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Das Leid ist groß, wir sparen uns das Denken

| 24. Oktober 2012 | 1 Kommentar
Kategorie: Fazit 87, Kunst und Kultur

Giacomo Puccini lebt. Aber das macht auch nichts besser. Die Oper »Manon Lescaut«, die der italienische Komponist 1893 schrieb, wird auch durch seine leibhaftige Präsenz auf der Grazer Opernbühne nicht tiefgründiger. Den Beteiligten an der jüngsten Premiere kann man daraus nicht ernsthaft einen Vorwurf machen.

::: Hier können Sie den Text im Printlayout online lesen: LINK

Ausgangsstoff für »Manon Lescaut« ist ein Groschenroman, genau genommen die 1731 erschienene »Geschichte des Chevalier Des Grieux und der Manon Lescaut« – ein Kurzroman über Liebe, Geld und die alberne Verzweiflung, die ein schlichtes Gemüt namens Manon ergreift, weil sie glaubt, sich zwischen beiden entscheiden zu müssen. Dass eine schlechte, weil triviale Geschichte aber keine schlechte Aufführung bedeuten muss, beweist die Grazer Oper in ihrer aktuellen Inszenierung von Stefan Herheim. Die Handlung wird zur Nebensache und geht in einem fantastischen Bühnenbild (Heike Scheele) aus Freiheitsstatuen und ihren Fragmenten unter. Jedes niedere Motiv – was sonst sind Geld und Liebe – steht bildlich im Schatten der Freiheit.

Die aufwendige Inszenierung ist aber nicht nur sehr sehenswert, sondern trotz aller Schwülstigkeit, die man bei einer Puccini-Oper eben in Kauf nimmt, auch hörenswert. Gal James in der Hauptrolle begeisterte das Publikum bei der Premiere und auch Gaston Rivero als Renato Des Grieux hatte bei seinem Graz-Debüt starke Momente. Ein wenig schade war allein die Tatsache, dass Konstantin Sfiris und Wilfried Zelinka trotz Doppelrollen nur wenig von ihren traumhaft seriösen Stimmen präsentieren konnten. Aber auch daran ist Puccini schuld.

Als kleiner Inszenierungs-Spaß bekommt jener selbst eine Rolle und versucht, verkörpert von János Mischuretz, der schlichten Handlung noch etwas Herzschmerz und Tragik zu verleihen, indem er sich rege an Manons Selbstfindung beteiligt. Als ob das helfen würde. Feiern wir also mit dieser Oper die Oberflächlichkeit? Nein, wir sind froh, dass wir in Graz ein Orchester haben, das unter der Leitung von Michael Boder in der Lage ist, die dahinschmelzenden Musik eines Giacomo Puccini gefällig zu machen. Wenn schon Kitsch, dann so.

Manon Lescaut
Weitere Aufführungen an der Grazer Oper:
27. Oktober, 4., 8., 18., 24. und 30. November sowie 14. und 20. Dezember.
Achtung: variierende Anfangszeiten und Besetzungen!
oper-graz.com

Kultur undsoweiter, Fazit 87 (November 2012) – Foto © Karl Forster

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Kommentare

Eine Antwort zu “Das Leid ist groß, wir sparen uns das Denken”

  1. Beatrix Alfs
    3. November 2012 @ 17:34

    Endlich ist eine Novelle des russischen Literaten Wsewolod Petrow veröffentlicht worden, die sich auf den Inhalt dieser Oper anlehnt:
    Die Manon Leseaut von Turdej.

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