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Zur Lage (40)

| 16. September 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 75, Zur Lage

Wenig über Vorurteile, kaum was zu Doppelnamen und ein deutlicher Hinweis auf das Paradies, in dem wir leben.

Voruteile sind was Fürchterliches. Wobei, das ist natürlich auch nur ein Vorurteil. Jedenfalls muss ich zugeben, ich habe immer wieder Vorurteile. Etwa hab ich im Straßenverkehr das Vorurteil, wenn ich per pedes unterwegs bin, einem herannahenden Fahrzeug ein Nichtstehenbleiben zu unterstellen. Was mir nicht allzu viel Sorgen bereitet, denn letztendlich ist es durchaus sinnvoll, nicht überfahren zu werden.
Ähnlich geht es mir mit Suppen. Ich unterstelle regelmäßig den zu geringen Einsatz von Salz und Pfeffer und würze immer schon vor dem Kosten nach. Was manches Mal durchaus schlimme Folgen haben kann.

Oder nehmen wir die Steirerin des Tages vom 21. Juli dieses Jahres in der Kleinen Zeitung. Ein Doppelname!, hab ich mir gedacht und wollte schon gar nicht mehr weiterlesen. Da hätte ich aber was versäumt. Und wir hier auch. Es ging nämlich um die neue Vorsitzende des Grazer Menschenrechtsbeirates. Das ist ein Ehrenamt, vom »Brotberuf« – bitte verstehen Sie die Anführungszeichen nicht falsch, das wäre ein Vorurteil – ist diese neue Vorsitzende Leiterin der Gleichbehandlungsanwaltschaft Steiermark. Zumindest nehme ich an, dass sie das ist. Die Kleine Zeitung sprach davon, dass sie diese Anwaltschaft im Jahr 2000 »übernommen hätte«. Aber zu schreiben, sie sei die »Gleichbehandlungsanwaltschaft Steiermark«, erschiene mir doch etwas kleinkrämerisch. Was jetzt eine solche Anwaltschaft im Genauen so tagtäglich zu verrichten hat, ist mir gar nicht bis ins letzte Detail hinein vertraut, das macht aber nichts, das wird jedenfalls was Gscheites sein. Nur fürs Protokoll sei angemerkt: Mein Vorurteilsradar schlägt bei solchen postdemokratischen Einrichtungen ganz und gar nicht an. Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass das Thema Gleichbehandlung ein zu wichtiges ist, als dass sich irgendwer oder noch dazu ich darüber lustig machen sollte. Weswegen ich insbesondere den infamen Vorwürfen, in dieser Gleichbehandlungsanwaltschaft seien ausschließlich Frauen angestellt, gar nicht einmal nachrecherchiere. Eine solche Ungeheuerlichkeit zu unterstellen kann doch bitte nur Ausgeburt eines dreisten Vorurteils gegenüber modernen wie wohlstandsgesellschaftlichen Errungenschaften sein.

Wo waren wir? Genau, was ich Ihnen von der Vorsitzenden des Menschenrechtsbeirates noch erzählen wollte, ist jetzt nicht, dass auch etwa Sie oder ich diesen Job gut machen würden – die neue Vorsitzende meint nämlich, es sei »eigentlich egal, wer an der Spitze steht«. Und auch nicht, dass sie ihren nächsten Urlaub irgendwo in Afrika, »wenn urlauben dort wieder abseits der Touristenpfade möglich ist«, verbringen möchte (was aber ein zu schöner Gedanke war, als dass ich Sie ihn hätte missen lassen dürfen).

Es ist ganz was anderes. Sie meint nämlich abschließend, sie möchte »im Kleinen daran arbeiten, dass Menschenrecht bei uns irgendwann zum Mainstream wird«. (Sie meint das auch von der Gleichbehandlung; da es hier – en detail – gewiss noch Defizite geben mag, kann man das meinetwegen – als Diskussionsansatz – so stehen lassen.) Was Menschenrechte betrifft, und jetzt ganz im Ernst, frag ich mich: Wo lassen denken, Frau Vorsitzende? Und ich frage mich, wie es sein kann, dass eine führende Management-Funktion des Landes (bzw. Bundes, es handelt sich ja um eine bundesweite Einrichtung) mit einer Person besetzt wird, die offensichtlich kaum in der Lage ist ein- wie abzuschätzen, in welch glücklicher Position sie ist. Die offenbar ihre Traumurlaubsziele mit ihrem beruflichen Wirkungskreis verwechselt.

Man kann über alles diskutieren, es ist wichtig und notwendig, dass es etwa den Menschenrechtsbeirat der Stadt Graz gibt. Es ist wichtig und notwendig, dass dieser bei allfälligen Verfehlungen etwa von öffentlicher Seite (Polizei, Justiz, …) oder auch bei privat verursachten Missständen aufzeigt und einschreitet. Aber dass es einen Menschenrechtsbeirat überhaupt gibt, ist bester Beweis dafür, dass »Menschenrechte« in Österreich natürlich und selbstverständlich »zum Mainstream« gehören. Und es ist geradezu ein Treppenwitz der Geschichte, dass eine Vorsitzende einer solch ehrenvollen Institution dies nicht zu erkennen vermag.

Offensichtlich hab ich mich über diesen Artikel in der Kleinen Zeitung sehr geärgert und komme jetzt abschließend drauf, dass ich mich wahrscheinlich in meinem Ärger ein bisschen verrannt habe. Ganz so schlimm wird es um den Menschenrechtsbeirat auch unter dieser neuen Führung natürlich nicht stehen. Und, da ich von Vorurteilen geschrieben habe, ich sollte ganz sicher nicht aufgrund dieses einen Artikels allzu vorurteilshaft Schlüsse auf die gesamte Persönlichkeit ziehen. Aber wenn es um die Herabwürdigung unserer Demokratie geht, bin ich halt alert. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass eine große Koalition dem Lande nicht nutzen kann.

Zur Lage #40, Fazit 75 (August 2011)

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