhalten beeinflusst werden, so ist es auch in der Medizin mit der Gesellschaft. Der Patient orientiert sich nach dem vorhandenen Angebot. Public-Health versucht durch das Schaffen von anderen Verhältnissen, das Verhalten in Richtung Gesundheitskompetenz des Einzelnen und von Gemeinschaften umzuleiten. Auch die Verantwortlichkeiten werden neu reflektiert. Im mechanistischen Weltbild managt der Diabeteologe das Diabetes, im systemischen Zugang wird es durch den Diabetiker selbst gesteuert und Unterstützungshilfen möglichst nahe zur Verfügung gestellt, um sie besser in den Alltag integrieren zu können. Er muss sich ja auch 99,8 Prozent seiner Zeit damit beschäftigen.

Ganzheitlicher Zugang mit Gesundheits- und Ressourcenorientierung
Der Public-Health-Gedanke ist potenzialorientiert und sehr ganzheitlich. Vielfältige Faktoren, die Einfluss auf Gesundheit und Versorgung haben, werden betrachtet. Genom, Biom, Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildung, Gesundheitsverhalten, Lebensinn, Lebenskontrolle (Kohärenzgefühl), soziale Determinanten (sozialer Zusammenhalt in Familie, in der Stadt, in der Gemeinde), Identität und Gestaltung von Stadtbezirken und regionalen Zusammenschlüssen, Plätze der Begegnung. Der Fokus ist nicht allein auf Risiko und Defizit gerichtet. Man achtet auch darauf, wer gewinnt und wer verliert durch gesundheitspolitische Maßnahmen. Fairness ist wesentlich. Martin Sprenger: »Die Chance auf Gesundheit geht oft schon in der Kindheit verloren. Wir suggerieren in der Leistungsgesellschaft oft auch irreführende Werte.« Industrialisierung, Ökonomisierung und mechanistische Denk- und Organisationssysteme in Medizin und Gesundheitswesen führen zu einem disfunktionalen Gesamtsystem, das am Ende nicht mehr reformierbar ist. Martin Sprenger: »Wir müssen uns unserer Endlichkeit bewusst werden und erkennen, dass das Leben einen Wert hat, Gesundheit das wesentliche Gut ist und uns die Natur zurückholen. Ich hoffe, wir schaffen den Paradigmenwechsel!«

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Foto: Marija KanizajDr. Carola Payer betreibt in Graz die »Payer und Partner Coaching Company«. Sie ist Businesscoach, Unternehmensberaterin und Autorin. payerundpartner.at

Fazit 175 (August 2021), Fazitserie »Erfolg braucht Führung« (Teil 42)

 
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