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Tandl macht Schluss (Fazit 185)

| 3. August 2022 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 185, Schlusspunkt

Klima. Wer nichts weiß, muss alles glauben! Jetzt im Hochsommer überschlagen sich wieder die apokalyptischen Fernsehberichte über die Gefahren der Gluthitze und Tausenden drohenden Hitzetoten. Diese Sensationsberichterstattung nervt auch deshalb, weil sie nicht auf Fakten, sondern bloß auf gefühlten Wahrheiten beruht. Nicht von ungefähr heißt es auch bei den ORF-Science-Busters: »Wer nichts weiß, muss alles glauben!«. Daher lohnt sich eine Recherche. Tatsächlich berichtet das ORF-Wissenschaftsmagazin »Science«, dass jeder fünfte weltweite Todesfall mit der Temperatur zu tun hat. 500.000 Menschen sterben demnach jährlich an den Folgen der Hitze. Ihnen stehen aber 4,5 Millionen Kältetote gegenüber.

Trotz dieser statistischen Kuriosität ist die Erderwärmung mit ihrem Artensterben, dem steigenden Meeresspiegel und den Unwetterereignissen die wohl größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit. Für Journalisten, die beruflich der Wahrheit verpflichtet sind, ist es nicht einfach, Klimaschutz zu unterstützen und sich dabei trotzdem den herrschenden Narrativen zu widersetzen, die den Menschen ideologisch motiviert erklären, dass sich das Klimaproblem mit einem anderen Lebensstil oder gar mit Verzicht lösen ließe.

Eigentlich müsste klar sein, dass der österreichische Beitrag zur Reduktion der weltweiten Treibhausgasemissionen nur in der globalen Bereitstellung klimaeffizienter Produkte und Technologien liegen kann. Schon jetzt reduzieren Entwicklungen österreichischer Erfinder globale Klimaemissionen um etwa 700 Millionen Tonnen jährlich – das ist die neunfache (!) Menge der gesamten in Österreich verursachten Treibhausgasmenge. Dass die Berechnung unseres Kohlendioxidausstoßes völlig mangelhaft ist, da sie sowohl die graue Energie bei Importprodukten als auch die Betriebsdauer energieintensiver Produkte und Anlagen unberücksichtigt lässt, sei ebenfalls erwähnt. Unsere Kohlendioxodziele sind eine politische und keine wissenschaftliche Größe.

Selbst wenn ganz Österreich kein Kohlendioxid mehr ausstoßen würde, wäre die Einsparung zu klein, als dass man sie mit Messinstrumenten nachweisen könnte. Natürlich ist jeder Beitrag zur Treibhausgasreduktion willkommen. Dazu zählt das Klimaticket ebenso wie private Solarthermie- und Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen und Hackschnitzelheizungen. Ob Elektroautos als Klimabeitrag geeignet sind, ist zweifelhaft. Schließlich brauchen sie anderen Verbrauchern nicht nur den Ökostrom weg, auch die Nachhaltigkeit der Lithiumakkus ist nicht gegeben. Das Ziel jedes Österreichers sollte trotzdem ein möglichst kohlendioxidneutrales Leben sein. Nachhaltig wird das erst dann, wenn ein solcher Lebensstil nicht mit Wohlstandsverlusten einhergeht. Denn nur wenn bewiesen werden kann, dass Klimaneutralität keine Auswirkungen auf den Wohlstand hat, wird die Welt bereit sein, sich aus dem fossilen Zeitalter zu verabschieden. Schließlich halten weltweit immer noch Milliarden Menschen den europäischen Wohlstand und Lebensstil für höchst erstrebenswert.

Noch ist Österreich Jahrzehnte von der Erreichung der Klimaneutralität entfernt. Und das Ausmaß dieser Herausforderung ist atemberaubend. Die Alpenrepublik verbraucht jährlich etwa 335.000 Gigawattstunden (Gwh) Primärenergie – für Industrieprozesse, Heizungen, den Verkehr und die Stromnetze. Ein Murkraftwerk wie jenes in Graz-Puntigam erzeugt jährlich nur zwischen 50 und 80 Gwh, das neue Hochleistungswindrad auf dem Plankogel schafft optimistisch gerechnet gerade zehn Gwh jährlich. Derzeit werden nur etwa 20 Prozent der erforderlichen Primärenergie nachhaltig herstellt. Für den zusätzlichen Bedarf müssten also etwa 4000 weitere Murkraftwerke oder 27.000 neue Hochleistungswindräder errichtet werden. Beides ist undenkbar. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass bestehende Technologien niemals in der Lage sein können, die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle zu ersetzen. Daher kann die Antwort auf die Herausforderung nur in der Aufhebung sämtlicher technologischer Denkverbote bestehen. Sonst beschränkt sich die Bedeutungslosigkeit der EU bald nicht mehr nur auf ihr politisches Gewicht, sondern auch auf den gesamten F&E-Bereich.

::: Hier können Sie den Text online im Printlayout lesen: LINK

Tandl macht Schluss! Fazit 185 (August 2022)

 
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