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Zur Lage (21)

| 25. September 2009 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 56, Zur Lage

Über Frankreichs Westen und Österreichs Süden, über den Wechsel, über Pflanzen und über die Bundestagswahl.

Ich fahre ja ausnehmend gerne mit der Bahn. In Frankreich. Da sag ich Ihnen, wenn Sie etwa das nächste Mal nach Brest fahren, das in der Bretagne bitte schön, dann müssen Sie unbedingt, am Charles-De-Gaulle-Flughafen gelandet, mit der U-Bahn zum Bahnhof Montparnass fahren, um dort den TGV, den Zug von großer Geschwindigkeit (Train à grande vitesse), ins Finistère zu nehmen. Das ist ein Erlebnis! Das ist Reisen. Echtes Reisen im Sinne der zahlreichen chinesischen Weis- wie Wahrheiten. Da käme ich ins Schwärmen.

Nicht ganz dieser Gefahr setzt mich die österreichische Bundesbahn aus. Gut, ich lebe auch in Graz, das ist nicht Wien oder Salzburg! Das weiß ich schon; das ist der wilde Süden der Republik, da fahren halt die etwas überbrauchteren Garnituren. Aber über diese Überbräuche wollte ich mich gar nicht auslassen, war jetzt quasi Kollateralkritik, weil eigentlich geht es mir ja um die offenbar dramatisch unter diesen und ganz anderen Zuständen zu leiden habenden Mitarbeiter der Bundesbahn.

Durch einen unglaublichen Skandal knechtschaffenden Managements, oder knechtschaffenden mittleren Managements, das weiß ich jetzt gar nicht so ganz genau (sonst aber auch niemand), ist nämlich bekannt geworden, dass diese Mitarbeiter nur halb so gesund sind, wie der Rest der rechtschaffenden Bevölkerung. Oder, viel drastischer ausgedrückt, doppelt so krank! Oder ganz anders geschrieben: lehrerartig nur im Dienst. Das war jetzt keine Schelte gegen einen anderen Berufsstand, das diente ausschließlich dem Vergleich; »Zeit-Zahlenakrobatik zum Angreifen« sozusagen. Weil, so hat der unglaubliche Skandal ergeben, das durchschnittliche ÖBB-Jahr dauert nur elf Monate. Der Rest ist Schweigen oder vielmehr Krankenstand.
Man kann jetzt wirklich nur froh sein, dass sich die österreichische Polizei ihre Mitarbeiter neuerdings bei der Post holt. Man stelle sich vor, das wäre die Bahn gewesen. Das hätte ja dann ein Monat länger gedauert, bis die dort zum Mischungen bestellen, pardon, Mischen der Bestellungen gekommen wären. Das hätte niemanden erfreut.

Mehr gibt die Bahn leider nicht her. Muss ich halt das Thema wechseln, wie ein anderer die Leibwäsche oder ein Landeshauptmann sein Regierungsteam. Wobei, wenn und vor allem wann ich mir die Leibwäsche wechsle, wird dann zumindest vorher keiner aus meiner Familie herumerzählen. Soviel Zusammenhalt haben wir. Interessiert auch niemanden. Also das mit den Regierungsmitgliedern meine ich jetzt. Wobei, etwas war vielleicht bemerkenswert, die Wahl des neuen Landtagspräsidenten Kurt Flecker. Da darf ich jetzt en passant anführen: den schätz ich sehr, den Kurt Flecker. (Hab mir sogar von der letzten Ausstellung im Innenhof des Joanneums eine Hanfstauden mitgenommen. Und jetzt einen Setzling im Büro. Ist das schon illegal? Und, wenn das jetzt ein Staatsanwalt lesen würde, müsste der das dann zur Anzeige bringen? Das sind Fragen; mir geht das zu weit; ich schmeiß sicherheitshalber den Setzling auf der Stelle beim Fenster raus.)
Bei der Wahl von Kurt Flecker waren wir; genau. Damit hat das steirische Landesparlament ja nur übernommen, was in immer mehr bundesdeutschen Ländern schon zum politischen Ton gehört: eine »Rot-Rote-Koalition«. Den nunmehrigen Wiederlandesrat Siegfried Schrittwieser aber ausgerechnet im nicht ganz SP-fernen Magazin »Frontal« (wo lassen stiften?) als »Wunderwaffe« geoutet zu sehen, amusiert schlussendlich schon ein wenig. Plant dieser denn gar eine »Alpenfestung« im Obersteirischen?

Naja, schauen wir uns das ganze einmal an. Und vorher die Wahl in Deutschland. Am 27. September wird der Bundestag neu gewählt. Nach der Fernsehdebatte der beiden »Kanzlerkandidaten« war die mediale Berichterstattung im Wesentlichen reduziert auf die Botschaft: »Duett statt Duell.« Das ist insofern bemerkenswert, als das der zweite oder dritte Satz war, der in dieser Konfrontation einem der vier Moderierenden nach nur wenigen Minuten aus dem Mund gefallen ist. Diese Verkürzung ist fast traurig, weil Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier über 90 Minuten eine von gegenseitigem Respekt getragene Diskussion geführt haben, die man sich, auf österreichische Verhältnisse umgelegt, nur schwer vorzustellen vermag. Offenbar ist es aber das Theater, das wir so viel lieber haben. Zumindest dafür sind wir in unseren Landen wunderbar aufgestellt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine große Koalition dem Lande nicht nutzen kann.

Zur Lage, Fazit 56 (Oktober 2009)

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