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Außenansicht (68)

| 16. Januar 2026 | Keine Kommentare
Kategorie: Außenansicht, Fazit 219

Alte Freunde werden zu alten Freunden. Über die Einsamkeit im Alter wird viel diskutiert und publiziert. Der plötzliche Schock von der beruflichen Umgebung in eine Leere der Bedeutungslosigkeit, der Verlust von Familienangehörigen und Freunden, beschäftigt nicht nur die Betroffenen, sondern auch zahlreiche Fachleute wie Ärzte, Psychologen und Therapeuten.

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Die Werbung macht es uns dabei meist einfach. Wenn wir nur fröhlich grinsend voller Aktivitäten den Alltag meistern, ist die Sache schon gelaufen. Alte und Ältere werden meist aktiv und freudig dargestellt, die ihre Partner umarmen und sich mit den Enkelkindern vergnügen. »Aktiv sein« ist das Zauberwort, vor allem körperlich aktiv. Was sich unter dem schütteren Haarwuchs abspielt, ist nicht so wichtig. Die Hauptsache ist, die Umgebung hat zumindest den Eindruck, dass der oder die Alte sich amüsiert. Spaß am Leben wird gezeigt, wie uns Jüngere gerne erleben – pflegeleicht, sorglos und heiter. Die Wirklichkeit ist eine andere. Ich habe die 75 überschritten und der Achtziger ist nicht mehr fern. Diese Lebensphase ist fast schon symbolisch bei einem Konzert zu erleben.

Zum Beispiel im Konzerthaus in Wien, wo ich gerne ein klassisches Konzert besuche, und am liebsten in einer Loge im ersten Stock sitze. Vor mir ein See grauer Haare, unterbrochen durch kleine Inseln von Glatzen. Wenn der Dirigent den Saal betritt, sind alle wach, hellhörig, öffnen die Augen weit, rücken die Brillen zurecht, richten sich auf in den hinteren Reihen und klatschen begeistert. Der Dirigent grüßt mit einer leichten Verbeugung, dreht sich um, blickt ins Orchester und hebt den Stab. Es wird ruhig im Saal, ein letztes Husten und Räuspern. Das Hörgerät noch einmal überprüft. Die Musik beginnt. Das ältere Publikum sinkt langsam zurück in die Sessel, wird kleiner und kleiner, die Knie rutschen nach vor, der Körper sucht eine bequeme Haltung. Es dauert endlos lange bis zur Pause. Einige schlafen zufrieden ein. Das ist die Wirklichkeit des Alters. Der Alltag des Alters ist der des Konzertsaales, wo Ehefrauen ihre Männer mit dem Ellenbogen stoßen, wenn diese zu schnarchen beginnen.

Für uns Alte spielt das Leben auf einer Bühne, und wir sind das Publikum. Eine Funktion, eine Bedeutung oder Verantwortung hatten wir einmal. Jetzt lässt man uns zuschauen, gemeinsam mit Ehepartnern, Freunden und Freundinnen, die uns jedoch langsam verlassen, einer nach dem anderen, eine nach der anderen. Andere überleben bedeutet Vereinsamung. Von meiner Maturaklasse – soweit ich mich erinnere – ist bereits ein Drittel gestorben. Einer von ihnen war mein bester Freund während der Schulzeit, saß jahrelang neben mir. Im Tennisklub, wo ich in meiner Altersklasse an den Meisterschaften teilnehme, starb mein Doppelpartner innerhalb weniger Monate. Der Nachbar einen Stock unter mir, der sich jedes Mal aufregte, wenn unser Hund im Gemeinschaftsgarten hin und her lief, ist tot. Jetzt läuft der Hund hin und her, niemand regt sich auf, selbst der Hund ist allen egal.

Doch es ist nicht nur der Tod, der uns zurücklässt. Manche Freunde verändern sich zu Patienten, werden empfindlich, ängstlich, unsicher und misstrauisch. Scherze, über die man früher gemeinsam lachte, werden plötzlich als Beleidigung erlebt. Man ertappt sich, wie man seine eigene Sprache kontrolliert, sich jeden Satz überlegt, was er für Folgen haben könnte. Immer öfter aus Vorsicht auf einer freundlichen, unpersönlichen Ebene miteinander umgeht, statt ehrlich und offen zu sein, wie mit Freunden eben. Alte Freundinnen und Freunde werden zu hilflosen, alten Menschen, verändern sich. Will man die Freundschaft – die jetzt mehr zu einer Bekanntschaft geworden ist – retten, muss man lernen, mit der neuen Situation umzugehen, als würde man einen Kranken besuchen.

Die Einsamkeit umgibt uns wie ein langsam enger werdender Kreis, der offene Marktplatz der Kommunikation wird kleiner und leert sich. Das jüngere Umfeld reagiert mit Mitleid und guten Ratschlägen. Das macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Als ob die gesundheitlichen Probleme des Alters nicht reichen würden, muss man damit leben, anderen Leid zu tun. Als alter Mann habe ich nur einen Ratschlag: Hört uns zu, hört auf, euch vorzustellen, wer wir sind oder was wir brauchen. Fragt uns einfach.

Außenansicht #68, Fazit 209 (Jänner 2026)

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