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Stadtschmied und Designer

| 19. Februar 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 100, Fazitgespräch

Hans Schullin (Foto: Marija Kanizaj)

In seiner Jugend fuhr er Rennen gegen Jochen Rindt, Peter Alexander war sein Angelfreund und Schauspielerin Kim Cattrall aus »Sex and the City« trägt seinen Schmuck. Der Grazer Juwelier Hans Schullin führt ein Jetsetleben und denkt auch mit 72 Jahren nicht daran, leiser zu treten. Denn es gibt noch viel zu viel zu bewegen – nicht zuletzt in seiner Heimatstadt, die er wie kaum ein anderer Grazer Unternehmer geprägt hat.

Das Gespräch führten Johannes Tandl und Peter K. Wagner. Foto von Marija Kanizaj.

::: Hier können Sie das Interview im Printlayout lesen: LINK

Herr Schullin, Sie haben sich jahrzehntelang für die Stadtentwicklung in Graz stark gemacht. Warum sind Sie denn nicht Politiker geworden?
Ich bin einmal gefragt worden, habe damals aber einen Kompetenteren (Anmerk: gemeint ist Siegfried Nagl) vorgeschlagen. Er hat das Angebot angenommen und ist damit heute auch sehr erfolgreich. Ich war damals Obmann der Grazer Innenstadtinitiative und hatte immer mehr mein Unternehmen im Auge.

Wären Beruf und Politik nicht vereinbar gewesen?
Man kann es natürlich nicht ausschließen, sagen wir einfach: Ich habe es nicht versucht. Aber es stimmt schon. Ich hatte immer viele Ideen, die ich realisieren wollte.

Was war Ihr Antrieb?
Zur Innenstadtinitiative bin ich nur gekommen, weil ich erkannt habe, dass ich manche Dinge als einzelner Unternehmer nicht vorantreiben kann. Dann stand der Tourismusverband ante portas und ich wollte verhindern, dass dieser von der Politik einvernahmt wird. Ich habe also damals Bernhard Reif-Breitwieser vom Hotel Erzherzog Johann angerufen. Ich habe gesagt: »Herr Breitwieser, ich kenn Sie zwar nicht, aber Sie sind der Obmann der Hoteliervereinigung, ich bin der Obmann der Innenstadtinitiative – tun wir uns zusammen, lassen wir uns als Tourismuskommission wählen.« Er war offen dafür, wir sind gewählt worden und seitdem sind wir touristisch tätig.

Eines Ihrer größten Anliegen war die Verhinderung der vielen Einkaufszentren am Stadtrand.
Ja, ich bin auch heute noch absolut dagegen. Mein Lieblingssport ist seit Jahren das Wasserskifahren, das hat auch dazu geführt, dass ich ein bisschen herumgekommen bin in der Welt. Als ich einmal in Orlando war, habe ich Einheimische nach dem Zentrum gefragt und die einzige Antwort, die ich bekommen habe, waren Wegbeschreibungen zu den nächsten Shopping Malls. Es gab kein gewachsenes Zentrum, keinen Nukleus. Auch keine Geschichte und Identität. Einen solchen Extremfall wollte und will ich für Graz verhindern.

Aber kann man das wirklich verhindern?
Klar. Obwohl Europa natürlich ein Museum ist im Vergleich zu anderen Kontinenten und in allen Branchen zu sehen ist, dass Abwanderung stattfindet. Wir haben in Graz versucht, die Politik davon zu überzeugen, die Raumordnungsgesetze zu ändern. Aber die Stadt hat sich auf das Land ausgeredet und in der Folge sind Fehler gemacht worden. Selbst die Einkaufszentren selbst haben erkannt, dass die Zukunft wieder der Innenstadt gehört. Es versuchen alle wieder reinzukommen. Man muss als Beispiel nur die City-Arkaden in Klagenfurt bemühen.

In Graz bemühte man sich zuletzt vor allem darum, die Auszeichnung »Unesco City of Design« zu erlangen. Sie sind selbst Designer – welches Potenzial hat dieser Titel?
Wo soll ich nur anfangen (lacht). Designer werden heute überall gesucht, auch von rein kommerziell ausgerichteten Unternehmen. Aber dabei beschränkt sich die Suche nicht nur auf Produktdesigner, sondern man wünscht sich allerorts freidenkende Menschen, die in eingefahrene Situationen des Handels oder der Industrieunternehmen neue Ideen einbringen. Man verzehrt sich geradezu nach Menschen, die etwas ändern können und wollen. Unternehmer suchen Menschen, die frei denken können, und nicht jene, die ausgebildet sind. Wenn man also Design auf Graz runterbrechen möchte, darf man das nicht als Behübschung von Gegenständen verstehen, sondern man muss globaler denken. Eberhard Schrempf versucht das auch immer wieder gebetsmühlenartig zu betonen und macht gute Arbeit. Lediglich die Rolle der Politik habe ich bedauert, weil sie die Fäden selbst ziehen wollte.

