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Apples neue Wunderflunder

| 24. März 2010 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 61

Der mediale Hype war riesig und grenzte zeitweise an Hysterie. Unmittelbar bevor Jobs – wie immer mit Drei-Tage-Bart, Jeans, schwarzem Rollkragenpulli und Turnschuhen behaftet – am 27. Januar  die Bühne des Yerba Buena Center in San Francisco betrat und das iPad aus dem Hut zauberte, zählte Google bereits rund 25 Millionen Webseiten, die eine Beschreibung dieses Produkts liefern zu können glaubten. Apple selbst nährte monatelang geschickt die Erwartungen und Spekulationen, indem der Konzern immer wieder einige Informationen durchsickern ließ, sich offiziell aber in Schweigen hüllte.
Marketing-Experten ziehen schon längst ehrfürchtig den Hut vor dem Konzern mit dem angebissenen Apfel. Apple redet nicht viel, über Apple wird geredet – diese Taktik schlug wieder einmal perfekt an. Jobs guruhaftes Auftreten und das stylishe Produktdesign evozieren eine Anziehung, der Endkunden offensichtlich nur schwer widerstehen können. Und am Ende der knapp achtzigminütigen „Keynote“ war wieder mal klar: Der 55-jährige legere Hohepriester aus Cupertino verkauft nicht bloß Technik, sondern Lifestyle und vor allem Emotionen. „iGod“ Jobs weiß, dass Märkte ähnlich wie Theaterdramen funktionieren: Der Konsument spendet als Zuschauer entweder Applaus oder er geht empört raus.

Was ist das iPad? Was kann es?

Auf den ersten Blick mutet das Tablet tatsächlich wie ein zu groß geratenes iPhone an. An Bedienungselementen finden sich exakt dieselben Schalter und Tasten wie beim Smartphone. Es verfügt über einen Touchscreen und lässt sich dank eines Beschleunigungssensors sowohl hochkant als auch waagrecht nutzen. Optional bietet Apple eine mechanische Tastatur an. Über den vom iPhone her bekannten Dock-Connector an der Unterseite erfolgt der Anschluss an den Mac. Das nur 1,27 Zentimeter dünne Alu-Gehäuse ist knapp 25 Zentimeter hoch und 19 Zentimeter breit. Und auf die Waage bringt es gerade mal 680 Gramm. Das 9,7-Zoll-Display arbeitet mit LEDs als Hintergrundbeleuchtung und bietet eine Auflösung von 1024 mal 768 Punkten. Herzstück ist ein eigens entwickelter A4-Chip mit einer Taktfrequenz von einem Gigahertz. Hinsichtlich Massenspeicher werden drei Varianten angeboten: 16, 32 und 64 Gigabyte. Wer mehr will, schaut durch die Finger, denn erweiterbar ist der Speicher nicht.
Apple verspricht, dass der eingebaute (nicht wechselbare) Akku stolze zehn Betriebsstunden durchhält. Im Softwareangebot finden sich Kalender, Adressbuch und ein Malprogramm. Für Textbearbeitung, Tabellen und Präsentationen liefert Apple eine adaptierte Version seines Office-Paketes iWork. Da das iPad dasselbe Betriebssystem wie das iPhone verwendet, können alle Apps auch auf dem iPad verwendet werden.
Eine Telefonfunktion ist beim iPad nicht vorgesehen. Diese ließe sich höchstens mittels Internetdiensten bewerkstelligen. Verbindungen ins Internet stellt das iPad je nach Modell wahlweise über WLAN oder ein integriertes 3G-Modem her. Das Einsteigermodell verfügt bloß über einen WLAN-Zugang und verzichtet auf UMTS-Modul und GPS. Nur die teurere Version hat den 3G-Mobilchip bereits integriert. Bluetooth ist bei allen Varianten mit an Bord. Ansonsten verfügt das iPad nur gerade noch über eingebaute Lautsprecher, ein Mikrofon und einen 3,5-mm-Kopfhöreranschluss.
Seine Trümpfe spielt das iPad als mobiles Infotainment-Gerät mit großer Funktionsfülle aus: Man kann mit ihm durch das Web browsen, E-Mails schreiben, Fotos und Filme betrachten, Musik hören oder es als Spielkonsole verwenden. Doch das wirklich neue Angebot heißt iBooks. Mit ihm stellt Apple ein Äquivalent zu iTunes vor, welches elektronische Bücher wie in einem Bücherregal präsentiert. Sie sollen künftig im hauseigenen iBook-Store angeboten werden. Hier zeigt Apple Konkurrenten wie Amazon ganz klar die Zähne.
Das 16GB-Modell soll 499 US-Dollar, das 32GB-Modell 599 US-Dollar und das 64GB-Modell 699 US-Dollar kosten. Die 3G-Modelle sollen für 629 US-Dollar (16 GB), 729 US-Dollar (32 GB) und 829 US-Dollar (64 GB) erhältlich sein. In Österreich wird das iPad voraussichtlich im Mai verfügbar sein.

Was kann es (noch) nicht?

Wie bereits bei iPhone und iPod lassen sich Anwendungen nur über den Appstore von iTunes herunterladen. Noch scheint Multitasking ein Fremdwort für Mr. Jobs zu sein. Wie das iPhone und der iPod Touch kann auch das iPad immer nur eine Anwendung auf einmal ausführen. Unverständlicherweise wurde auf eine integrierte Kamera verzichtet. Gerade das iPad würde sich bestens für Video-Chats anbieten. Fehlanzeige auch hinsichtlich Adobes Flash-Anwendungen. Das iPad will das weit verbreitete Multimedia-Format nicht abspielen – ein Umstand, der das Surferlebnis vieler Nutzer erheblich trüben wird.
Das iPad geizt mit Schnittstellen. So verfügt es weder über USB-Anschlüsse noch über einen Slot für Speicherkarten. Wer mehr will, muss aufrüsten. Aber das ständige Mitschleppen von Adaptern nervt bekanntlich. Auch einen HDMI-Ausgang sucht man vergebens. Apropos Bilder und Filme: Apple selbst setzt schon längere Zeit auf Breitbildschirme im Format 16:9. Umso unverständlicher ist es, dass ausgerechnet ein brandneues Gadget im veralteten Format 4:3 ausgeliefert wird. Die Auflösung von 1.024 mal 768 Pixel liegt zudem unterhalb des kleinsten HD-Formats mit 1280 mal 720 Pixel.

Fazit: Das iPad kann mehr als ein Smartphone, aber auch weniger als ein Laptop (einen solchen will das iPad auch gar nicht ersetzen). Es reduziert Technik auf das Wesentliche, kommt ohne komplexe Menüsteuerung aus und ist einfach und intuitiv bedienbar. Damit wird es auch für Computerlaien interessant. Aber einige attraktive Features lässt es schmerzlich vermissen, und für die zweite Generation scheint Apple noch jede Menge Nachbesserungsbedarf zu haben. Doch einiges spricht dafür, dass den Äpfeln hier ein guter Wurf gelungen ist.

Fazit 61 (April 2010)

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