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Energie. Der Preis der Gemütlichkeit

| 19. Dezember 2011 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 78, Fazitthema

Nicht nur der österreichische Staatshaushalt hat ein massives Defizit, sondern auch der Energiehaushalt. Warum steigende Strompreise deshalb richtig sind.

Der Wohlstand in Österreich ist – das wird bei aller Krisenbegeisterung oft vergessen – noch immer enorm. Und zwar nicht nur bei den oberen 10.000, sondern in der ganzen Breite der Gesellschaft. Die Grenze zur Armutsgefährdung, die sich auf 60 Prozent des Medianeinkommens bemisst, liegt bei hohen 966 Euro. Unter dieser Grenze leben nur etwa 12 Prozent der Österreicher und selbst bei diesen kann von Armut, wie sie in anderen Ländern der Welt „normal“ ist, keine Rede sein. Du glückliches Österreich. Eines der für uns selbstverständlichsten und wichtigsten Alltagsgüter ist Energie. Strom und Wärme fließen in nahezu 100 Prozent aller Wohnungen und kaum jemand fragt sich, wo die Quelle für die Gemütlichkeit liegt.

Österreich kann auch Vorbild sein. Denn wenn es darum geht, Energie auf ökologisch sinnvolle Weise zu erzeugen, ist Österreich ein Vorbild für ganz Europa. Dafür stehen die zahlreichen Pioniere, die mit einzelnen Projekten immer wieder zeigen, wie umweltschonend man Energie gewinnen kann. Dafür steht aber auch ein Spitzenwert beim Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung. Rund zwei Drittel der heimischen Elektrizität werden durch Wasser-, Öko-Brennstoff- und Windkraft gewonnen. Besser steht nur noch das Nicht-EU-Land Norwegen da, das dank seiner Fjorde und Meeresnähe unvergleichbar bessere Voraussetzungen für Wind- und Wasserkraftwerke hat.

Aber ganz so schnell dürfen wir uns nicht zufriedengeben, denn nur weil in Österreich kaum noch Kohlekraftwerke stehen, heißt das nicht, dass unsere Steckdosen frei von diesem fossilen Energieträger sind. Denn die Stromerzeugung im Inland deckt gerade einmal die Hälfte des Bedarfs ab, den Industrie und private Haushalte haben. Die andere Hälfte muss importiert werden und stammt zu weit größeren Teilen aus Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Von Atomkraft lässt sich zwar in den offiziellen Statistiken von Eurostat und Statistik Austria nichts finden, aber die Energie Graz gibt zum Beispiel an, dass durch den von ihr importierten UCTE-Mix, ein Anteil von knapp 20 Prozent Atomstrom in das Netz gelangt und von Grazer Haushalten verwendet wird.

Nimmt man den Brutto-Energieverbrauch in Österreich als Maßstab, beträgt der Anteil der regenerativen Energien nur 28 Prozent. Die Menge an Importen ist dabei fast genauso groß wie die Eigenproduktion. Das bedeutet, dass jedes Jahr über eine Million Terrajoule (1,2 Millionen x 1012 Joule) mehr verbraucht werden, als die Binnenproduktion zulassen würde. Wir leben also – und diese Phrase sollte uns als Erklärungsversuch der aktuellen Finanzkrise bekannt vorkommen und aufhorchen lassen – über unsere Verhältnisse. Und zwar deutlich. Dass aus diesem Defizit im Energiehaushalt ein Export-Überschuss von Produktionsgütern wird, sorgt zwar dafür, dass die ökonomische Bilanz aus österreichischen Importen und Exporten insgesamt wieder gut aussieht – an der Schieflage bei der ökologischen Bilanz ändert das aber wenig.