Kann die Politik einfach nicht anders?
Nein, kann sie nicht. Vor allem dann nicht, wenn es etwas zu zeigen gibt. Vielleicht war es in diesem Fall auch so, dass man Schrempf vor dem Absturz schützen wollte. Vor den Fragen, wo man Design denn sehen könne in der Stadt. Denn da gibt es natürlich Parteien, die dieses Thema aufgreifen, um zu kritisieren. Vielleicht war dieser Schritt also sogar klug. Sie wissen es selbst, wie die Politik hier funktioniert. Wenn Siegfried Nagl morgen sagt, er möchte die Vinothek am Schloßberg machen, dann ist sie sofort abgeschossen. Weil dann sofort Elke Kahr aufsteht und sich vehement dagegen zur Wehr setzt. Keiner will dem anderen einen Erfolg gönnen. Das war auch ein Erfolgsgeheimnis von uns beim Tourismusverband, als wir den Schloßberg weiterentwickeln wollten.

Wie meinen Sie das?
Wir haben es selbst gemacht. Eigentlich habe ich es fast etwas unbewusst initiiert. Ich habe einmal einen Preis gewonnen, einen internationalen Preis als einziger österreichischer Preisträger sogar. Den wollte ich irgendwo zeigen, aber nicht in Wien sondern in Graz. Schnell kam ich auf den Schloßberg-Stollen, der bis dahin nur einmal im Rahmen des »steirischen herbst« für eine Veranstaltung geöffnet wurde. Ich habe die Genehmigung bekommen und durfte in vier verschiedenen Stollen eine Schmuckausstellung zeigen, denen die vier Elemente zugrundelagen. Jeder Stollen mit einem Element – Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die Leute waren begeistert. Sie haben sich mit Tränen in den Augen bei mir verabschiedet um halb zwei Uhr morgens. Die einen, weil sie sich erinnert haben, wie sie während des Krieges vor den Bomben in diese Stollen flüchten mussten und die anderen, weil sie es so ergriffen von den Exponaten waren. Am Ende haben die Ausstellung insgesamt 14.000 Besucher gesehen.

Haben Sie diese Resonanz als Signal verstanden?
Absolut. Wir haben der Stadtverwaltung in der Folge einen Plan präsentiert, der die Transversale durch den Stollen sowie den Schloßberg-Lift beinhaltete. Dass der Lift schließlich realisiert wurde, hing auch damit zusammen, dass der Tourismusverband eine Million Schilling zur Verfügung gestellt hat. Der Lift war im Gespräch und eigentlich konnte die Stadt nun kaum mehr »Nein« sagen (lacht). Ich wurde damals übrigens stark gerügt vom Land Steiermark, weil mir vorgeworfen wurde, ich solle mich doch mehr um die Werbung für unsere schöne Stadt kümmern, anstatt um infrastrukturelle Projekte. Dabei hatten wir mit dieser Maßnahme viel mehr als mit allen Inseraten in Italien oder vergleichbaren Aktionen erreicht.

Nun machen Sie sich schon seit einigen Jahren für eine gesamtsteirische Vinothek am Schloßberg stark. Bisher gibt es so eine nur in St. Anna am Aigen. Wäre dieses Projekt der letzte Baustein für den perfekten Schloßberg?
Ich würde gar nicht sagen, der letzte. Wir haben schon viel bewegt und es wäre ein weiterer. Diese Vinothek, die mit der Belebung des ehemaligen Helle’schen Gasthauses einhergehen würde, liegt für mich einfach auf der Hand. Eine Gaststätte mit Geschichte wiederzueröffnen und mit modernen Elementen zu versehen, wäre überaus charmant. Derzeit befinden sich dort Wohnungen, die von der Stadt Graz vermietet werden. Aber Stadträtin Elke Kahr will diese Wohnungen nicht aufgeben, mit dem Argument, dass es die billigsten Wohnungen von ganz Graz sind und Bedürftige auch das Recht haben sollen, zu wohnen wie die Reichen. Meine Argumentation ist, dass man den Bewohnern stattdessen viel bessere Wohnungen anbieten könnte. Doch die Fronten sind schon lange verhärtet, weil Frau Kahr erst dann nachgeben will, wenn sie für die zwei oder drei Wohnungen dort oben 50 gleichwertige an einem anderen Standort bekommt.

Was sagen die Menschen, die im Helle’schen Gasthaus wohnen?
Das kann ich nicht beantworten. Ich kenn nur einen, der aufgrund eines Zeitungsartikels zu mir gekommen ist und gemeint hat, dass er kein Obdachloser sei. Etwas, was ich nie behauptet hatte. Das war ein dynamischer, junger Mann, dem ich natürlich nichts wegnehmen will. Aber er könnte eben auch viel besser wohnen – er müsste nur gut über eine Alternative verhandeln mit der Stadt.

Neben dem Schloßberg ist Graz heute vor allem für das Kunsthaus und die Murinsel touristisch bekannt, die für das Kulturhauptstadtjahr gebaut wurden. Was hat »Graz Kulturhauptstadt Europas 2003« nachhaltig bewirkt?
Es hat vor allem dazu geführt, dass die Bevölkerung offener geworden ist. Viele Grazer waren anfangs skeptisch. In Wirklichkeit haben sich dann aber alle dafür interessiert und selbst die Kritiker haben stolz gezeigt, was unsere Stadt alles zu bieten hat. Wenn ich nur daran denke, wie die Mariahilfer Kirche durch ihre Beleuchtung plötzlich als Kulturschatz erkannt wurde, bestätigt mich das in meiner Meinung.

