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Wer zahlt wirklich für die Krise?

| 25. Juli 2009 | Keine Kommentare
Kategorie: Editorial, Fazit 55

Haben Sie eine Idee, um wie viele Stunden Sie letzte Woche mehr oder weniger gearbeitet haben als in der Woche davor? Ich für meinen Teil habe keine Ahnung. Aber ich nehme an, die Differenz bewegt sich in einem Bereich von zwei bis fünf Stunden. Und – ohne den Lehrern zu nahe treten zu wollen – die sollte einem halbwegs fleißigen Menschen wahrscheinlich gar nicht auffallen. Keine Sorge, ich arbeite auch nicht lieber als Sie. Ich würde jedoch eine marginale Verlängerung der Wochenarbeitszeit gerne in Kauf nehmen, wenn im Gegenzug dafür vernünftige Unternehmenszahlen bzw. die Sicherheit des Arbeitsplatzes gewährleistet wären.

Von den Gewerkschaften hören wir indessen die Parole: »Wir zahlen nicht für Eure Krise!« Aber auch die österreichischen Unternehmer haben die Krise nicht gemacht. Und Sie wahrscheinlich auch nicht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es ist schon gut, wenn man in Zeiten wie diesen eine mächtige Standesvertretung hat. Das gilt für die Arbeitnehmer genauso wie für uns Wirtschaftstreibende. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Unternehmerseite eine immer größer werdende Gruppe von Entrechteten gibt, die niemanden hat, der für sie kämpft oder mehr als bloße Lippenbekenntnisse abgibt.

Die Rede ist von den atypisch Beschäftigten. Dazu zählen Teilzeitarbeiter, geringfügig Beschäftigte und viele »unfreiwillig Selbstständige«, die sich mit Werkverträgen aus einer Anmeldungsgewerbeberechtigung über Wasser halten. Eine Hauptgruppe machen jugendliche Berufseinsteiger aus, die sich – wenn sie Glück haben – von Praktikumstelle zu Praktikumstelle hangeln, jedoch derzeit kaum eine Perspektive auf eine sozialversicherungsrechtlich abgesichertes Anstellung, Pensions-Anwartschaft und Krankenversicherung haben.

Die atypische Beschäftigung war als sinnvolle Maßnahme zur dringend notwendigen Arbeitsflexibilisierung gedacht, um die Beschäftigungsquote zuheben. In Zeiten eines schrumpfenden Arbeitsmarktes wird sie jedoch zum Bumerang. Denn, wenn nicht bald wirkungsvolle Wege gefunden werden, das drohende Heer der »working poor« dauerhaft in unser Wirtschafts- und Sozialsystem zu integrieren, steht eine Beschleunigung des gesellschaftlichen Auseinanderdriftens von geschützten und ungeschützten Bereichen ins Haus. Die notwendigen Wachstumsraten, mit denen sich das Problem von Seiten der Wirtschaft  lösen ließe, sind nicht in Sicht. Daher ist Solidarität gefragt – nicht die, von der die Gewerkschaften ständig reden, sondern jene, die tatsächlich mit Verzicht auf Sonderrechte, die bisher zu Lasten der Rechtlosen gehen, zu tun hat.

Editorial, Fazit 55 (August 2009)

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