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Tandl macht Schluss (Fazit 183)

| 9. Juni 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 183, Schlusspunkt

Wie gerecht ist »mehr Gerechtigkeit«? Soziale Gerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit. Ist es eigentlich gerecht, die Gerechtigkeit zu verbessern oder wird die allgegenwärtige Gerechtigkeitsdebatte sowohl von Politikern als auch den Lobbys nur geführt, um ihre jeweilige Klientelpolitik zu rechtfertigen oder gar um verschiedene Gesellschaftsgruppen gegeneinander auszuspielen?

Theoretisch müsste Chancengleichheit das oberste Ziel jedes demokratischen Staatswesens sein. Doch was bedeutet das etwa für einen schlecht qualifizierten Langzeitarbeitslosen, den unsere hochkompetitive Arbeitswelt abgeworfen hat? Aus Sicht eines potenziellen Arbeitgebers könnte mit Chancengleichheit die Chance auf Weiterbildung gemeint sein. Der Langzeitarbeitslose selbst könnte der Meinung sein, dass es gerecht sei, ihn dauerhaft so ausreichend zu alimentieren, dass er seinen Unterhalt auch ohne Arbeit bestreiten kann. Gerechtigkeit für einen Langzeitarbeitslosen – das ist angesichts des größten Arbeitskräftemangels der Geschichte ein herausforderndes Unterfangen, bei dem wie immer der Standort den Standpunkt bestimmt.

Im politischen Diskurs dominieren oft demagogische Rattenfänger, die jedes Thema nutzen, um ihre potenziellen Anhänger und ihre potenziellen Gegner auseinanderzudividieren. Doch dazu benötigen sie einfache, leicht vermittelbare Antworten. Die lösen zwar kein komplexes Problem, schaffen aber zuerst Narrative und danach Identitäten. Und das ermöglicht wiederum eine populistisch dominierte Zielgruppenansprache.

Wo bleibt da jene demokratische Reife, die einen differenzierten Blick auf die aktuellen Herausforderungen ermöglicht? Warum kann in Graz eine Kommunistin mit einem »Ihr da oben, wir da unten«-Wahlkampf Bürgermeisterin werden? Wie ist es möglich, dass große österreichische Parteien trotz einer der höchsten Abgabenquoten der Welt zusätzliche Vermögenssteuern fordern, obwohl sie genau wissen, dass sich die Vermögenden nur bei der Besteuerung von Grund und Boden nicht entschlagen? Über die Mieten würde der Großteil der zusätzlichen Belastung erst wieder die Eigentumslosen treffen.

Nehmen wir das Thema Bildungsgerechtigkeit: Natürlich ist es ungerecht, wenn Kinder aus bildungsfernen Migrantenfamilien nicht die gleichen Karrierechancen haben wie Kinder aus einem bildungsaffinen Umfeld. Aber tritt die Aufregung über die Bildungsungerechtigkeit nicht völlig in den Hintergrund, wenn man sich vor Augen hält, dass ein bildungsfernes Migrantenkind im Herkunftsland der Eltern oft nicht einmal eine Schule besucht hätte. Und zwar weil es dort entweder gar keine gibt oder weil es wegen der noch immer deutlich höheren Kindersterblichkeit nicht einmal bis zum Schuleintrittsalter überlebt hätte. In Frankreich wollte die Gleichmacherregierung unter dem Sozialisten François Hollande das Problem der unterschiedlichen Bildungschancen lösen, in dem sie den Lehrern verbot, Hausaufgaben zu geben. Schließlich verschärften die Hausaufgaben das Problem der Bildungsungerechtigkeit, weil bildungsferne Eltern ihre Kinder mit den Aufgaben alleine ließen, während die anderen sie dabei unterstützten. Natürlich hätte das Hausaufgabenverbot zu einer Nivellierung der Schulbildung nach unten geführt, womit letztlich nur die Gesellschaft geschädigt worden wäre. Die Lehrer hebelten das Verbot jedoch aus, indem sie die Kinder einluden, jene Themen freiwillig zu Hause zu lernen, die sie am nächsten Tag in der Schule abfragten.

In Österreich wurde übrigens in den letzten beiden Ferienwochen die Sommerschule eingeführt, um herkunftsbezogene Bildungsdefizite zu reduzieren. Sie dient der gezielten Förderung von Schülern zur Wiederholung von Lehrinhalten und zur Vorbereitung auf das kommende Schuljahr. Das Angebot steht heuer auch ukrainischsprachigen Kindern zur Verfügung.

Die Sommerschule ist wegen der Freiwilligkeit für Schüler und Lehrer nur ein halbherziger Versuch, Ungerechtigkeiten im Bildungswesen zu beseitigen. Im Vorjahr wurden aber immerhin fast 40.000 Kinder dafür angemeldet. Und besser als die Idee eines Hausaufgabenverbotes ist sie auf jeden Fall.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 183 (Juni 2022)

 
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