Doch wenn uns etwas heilig ist, dann ist unser einmal erreichter Lebensstandard. Wer will schon vom bunt leuchtenden iPhone zurück auf die schummrigen Displays der 90er, auf denen gerade mal eine Telefonnummer angezeigt werden kann? Röhrenmonitor statt Riesen-Flatscreen? Nein, die Versuche, den technologischen Fortschritt aufzuhalten, sind noch nie gelungen, aber das Problem, eines jährlich steigenden Stromverbrauchs, lässt sich deshalb nicht einfach ignorieren. Wenn der Energieverbrauch nicht insgesamt sinkt, werden wir ähnliche Probleme bekommen wie durch die kontinuierliche Neuverschuldung in den letzten Jahren. Das Jahr 2009 war zwar das erste Jahr seit der Jahrtausendwende, in dem der Gesamtenergieverbrauch im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist. Allerdings lag das vor allem am krisenbedingten Produktionsrückgang in der Industrie.

Während die Staatsverschuldung sowohl im Negativen (Schulden) als auch im Positiven (für den Schuldner) von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist der Energieverbrauch eine „Verschuldung“, die tatsächlich zulasten folgender Generationen geht. Nun ist es nicht sinnvoll, deswegen Horrorszenarien zu entwerfen, in denen uns die Brennstoffe ausgehen und wir nicht mehr heizen können, sondern es geht darum, welchen Preis wir dafür zahlen müssen und zahlen sollten, dass Österreichs Energieverbrauch höher ist als seine  Produktion durch regenerative Quellen.

Den „gerechten Preis“ hat Carl Christian von Weizsäcker beim letzten Europäischen Forum Alpbach deutlich von der üblichen Preisbildung aus Angebot und Nachfrage unterschieden. Gerecht sei ein Preis, wenn er den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung mit einbeziehe. Wenn zum Beispiel ein hoher Preis für Benzin und Diesel dafür sorgen würde, dass dadurch noch besser nach regenerativen Energien geforscht wird, dann wäre es gerecht, akzeptabel und sogar erwünscht, mehr Benzin zu verbrauchen. Mit jedem Cent, der über einen „normalen“ Preis hinaus gezahlt wird, kann dann etwas Sinnvolles, wie zum Beispiel Forschung, finanziert werden. Eine Ökosteuer in Österreich, die diesem Sinn entspräche, ist bisher immer wieder in Diskussionen stecken geblieben. Deshalb sind wir auch immer noch jenes Alpen-Transitland mit den günstigsten Benzin-Preisen. Von einem gerechten Preis wird da kaum jemand sprechen können. Hier liegt es in der Verantwortung des Staates, seinen notwendigen Einfluss geltend zu machen. Nicht im Sinn einer sozialistischen Planwirtschaft, sondern ganz einfach um nachhaltig zu haushalten. Nur ist diesmal nicht der Staatshaushalt gemeint, sondern der Energiehaushalt.

Vor dem Jahr 2008 war die Umweltpolitik noch der Gradmesser für politisches Personal und galt als „größte Herausforderung“ – heute herrscht wieder Schneckentempo; mit Ausnahme des schnellen und Fukushima-initiierten Abschaltens deutscher Atomkraftwerke. Davor bestand die letzte denkwürdige Maßnahme zur Umweltpolitik im Verbot der Glühbirnen – nur haben sich die Politiker damit ausgerechnet in jenen Bereich eingemischt, den sie getrost der persönlichen Verantwortung des einzelnen, hoffentlich mündigen, Bürgers überlassen sollten.

Denn so günstig der Strom auch ist, österreichische Haushalte geben laut Konsumerhebung 2009/10 durchschnittlich 137 Euro im Monat (rund fünf Prozent des Einkommens) für die Energieversorgung aus, und der Energieverbrauch neuer Geräte wird zu einem zunehmenden Faktor bei der Kaufentscheidung – wo der Strom herkommt, mit dem die Geräte dann betrieben werden, kümmert aber immer noch die wenigsten. Es ist vor allem der Preis, aktuell etwa 15 Cent pro Kilowattstunde, der Einfluss auf den Verbrauch hat. Deshalb soll und muss sich der Staat genau um diese Seite der Produktion kümmern: Woher kommt der Strom und was kostet er? Der staatliche Einflussbereich endet an der Steckdose, denn er hat bis dahin genug Gelegenheit, Einfluss auf Produktionweise und Verbrauchsmenge zu nehmen. Wenn wir zum Energiesparen angehalten werden sollen, dann kann das nur über höhere Preise und effizientere Geräte gelingen, die uns Verbrauchern gleichzeitig einen Kostenvorteil bringen.