Graz ist eine typische »Second City«. Salzburg und Innsbruck ebenfalls. Was können diese Städte, was Graz nicht kann?
Innsbrucks Profil ist völlig klar mit den schroffen Bergen in seiner Umgebung. Salzburg hat auch ein klares Profil und dabei auf etwas gesetzt, was sich die wenigstens trauen: auf Hochkultur. So wie es mittlerweile überall ist, gibt es eine Ober- und eine Unterschicht, alles dazwischen stirbt aus. Im Sommer haben die Theater geschlossen, also kann Salzburg die Besten zu sich holen und alle Besucher kommen gerne und sind glücklich. Ich würde es die Salzburger Scala nennen. Aus Marketingsicht hat man in Salzburg tolle Arbeit geleistet. Man hat ein Ziel angesteuert und es schließlich erreicht.

Wo ist das Potenzial von Graz?
Es ist kein eindeutiger USP zu erkennen. Aber es geht uns nicht so schlecht, wie es Linz gegangen ist. Dort hat man es übrigens ganz anders gemacht. Man hat sich als graue Stadt inszeniert oder vielmehr bestätigen lassen und den Fokus auf die Ars Electronica gerichtet. Linz holte sich die besten Freigeister, hat ein Design Center sowie die Klangwolke und dadurch ein Gesicht.

Welches Gesicht würden Sie sich für Graz wünschen?
Das Gesicht in Form unseres Bürgermeisters ist nicht schlecht, das ist ein junger Mensch, der etwas will. (lacht) Nein, im Ernst: Das Grazer Gesicht ist für mich derzeit noch der Schloßberg. Wenn ein japanischer Reiseführer in der Stadt unterwegs ist, hält er einen Regenschirm in der Hand. Unser Regenschirm ist der Schloßberg. Wenn man dort oben ist, muss man auch gar niemandem erklären, dass unsere Dachlandschaft etwas Besonderes ist, weil er es von selbst erkennt. Das Zeughaus sollten wir auch noch mehr forcieren in Zukunft. Und natürlich können wir als moderne »City of Design« punkten. Unser Reiz ergibt sich dann wohl aus der Lust am Gegensatz zwischen Alt und Neu.

Ihr Unternehmen bietet ebenfalls Alt und Neu. Seit 2000 haben Sie mit »New One« eine neue Marke kreiert, die von Ihrer Tochter erfolgreich geführt wird und auch in Wien und Salzburg bereits Filialen eröffnet hat. Dass sich Ihr Unternehmen stets weiterentwickelt, ist aber fast verwunderlich. Sie haben nämlich exklusiv die Rolex-Lizenz für die Steiermark und Kärnten und in der Branche heißt es: Wer die hat, hat eine Gelddruckerei. Warum beschäftigen Sie sich noch mit anderen Dingen?
Natürlich könnte man sagen, ich müsse nichts mehr machen. Aber ich bin noch mit viel zu viel Spaß und Leidenschaft dabei. Erst unlängst bin ich hängengeblieben bei einer Fernsehsendung, in der es um einen Geigenbauer aus Barcelona ging. Der hat einen Satz gesagt, der mir sehr gefallen hat: »Mein Job ist mein Leben. Ich mache es, so lange ich es machen kann.«

Ist das auch Ihr Ziel?
Man kann es nie wissen. Daher halte ich mich ganz an Konrad Adenauer, der einmal gesagt hat: »Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.« Was ich damit sagen will: Wenn mir mein Job irrsinnig Spaß macht, ist das nur meine Sicht von heute, wer weiß, was bald kommen mag.

Herr Schullin, was bedeutet für Sie eigentlich Luxus?
Zeit. Nicht umsonst steht in unserem Katalog an der Stelle, wo wir beginnen, Uhren zu zeigen: »Take your time.«

Herr Schullin, vielen Dank für das Gespräch!

***

Hans Schullin wurde 1941 in Graz geboren. Er absolvierte eine Uhrmacherlehre, besuchte die Hochschule für Welthandel in Wien und studierte in London Edelsteinkunde. 1968 übernahm er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Herbert das von Vater Johann eröffnete Uhren- und Juwelier-Geschäft im »Gemalten Haus« in der Grazer Herrengasse. Schon 1972 zog es ihn nach Wien, wo er am Graben einen weiteren Standort aufbaute. Weil seine erste Frau in den 90ern aber nach Graz zurückwollte, tauschte er das Wiener Geschäft mit seinem im Grazer Stammgeschäft verbliebenen Bruder Herbert. Fortan machte er sich in der Murmetropole in der Innenstadtinitiative und beim Tourismusverband einen Namen.

Fazitgespräch, Fazit 100 (März 2014) – Foto von Marija Kanizaj

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