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Eine Liebe fürs Leben

| 30. Juli 2014 | Keine Kommentare
Kategorie: Fazit 105, Fazitreise

Foto von Katharina Zimmermann

Pilcher-Romantik trifft auf Boardmasters und »fancy Coffeeshops« treffen auf familiäre »Bed and Breakfasts«. Cornwall ist der unenglischste Ort Großbritanniens und weiß das auch. Surfen, wandern, wohlfühlen ist die Devise am südwestlichsten Zipfel Englands. Und ehe man sich’s versieht, hat man sich in die Klippen, das Meer und die Charaktere verliebt.

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An beliebten Tagen ist der Gwithian Beach nahe Hayle gesäumt von Neoprenanzugträgern. Die einen erfreuen sich der Wellen, teils mit Bodyboard bewaffnet, teils nur mit der Freude am Schwimmen. Dann sieht man, etwas abseits des Badebereichs, die Kitesurfer durch den Himmel schneiden. Neben den vereinzelten Windsurfern erkennt man auch noch Rudelweise Wellenreiter, schwarze Punkte im Meer, die auf die perfekte Welle warten. Am englischen Strand sind übrigens nicht nur die Surfer aktiv, es gibt zahlreiche Strandaktivitäten und jeder scheint in Bewegung zu sein. Ob das wohl an den teilweise frösteligen Temperaturen liegt, die wir an dieser Stelle lieber unerwähnt lassen? Auch auf die Wassertemperaturen von höchstens 17 Grad im September gehen wir besser nicht ein. Beachtennis, Rugby, Football, Skimboarding und Frisbee sind nur einige wenige Möglichkeiten, am kornischen Strand aktiv zu sein. Im Süden ist es die Whitsand Bay, die mit ziemlicher Sicherheit genügend »Swell« zum Surfen zu bieten hat.

Gut gekleidet
Dass man in Cornwall als Surfer und Strandbesucher ein anderes Equipment braucht als auf Bali oder in Kalifornien, liegt auf der Hand. Darüber haben sich Ernest Capbert und Gregor Matthews von Finisterre den Kopf zerbrochen. Mittlerweile bieten sie Surfkluft in ihrem Workshop nahe St. Agnes an, der so gar nicht nach herkömmlichem Billabong, Quiksilver oder Rip Curl aussieht. »Wir wollten die Bedürfnisse von Kaltwassersurfern erfüllen und haben uns eine komplett neue Linie ausgedacht«, erzählt der sympathische Amerikaner Ernest, dem ein riesiger Schnauzer im Gesicht klebt. Blickt man sich im Shop um, sieht man nicht nur die Grundfarben Rot, Blau und Gelb, sondern auch ganz viel Wolle. »Die stammt von britischen Schafen – wir nennen sie Bowmont«, sagt Ernest. Produziert wird in Portugal, denn Finisterre achtet darauf, dass die Waren möglichst wenige Transportwege zurücklegen. Das, was ausgelagert wird, ist in der sogenannten »i-spy« Karte auf der Website zu sehen. So können die Produktionswege nachvollzogen werden.

Ein Rahmen mit Inhalt
Böse Zungen behaupten, Cornwall sei ein Rahmen ohne Inhalt. Schöne Klippen umranken das Landesinnere, das eher zu wünschen übrig lässt. Wer allerdings mit offenen Augen und wanderlustigen Beinen durch das Land geht, merkt schnell, dass das ausgemachter Blödsinn ist. Nicht nur der Camel Trail, der das Fischerdorf und Gourmetmekka Padstow mit dem Bodmin Moor verbindet, ist ein Beweis für die schönen inneren Werte von Cornwall, sondern auch der St. Michael’s Way, der von St. Ives zum mystischen St. Micheal’s Mount bei Marazion führt. Ein bisschen weiter weg von Land’s End erstreckt sich dann der Saints’ Way von Fowey nach Padstow auf 41 Kilometern. Diese beiden Routen sind eng mit den frühen Pilgerwegen der irischen Christen verbunden, wirken beim Wandern wild umwuchert und sind zum Träumen schön. Orte wie die ehemalige kornische Hauptstadt Lostwithiel haben sich einen Namen in der Antiquitätenszene gemacht und in Truro lässt es sich herrlich einkaufen. Außerdem gibt es eine Reihe an Bauernhöfen, die ihre rustikal-lieblichen Zimmer als Bed and Breakfast anbieten und den Reisenden damit Einblick in ihre Welt geben.

Im Zeichen der Nachhaltigkeit
Irgendwo im Nirgendwo, wo sich Kuh und Schaf »Gute Nacht« sagen, haben die Tamblyns ihre Farm. Sie heißt »Botelet«. Wer einmal dort war und die von historischen Straßenlaternen gesäumte Einfahrt zum Haus gekommen ist, weiß, dass Botelet mit wunderschöner Platz gleichzusetzen ist. Ein Ort, an dem die Zeit stillsteht, der aber trotzdem den Zeitgeist trifft. Mit Solarpaneelen und Windrädern haben sich die Tamblyns Energieautarkie gesichert. Ihren Gästen bieten sie nicht nur B&B-Zimmer mit knarrenden Türen und wildromantisch-winselnden Fenstern an, sondern auch original mongolische Jurten und eine große Wiese, die sich perfekt zum Campen eignet. Dazu serviert Tia frühmorgens selbst gemachtes Granola mit Nüssen, auf der Farm gesammelten Beeren und vielen anderen Biofreuden. Alles mit Suchtfaktor. Am Ende des Tages wandert man zum historischen Steinkreis, der einst Treffpunkt der Menschen war, die sich vor 3000 Jahren in dieser Region angesiedelt hatten, und wundert sich, wie Cornwall es schafft, das Licht so golden und warm hinzubekommen.

Küstennah, weltfern
Wanderer lieben ihn. Den South West Coast Path. Einen Wanderpfad, dem man rund um den südwestlichen Zipfel Englands folgen kann. Über Stock und Stein, durch Matsch und Kuhfladen wandert man mit stetem Blick auf die See und erlebt dabei einen der seltenen Momente, an denen man sich einfach einmal nirgendwo anders hinsehnt. Denn wer den Coast Path beschreitet, der lebt im Hier und Jetzt, dabei ist jeder Moment und jeder Atemzug kostbar. Hinter jeder Klippe wartet ein neuer, atemberaubender Blick, der entweder kilometerweit in die Ferne schweift oder meterlang in die Tiefe. Gesäumt ist der Coast Path – je nachdem an welcher Ecke man ihn geht – von Ginster, Heidekraut, Blaubeeren, Brombeeren, knorrigen Apfelbäumen oder dem Wind ergebenen Heidebäumen. Nahe Land’s End eröffnet sich ein wahres Farbenmeer wenn man ins Landesinnere blickt. Oft kann man sich gar nicht entscheiden: Betrachtet man die mit ganzer Kraft des Meeres umspülten Klippen oder doch lieber das bunt bewachsene, fröhliche Hinterland? Wie ein Schwamm saugt man am kornischen Coast Path Erinnerungen auf, die man dann im Pub des nächsten Fischerortes beim Cream Tea, der obligatorisch mit zwei weich gebackenen »Scones« (eine Art Brotgebäck), »Clotted Cream« (Streichrahm) und Erdbeermarmelade eingenommen wird, Revue passieren lässt. Ein gelungener Abschluss für eine wanderbare Zeit. Und am nächsten Tag beginnt das Abenteuer Cornwall von Neuem.

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Fazitreise, Fazit 105 (August 2014) – Foto: Katharina Zimmermann

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