Genau das scheint momentan der EU-Kommissar Günther Oettinger im Sinn zu haben. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat er einen Entwurf erarbeitet, der den Strompreis bis 2030 verdoppeln soll. Ob das gegen den vorhersehbaren Protest des europäischen Boulevards und in der aktuellen Verfassung der Europäischen Union gelingt, ist damit noch nicht gesagt. Aber ein Strompreis, der zu niedrig ist und dazu führt, dass wir über unsere Verhältnisse leben, der muss irgendwann angehoben werden. Ein Zeitraum von 20 Jahren ist dabei gut geeignet, um den Einfluss auf die Konjunktur gering zu halten, und man kann nur hoffen, dass diese langfristige Preisänderung uns vor einem radikalen Schnitt bewahrt. Der wäre zwangsläufig irgendwann nötig, wenn weiter zu niedrigen Preisen Ressourcen ver(sch)wendet werden.

N och kann sich der Einzelne leisten, es nicht so ganz genau mit seinem persönlichen Energiehaushalt zu nehmen. Während Unternehmen, die tendenziell einen höheren Energiebedarf haben, aus Effizienzgründen schon heute sparsamer sind als die Haushalte, ist es dort noch immer gängige Praxis, den Kühlschrank neben den Ofen zu stellen und so bei beiden Geräten für höheren Stromverbrauch zu sorgen. Niemand wünscht sich eine Richtlinie, die den Mindestabstand von Kühlschrank zu Herd festlegt (was inhaltlich eine sinnvolle Richtlinie für Küchenhersteller wäre), aber wenn der Preis für die Energieversorgung steigt, wird hoffentlich bald jeder einsehen, dass es nicht nur sinnlose Energieverschwendung ist, sondern auch seinen eigenen Geldbeutel stärker belastet als ein einmaliger Umbau.

Dass die Konsumentscheidungen für den Einzelnen oft kompliziert sind, ist eine Begleiterscheinung aller unserer Bequemlichkeiten: Während sich die geliebten Frühstückseier zum Beispiel im elektrischen Eierkocher wesentlich energieschonender kochen lassen als im konventionellen Kochtopf, schneidet die automatische Saftpresse gegenüber der manuellen Quetsche logischerweise schlecht ab. Natürlich, mit dem Eierkocher allein wird niemand seinen Stromverbrauch senken können, aber im Angesicht der 25 Prozent, die durch private Haushalte an Energie verbraucht werden, ist viel Sparpotenzial vorhanden. Das kommt sowohl den Einzelnen als auch der gesamten Energiebilanz zugute.

Die beliebten Energiespartipps sind zur Genüge an anderer Stelle gegeben, aber diese werden erst zur Anwendung kommen, wenn es sich auch lohnt. Solange der Staat lieber höhere Steuern einnimmt, um anschließend (und auf vielen Umwegen) sehr günstigen Strom anzubieten, wird sich wenig ändern. Womit wird zum Beispiel das neue 9-Euro-Köder-Ticket der ÖBB finanziert? Aus Steuergeldern. Dabei hätte eine Ökosteuer oder ein anderweitig erhöhter Benzinpreis wahrscheinlich die gleiche positive Auswirkung auf die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Und wie kann es sein, dass Kerosin noch immer so günstig ist, dass Fluglinien für einen innereuropäischen Flug Tickets anbieten können, die weniger als 100 Euro kosten und dem jeweiligen Unternehmen trotzdem noch Gewinn bringen? Erst ein gerechter Preis – und der ist nun einmal höher als aktuell – wird den Verbrauch und damit auch die Generationenungerechtigkeit senken.

Auch die Debatte um das Grazer Murkraftwerk muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden: Ausgerechnet die Grünen, die immer für regenerative Energien streiten, melden hier Umweltbedenken an, während der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl das Murkraftwerk raffiniert mit einer Initiative zur elektrischen Mobilität verknüpft. Sein Argument, dass die ganze E-Mobility nichts nützt, wenn der Strom, der dabei verbraucht wird, wieder aus importierter Kohle oder Erdöl gewonnen wird, ist absolut legitim. Und natürlich sind E-Bikes und E-Cars großartige Erfindungen, die sich mit jedem Jahr mehr der Massentauglichkeit nähern, aber wenn sie als Alternative zu Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr genommen werden statt als Ersatz für das (zu günstige) Diesel-Fahrzeug, dann ist das keine Entlastung für die Umwelt, sondern das Gegenteil.

Gerade in diesen Tagen leisten wir uns, private Haushalte ebenso wie der Handel, wieder allerorts Weihnachtsbeleuchtungen, über deren Ästhetik man sicher streiten kann, deren Sinnlosigkeit im Bezug auf den Energieverbrauch aber außer Frage steht. Nun soll es in der Adventszeit nicht finster und kalt sein, denn weihnachtliche Gemütlichkeit hat ja auch eine verkaufsfördernde Wirkung, aber wenn jeder mit Zugang zu einer Steckdose einen Anteil leisten soll, dann müssen wir darüber nachdenken, ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht. Sonst werden Politiker irgendwann verkünden, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben und ab jetzt den elektronischen Gürtel enger schnallen müssen.

Neben den monetären Kosten, die unser Energieverbrauch hat, fordert die Bequemlichkeit, die wir bei der Energieversorgung an den Tag legen, noch einen weiteren „Preis“. Und der lässt sich nicht in Zahlen messen, sondern taucht als Verdacht von Soziologen, Philosophen und Journalisten immer häufiger auf: die Faulheit des Wohlstandes. Wir können Energie so günstig beziehen und für relativ wenig Geld die Vorzüge von multimedialer Unterhaltung, durchtechnisierten Haushalten und günstiger Mobilität genießen. Das Wohlstandsniveau, an das wir uns gewöhnt haben, sorgt für eine Zufriedenheit, die zu oft in Passivität und Faulheit mündet. Trotz der vermeintlich tiefen Krise lässt sich in Österreich nichts spüren, was einem gesellschaftlichen „Ruck“ gleichkäme. Aber nicht nur in der Breite der Gesellschaft herrscht Flaute, auch bei den Innovationen, Patentanmeldungen und Erfindungen hat Österreich weder qualitativ noch quantitativ Weltniveau. Ohne Frage, die Forschungsleistung der Einzelnen ist beachtenswert. Vor allem in der Steiermark, die mit einer Forschungsquote von 4,4 Prozent europaweit auf dem zweiten Platz liegt. Ein Blick nach Indien, auf die Schweiz oder Israel zeigt aber, was in anderen Ländern und unter ganz unterschiedlichen Bedingungen möglich ist.

Österreich als friedlicher und entwickelter Staat mitten in der EU hätte die besten Voraussetzungen. Die Selbstverständlichkeit unseres Wohlstandes sollte uns eigentlich die Freiheit geben, unsere Systemfehler (von der Überverwaltung bis zum übermäßigen Energieverbrauch) ohne radikale Einschnitte, wie sie in Griechenland und Italien nötig sind, zu beheben. Oder wir warten, bis es irgendwann soweit ist, weil wir eben zu viele gute Voraussetzungen haben, die uns kurzfristig glauben lassen, dass schon alles so bleiben wird, wie es ist.

Titelgeschichte Fazit 78 (Dezember 2011)

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